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5. Gegenwärtige Entwicklungen: Das Ende der Schulen
Es fällt heute wesentlich schwerer Schulen oder markante Richtungen innerhalb der psychologischen Forschung zu erkennen. Sie ist gegenwärtig durch eine Pluralität der Lehrauffassungen gekennzeichnet, wobei jedoch informelle Netze zwischen ähnlich denkenden Psychologen vorhanden sind. Gemeinsam ist den meisten eine Überwindung des Behaviorismus. Die neueren kognitiv-psychologischen Richtungen heben ab auf Wahrnehmung, Denken und Informationsverarbeitung, die kritisch-psychologischen Richtungen stellen die politisch-gesellschaftliche Einbindungen des handelnden Menschen heraus. Bei der humanistisch-psychologischen Richtung geht es um die Suche des Menschen nach Selbstverwirklichung.


5.1 Kognitive Psychologie und psychologische Handlungstheorien
5.1.1 Die Computer-Metapher
Während Descartes ein mechanistisches Menschenbild vertreten hat, wurde in der Romantik die Seele des Menschen mit dem Wasser(dampf)) verglichen und nach der Entdeckung der Nervenfunktionen um die Jahrhundertwende zog man Parallelen zwischen dem menschlichen Denken und dem Funktionieren eines Telefons oder Radios (nachrichtentechnische Metapher) Heute dominiert die Computer-Metapher, d.h. das Funktionieren des menschlichen Verstandes wird mit einem Roboter oder Computer verglichen.
5.1.2 Die sog. Kognitive Wende
Um eine weitergehende Antwort auf die Frage nach der Ähnlichkeit zwischen Gehirn und Computer zu erhalten, erhielten George A. Miller, Eugene Galanter und Karl H. Pribram eine Forschungsstipendium, um zu prüfen, welchen Nutzen die Kybernetik für die Psychologie hatte. Sie nehmen an, daß kybernetische Systeme Ziele (Sollwerte) haben, über Wissen (Speicher) verfügen und zur Zielerreichung Pläne (Computerprogramme) verwenden. Auch das menschliche Handeln wird ihrer Meinung nach als kompliziertes Netzwerk von Regelkreisen aufgefaßt, wobei Verhalten das Resultat sowohl externer Bedingungen (siehe Behaviorismus) als auch interner Handlungsziele (siehe v.a. Motivationstheorien und neuere Gestaltpsychologie) ist. Diese Abkehr von der Modellvorstellung eines passiv reagierenden Menschen zu einem planenden, selbsttätig handelnden und wahrnehmenden Individuum wurde als "Kognitive Wende" bezeichnet, die in den 70er Jahren zur dominierenden Richtung wurde, wobei der Begriff Wende eher auf die amerikanische Psychologie zutrifft, da es besonders in Deutschland schon vorher zahlreiche Vorläufer dieser Richtung in der wahrnehmungs-, gestalt-, ganzheits-, denkpsychologischen Strömungen gegeben hat, wie z.B. Wundts Bewußtseinspsychologie, die Willenspsychologie Narziß Achs, die Denkpsychologie der Würzburger Schule, Karl Bühlers Sprach- und Ausdruckstheorie, die Gestaltpsychologie, Lewins Feldtheorie, Dunckers Psychologie des Problemlösungsverhaltens, Wertheimers und Metzgers Arbeiten über produktives und schöpferisches Denken, die sozialpsychologischen Balance- und Dissonanztheorien, etc.
Jedenfalls erhalten viele traditionelle Bereiche der Psychologie durch die Hinzunahme kognitionspsychologischer Konzepte eine neue Qualität (v.a. die Lerntheorien wie das operante Konditionieren.) Das forschungsmethodische Problem liegt darin, daß Kognitionen nur mittelbar aus dem Verhalten erschlossen werden können.
Vielleicht wird es bald eine neue Disziplin der "Kognitiven Wissenschaften" geben, die Informationsverarbeitung, künstliche Intelligenz, Psycholinguistik etc. umfaßt.
5.1.3 Psychologische Handlungstheorien
Russische Psychologen, wie Sergej Rubinstein hatten auf der Grundlage marxistischer Gesellschaftstheorie die Bedeutung zielgerichteter Tätigkeit des handelnden Menschen im gesellschaftlichen Leben herausgestellt. Tätigkeiten lassen sich demnach in einzelne zielgerichtete Handlungen aufteilen, sie sind hierarchisch organisiert und werden durch (Teil-)ergebnisse reguliert. Diese Gedanken Rubinsteins wurden erst in den 70er Jahren von WInfried Hacker (Dresden) und Walter Volpert (West-Berlin) in direkten Bezug zu Miller, Galanter und Pribram als Modell der hierarchisch-sequentiellen Handlungsregulation formalisiert und auf berufliche Tätigkeit angewandt.
Die sog. Berner Schule, die diese Auffassung auf Handlungen jeder Art überträgt, entwickelte die sog. Selbstkonfrontationsmethode, wobei Personen Filme über ihre eigene Handlungssituation gezeigt werden, die anschließend über ihre Gedanken und Absichten während der Handlungen befragt werden.


