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Ausgepreßt und weggeworfen

Frankfurt/Main: Postler kritisieren geplante Abschaffung von Vollzeitarbeitsplätzen in der Briefzustellung

Die Folgen der Privatisierung und Zerschlagung der alten Deutschen Bundespost gestalten sich für die Beschäftigten immer mehr zu einem Schrecken ohne Ende. Wo Menschen früher ein Auskommen und einen einigermaßen sicheren Job fürs Leben hatten, werden heute zunehmend befristete Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit und Teilzeitjobs eingeführt. Kurzum: prekäre Arbeitsverhältnisse, die kein Mensch ein Leben lang aushält, und Einkommen, von denen kein Mensch eine Familie ernähren kann. Zunehmend setzen die Postmanager seit dem Börsengang alles daran, die Beamten (bis Mitte der 90er Jahre wurde im Westen noch viele Postler verbeamtet) und für sie als »Kostenfaktor« zu teuren »alten« Tarifkräfte mit allerlei Schikanen wie etwa Zwangsversetzungen in entlegene Gebiete hinauszuekeln und durch jüngere und billigere Arbeitskräfte zu ersetzen. Ebenso setzt das Management darauf, ältere Beamte in die »Dienstuntauglichkeit« abzuschieben, damit dann der Bund für die Pensionskosten aufkommt.

Auch routinierte Postbeschäftigte beklagen die zunehmende Arbeitsverdichtung im Alltag. In ländlichen Zustellbezirken ist die Belastung für die Briefträger durch Wiedereinführung der Verbundzustellung von Brief- und Paketsendungen deutlich gewachsen. In vielen Bereichen sind durch Personaleinsparungen so wenig »Vertreter« vorhanden, die bei Krankheit oder Urlaub kurzfristig einspringen können, daß ein Abbau der großen Überstundenberge durch zusätzliche freie Tage immer weniger möglich wird.

Jetzt kommt von den Beschäftigten der Deutschen Post AG im Zustellstützpunkt am Hauptbahnhof Frankfurt/Main (Poststraße) ein Aufschrei der Empörung über neue Pläne des Managements. Die bisherigen Vollzeitarbeitsplätze der dort eingesetzten Briefzusteller sollen durch Trennung von Vorbereitung und Zustellung (im Fachjargon »TVZ«) in Teilzeitarbeitsplätze mit 30 Wochenarbeitsstunden umgewandelt werden.

Mit diesem modellhaften Vorstoß droht den bundesweit rund 60 000 Briefzustellern eine ungewisse Zukunft. Denn anders als bisher wären sie mit dem Einkommen aus einer 30-Stunden-Woche nicht mehr in der Lage, eine Familie einigermaßen über Wasser zu halten.

»So bedanken sich unsere Postmanager, die im Monat über 100 000 Euro an Lohn erhalten, bei den Zustellern für die jahrelange erbrachte Qualität und den flexiblen Einsatz bei personellem Notstand«, erklärte der Frankfurter Postler und Gewerkschafter Bernd Mann von ver.di-Fachbereich 10 (Postdienste) auf jW-Anfrage: »Nur durch die vielfältige Bereitschaft zu Überzeitleistungen der Zusteller ist in unserem Unternehmen der Betrieb und die Qualität oftmals noch aufrechtzuerhalten«.

Allein in der Niederlassung Frankfurt/M. habe sich in der Zustellung ein »Berg von über 70 000 Überstunden« aufgetürmt. Durch Rationalisierungsmaßnahmen sei aus den Zustellern in den letzten Jahren alles herausgepreßt worden. Jetzt sollten über eine veränderte Zustellorganisation weitere Kosten eingespart werden: Einsparungen von Wegezeiten, Wegfall von Monatskarten, Gebäudemieten und anderes. Die Postmanager hätten errechnet, daß somit rund 2,4 Prozent der Grundarbeitszeiten, das seien rund 50 Minuten in der Woche je Zustellbezirk, eingespart werden könnten.

Nach dem Realisierungskonzept für die Post-Niederlassung Brief Frankfurt sollen alle 15 Zustellbezirke in den Postleitzahlenbereich 60 323 und 60 325 in neun sogenannte TVZ-Bezirke mit einer Wochenarbeitszeit von 30 Stunden umgewandelt werden. Die Gangfolgesortierung der Briefsendungen für diese TVZ-Bezirke würden dann ebenfalls Teilkräfte – rund 20 Stunden pro Woche – im Zustellstützpunkt erledigen. Die Briefsendungen würden danach zu den Übergabepunkten gebracht. Die Zustelltätigkeit der neun TVZ-Bezirke soll von den dreizehn frisch Ausgebildeten, denen Arbeitsverträge – zum Teil auch nur befristet – mit nur 30 Stunden pro Woche angeboten wurden, direkt an den Übergabepunkten begonnen und beendet werden.

Für die Postkunden befürchten die Gewerkschafter von ver.di eine schlechtere Qualität und einen mangelhaften Service. Kunden müßten darauf gefaßt sein, daß ihre Post schlimmstenfalls erst um 17 Uhr oder später zugestellt werden kann.

»Es ist ein Skandal, daß der Konzern Deutsche Post AG, der mehrheitlich dem Staat gehört und über drei Milliarden Euro Gewinn im Jahr 2003 gemacht hat, Vollarbeitsplätze ohne Not in Teilzeitarbeitsplätze umwandelt und Auszubildende nur mit 30 Stunden in der Woche beschäftigt«, so Bernd Mann: »Teilzeitarbeitsplätze sichern keine Existenzen«.

http://www.jungewelt.de/2004/07-30/013.php


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