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Kaufen,Halten,Verkaufen? 3 Szenarien am Beispiel 1929-32 - 500 Beiträge pro Seite



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ftd.de, Fr, 14.3.2003, 2:00
Geldanlage: Nichts tun bringt nichts
Von Joachim Dreykluft
Die Baisse geht in ihr viertes Jahr. Viele Experten raten, die niedrigen Kurse für Nachkäufe zu nutzen. Doch die meisten Anleger zögern. Welches die richtige Strategie in der Krise ist, ist schlicht eine Frage des Timings wie die folgende Analyse zeigt.

Jetzt noch verkaufen? Oder vielleicht gerade jetzt nachkaufen? Drei Jahre Flaute an den Märkten haben die meisten Börsianer vorsichtig werden lassen. "Erst mal abwarten", lautet das Motto der Stunde. Die weltpolitischen Unsicherheiten stützen diese Meinung.

Das ist natürlich gar nicht im Sinne derer, die davon leben, dass Anleger Aktien oder aktienbasierte Produkte kaufen. "Abwarten ist die schlechteste Strategie", heißt es auf Seiten vieler Fondsmanager. Die meisten empfehlen, das gegenwärtige Kursniveau zum Nachkaufen zu nutzen. Denn schließlich dauere die aktuelle Börsenkrise schon länger als die berühmteste Baisse Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre.


SJB Fondsskyline etwa vertritt diese Meinung. Der Fondsdienstleister aus Korschenbroich bei Düsseldorf versucht, seine These mit einem Szenario zu untermauern. Als Beispiel dient der Dow Jones der Jahre 1929 bis 1932. Fondsskyline lässt in einer kürzlich veröffentlichten Modellrechnung einen fiktiven Anleger am berühmten "Schwarzen Freitag" - der eigentlich ein Donnerstag war (24. Oktober 1929) - 10.000 $ in Dow-Werte investieren. Die folgenden drei Szenarien (siehe Grafiken) sollen zeigen, wie schwer es ist, die richtige Krisenstrategie zu finden.

Szenario 1:




Das Vermögen wird in den folgenden zweieinhalb Jahren fast vernichtet. Doch der mutige Anleger steckt am 8. Juli 1932, mitten in der großen Depression, weitere 10.000 $ in Aktien. Und siehe da: Ein Jahr später steht der Wagemutige mit einem satten Plus von 45,4 Prozent da. Die beiden Alternativ-Strategien, Verkaufen und Halten, führen dagegen zu massiven Verlusten.


Doch das Modell hat einen Haken: Wir wissen heute, dass der 8. Juli 1932 der Wendepunkt war. Genau an diesem Tag nachzukaufen, scheint nicht ganz fair. Denn ein anderes Timing führt sicherlich zu anderen Ergebnissen und lässt auch der Verkaufen- und Halten-Strategie Chancen, wie das zweite Krisenszenario zeigt.

Szenario 2:




Die Ausgangssituation ist identisch. Allerdings verfehlt der Nachkäufer diesmal den günstigsten Zeitpunkt. Er steckt, verführt durch ein Aufflackern von Optimismus, im April 1930 erneut Geld in den Markt. Doch diesmal fällt er auf die Nase. Am Ende wird sein Mut mit einem Minus von 65 Prozent bestraft.


Die Halten-Strategie bringt ein ähnliches Ergebnis. Auch wer nichts tut, erleidet am Ende einen Verlust von fast zwei Dritteln. Ganz anders der entschlossene Verkäufer. Er erkennt die Bullenfalle, nutzt sie zum Ausstieg und kommt am Ende mit einem blauen Auge in Form eines Minus von zwei Prozent davon. Aber auch dieses Beispiel ist konstruiert, denn heute kennen wir auch hier den richtigen Zeitpunkt zum Verkaufen.


Doch die Szenarien zeigen: Beide Strategien, sowohl Nachkaufen als auch Verkaufen, können erfolgreich sein. Aber was ist mit der Halten-Strategie? Sie wirkt rational, weil so viele gute Argumente für sie sprechen: Erst mal abwarten, weil niemand weiß, wie sich die Börse entwickelt. Schon investiert bleiben, falls der Aufschwung kommt. Aber bloß dem guten Geld kein schlechtes hinterherwerfen, falls es noch weiter abwärts geht. Tatsächlich lässt sich ein Szenario konstruieren, bei dem die Halten-Strategie überlegen ist.

Szenario 3:




In diesem Beispiel ist - mit dem Wissen von heute - der Einstiegszeitpunkt optimal. Er erfolgt am Tiefpunkt des Dow im Juli 1932 nach fast drei Jahren Talfahrt. Zwei Jahre später ist, einfach durch Abwarten, die investierte Summe um beachtliche 193 Prozent gewachsen.


Selbst der Verkäufer macht in dieser Börsenphase Gewinn. Nach einem Zwischenhoch im Sommer 1932 geht es im Dow über Monate wieder abwärts. Im Februar 1933 zieht der Anleger, gebeutelt von den Erfahrungen der Vorjahre, die Notbremse und steigt mit einem Plus von 22 Prozent aus dem Markt aus.


Und so sieht Szenario 3 für den Nachkäufer aus: Er nutzt die zeitweilige Schwäche, steckt weitere 10.000 $ in den Dow und kann im Sommer 1935 ein Plus von 167 Prozent vorweisen. Das ist nicht ganz so optimal wie die Halten-Strategie, aber auch ganz gut.


Auf den zweiten Blick ist es sogar noch besser. Denn die relative Performance verdeckt den absoluten Ertrag. Der Anleger mit der Halten-Strategie hat aus seinen 10.000 $ 29.260,02 $ gemacht, ein Gewinn also von 19.260,02 $. Bei der Nachkauf-Strategie stehen am Ende 53.305,13 $ zu Buche, ein Ertrag von 33.305,13 $.


"Kaufen Sie Aktien und dann schlafen Sie, schlafen Sie, schlafen Sie, und Sie werden beim Aufwachen angenehm überrascht sein." Ist dieser so überzeugend klingende Rat von Altmeister André Kostolany etwa falsch? Haben am Ende die Fondsmanager Recht, die Abwarten für die schlechteste Strategie halten?


Im Prinzip ja. Denn die Nachkauf-Strategie und die Verkaufs-Strategie (zu der Fondsmanager ganz selten raten) haben beide ihre Berechtigung, je nach erwarteter Entwicklung der Märkte. Wer glaubt, dass es wieder nach oben geht, sollte (nach-)kaufen. Wer von fallenden Kursen ausgeht, fährt mit Verkaufen am besten.


Hingegen lassen sich nur mit Mühe Szenarien konstruieren, in denen Halten die beste Strategie ist. In Zeiten, in denen die Börse eine Einbahnstraße nach oben ist, erzielt man damit, relativ gesehen, zwar die besten Resultate. Am absoluten Ertrag gemessen, erweist sich aber Nachkaufen als die bessere Variante.


Das Problem steckt also in unseren Köpfen: Wir müssen uns entscheiden, weil nichts tun nichts bringt. Da wir uns aber nicht entscheiden können, entscheiden wir uns automatisch für das Falsche: die Halten-Strategie.



© 2003 Financial Times Deutschland , © Illustrationen: FTD, FTD1

[Diese Nachricht wurde von tibesti am 14-03-2003 editiert.]


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