5.2 Kritische Psychologie
Kritische Wissenschaftstheorien befassen sich im allgemeinen auf die Gesellschaftstheorie von Karl Marx.
Im Jahr 1923 wurde an der Universität Frankfurt das Institut für Sozialforschung gegründet mit der Aufgabe, Wechselwirkungen von Gesellschaft und Kultur (Philosophie, Literatur, Musik und Film) zu untersuchen. Dazu kamen Studien zu Autorität und Faschismus 1933 wurde das Institut geschlossen und die führenden Mitglieder dieser Einrichtung, wie Theodor W. Adorno (1903-1969), Erich Fromm (1900-1980), Max Horkheimer (1895-1973) und Herbert Marcuse (1898-1979), mußten ihre Studien in der Emigration fortsetzen. Nach der Wiedereröffnung 1951 setzten sie die philosophische, historische und psychoanalytische Interpretation der Gesellschaftstheorie von Marx fort. In den 60er Jahren kam es dann zu einer wissenschaftstheoretischen Diskussion mit Vertretern des Neopositivismus wie Karl Popper (*1902) und Hans Albert (*1921), dem sog. Positivismusstreit. Die Neopositivisten (Kritische Rationalisten) forderten eine Trennung von Werturteilen und wissenschaftlichen Sätzen und vertraten somit eher eine "liberale" Psychologieauffassung, die der Ansicht war, die Psychologie könne Wege aufzeigen zu Zielen, die sie nicht selbst setze, sondern die heteronom gesetzt würden. Auf der anderen Seite stellte Vertreter der Frankfurter Schule heraus, daß jeder Theoriebildung ein Erkenntnisinteresse vorausgeht (Habermas) und daß Theorien von Herrschaftsinteressen bestimmt und durchsetzt sind (Adorno).
Klaus Holzkamp (*1927) erarbeitete eine wissenschaftstheoretische Orientierung, die zunächst als Konstruktivismus, heute allgemein als "Kritische Psychologie" bezeichnet wird. Teilweise noch radikaler als die "Frankfurter Schule" fordert Holzkamp mit Marx ein dialektisches Verhältnis von Mensch und Gesellschaft und vertritt die Ansicht, Psychologie sei als Einzelwissenschaft möglich, jedoch der marxistischen Gesellschaftstheorie unterzuordnen.
Heute ist eine Annäherung von kritischer, geisteswissenschaftlicher und neopositivistischer Psychologie festzustellen.



5.3 Humanistische und Transpersonale Psychologie
5.3.1 Humanistische Psychologie
Die humanistische Psychologie grenzt sich sowohl vom Behaviorismus als auch von der Psychoanalyse ab und bezeichnet sich so als "dritte Kraft" der Psychologie. Dazu gehören: Abraham Maslow, Charlotte Bühler, Carl Rogers, Fritz Perls Sidney M. Jourard, Rollo May, Fred Massarik u.a. Man wollte eine Psychologie entwickeln, die das aktive Streben des Menschen nach einem erfüllten Leben, nach Anerkennung und Selbstverwirklichung in den Mittelpunkt stellte. 1961 wurde unter dem Vorsitz von Abraham Maslow die American Association of Humanistic Psychologie gegründet, die v.a. folgende 4 Thesen vertritt:
1. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die erlebende Person (nach theoretischen Erklärungen und sicht barem Verhalten)
2. Der Akzent liegt auf spezifisch menschlichen Eigenschaften wie der Fähigkeit zu wählen, der Kreativi tät, Wertsetzung und Selbstverwirklichung.
3. Die Auswahl der Fragestellung und Forschungsmethoden erfolgt nach Sinnhaftig keit (weniger nach Objektivität)
4. Ein zentrales Anliegen ist die Aufrechterhaltung von Wert und Würde des Menschen, und das Interesse gilt der Entwicklung der jedem Menschen innewohnenden Kräfte und Fähigkeiten.
Rogers geht davon aus, der Mensch sei von Natur aus gut und verfüge über Selbstheilungskräfte. Nach Bühler strebt er nach einem erfüllten Leben und nach Maslow nach Selbstverwirklichung.
Die von Charlotte Bühler (mit Allen) angeführte historische Wurzel des Humanismus und des Existentialismus sind nicht sehr überzeugend. Größere Ähnlichkeiten finden sich in der Reformpädagogik (Georg Kerchensteiner, Peter Petersen, Maria Montessori) und zur geisteswissenschaftlichen Psychologie, da bei diesen 3 Richtungen die starke Betonung der Eigengesetzlichkeit menschlichen Denkens und Handelns und die Annahme dynamischer Kräfte im Menschen im Mittelpunkt stehen. Auch in ihrem Methoden greifen die humanistischen Psychologen auf altere Ansätze zurück, wie z.B. die phänomenologischen Methoden wie sie von Edmund Husserl, Theodor Lipps und Ludwig Klages benutzt wurden. Der Psychologie soll allem Seelischen ohne voreilige Deutung, Wertung oder Kritik mit derselben Aufmerksamkeit begegnen. Auf Grundlage der Humanistischen Psychologie sind mehrere Therapie- und Beratungsformen entwickelt worden.
5.3.2 Transpersonale Psychologie
Der Begriff der Transpersonalen Psychologie wurde von Abraham Maslow und Stanislaw Grof geprägt und umfaßt verschiedene sehr heterogene Ansätze. Hauptanliegen ist die Untersuchung des Bewußtsein einschließlich bewußtseinserweiternder Prozesse wie insbesondere spirituelle Erfahrungen, Ekstase, Grenz- und Sterbeerfahrungen. Die Fragen haben teilweise religiösen Charakter, die Methoden umfassen neben der Meditation auch bewußtseinsverändernder Stoffe. Beeinflußt ist die T.P. durch östliche Religionen und Psychologiesystemen, wie den Zen-Buddhismus, Yoga und Sufismus.
Zuspruch findet die T.P. auch durch die Arbeiten Fritjof Capras und Hans-Peter Duerr. Gemeinsam ist beiden Theorien die Abkehr der neueren Naturwissenschaften vom kartesianischen, d.h. mechanistischen Weltbildes. Der kartesianische Dualismus von Körperwelt und Bewußtsein, was einen gewaltigen Fortschritt der Naturwissenschaft zur Folge hat, die mittlerweile aber immer mehr an ihre Grenzen stößt. Z.B. entwickeln sich immer mehr Krankheiten, die aufgrund von physischen und psychischen Faktoren zustande kommen, und die Medizin allein nicht mehr heilen kann. Noch wird die Transpersonale Psychologie - wie früher auch die Humanistische Psychologie - von vielen mit Mißtrauen betrachtet, die hierin lediglich eine regressive Flucht ins Magisch-Mystisch-Spirituelle sehen. BR im Juni 1993

http://www.ngfg.com/texte/br006.htm#P_100_Möglichkeiten


Toleran -> z :eek:


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