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Bush-Nachruf - 500 Beiträge pro Seite



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George W. Bush, 43. Präsident der Vereinigten Staaten, starb heute im Alter von 72 Jahren im Methodist Hospital in Houston, Texas. Die offizielle Todesursache lautet Herzversagen.





» Bush verführte die Demokraten dazu, auf seinem starken Rücken zu reiten, während er den Fluss der Zwietracht durchquerte. «


Bushs umstrittene Präsidentschaft hinterließ vor zehn Jahren eine veränderte Nation und eine veränderte Welt.

Sein Amtsantritt im Jahr 2001 kam durch eine zweifelhafte Wahl zustande, die durch eine knappe 5-4-Mehrheit im zutiefst gespaltenen Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof der USA, entschieden wurde.

Bestärkt durch seine eindeutige Wiederwahl im Jahr 2004 führte Bush die USA in vier Kriege, beschleunigte den Abbau von Sozial- und Gesundheitsversorgung und erzwang drastische Kürzungen im Schul- und Hochschulwesen.

Unter seiner Führung verwandelten sich die von seinem Vorgänger Bill Clinton erwirtschafteten Haushaltsüberschüsse in ein permanentes Staatsdefizit von mehr als einer Billion Dollar pro Jahr.

Gleichzeitig setzte er Steuerkürzungen durch, welche die Unterschiede zwischen den Einkommen und Vermögen von – in Bushs eigener Terminologie – „Besitzern“ und „Vor-Besitzern“ der „amerikanischen ownership society“ in unfassbarem Ausmaß vergrößerten.


» So wurde er zu einer Heldenfigur und übernahm die Verteidigung des Landes, als wäre er allein verantwortlich für diese historische Aufgabe. «


Präsident Bushs Wirtschaftspolitik wurde durch eine Reihe von Entscheidungen des „Bush Court“, wie der Supreme Court seit 2005 genannt wurde, unterstützt.

Damals ersetzte Bush drei ausscheidende Mitglieder durch erzkonservative Richter und raubte damit zahlreichen Unternehmens- und Umweltvorschriften der Regierung ihre rechtliche Grundlage.

Trotz der Aufsicht des Bush–Court verabschiedete der Kongress wiederholt Gesetze, die die Zuständigkeit sämtlicher Gerichte beschnitten, darunter Gesetze zu Fragen der Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit und zum Geschworenengericht.

George W. Bush wurde am 6. Juli 1946 in New Haven, Connecticut, geboren und wuchs in den texanischen Städten Houston und Midland auf, wo sein Vater, der ehemalige Präsident George H. W. Bush, seine Karriere im Öl- und Politikgeschäft begann.

Bush schloss 1968 sein Studium an der Yale University ab. Während des Vietnam-Kriegs war er Mitglied der Nationalgarde von Texas, die zu dieser Zeit als sicherer Rückzugsort vor realen Kriegsgefechten galt.

1975 schloss Bush die Harvard Business School ab und begann seine Laufbahn im Öl- und Politikgeschäft von Texas, keines von beiden lief erfolgreich. Auch wenn er 1977 Laura Welch heiratete und 1981 Vater der Zwillingstöchter Jenna und Barbara wurde, war Bushs Leben in seinen frühen Vierzigern vor allem geprägt von Geschäftspleiten.

Man warf ihm Vetternwirtschaft vor, munkelte von Insolvenzen und Übernahmen durch Konkurrenzfirmen sowie von seinem Bekenntnis zum „Trinken“. (Bush behauptete am Tag nach seinem vierzigsten Geburtstag, er sei durch göttliche Intervention und eigenen Willen vom Trinken losgekommen – das Wort Alkoholismus fiel dabei nie.)

1994 kandidierte Bush für den Posten des Gouverneurs von Texas und erwies sich als erstklassiger Wahlkämpfer. Als er gewählt wurde, war Texas ein Zweiparteienstaat. Wie einer seiner Ratgeber einmal sagte: „Bush verführte die Demokraten dazu, auf seinem starken Rücken zu reiten, während er den Fluss der Zwietracht durchquerte.“

Als Bush das Gouverneursamt abgab, war die texanische Regierung ganz und gar republikanisch.

Während seiner gesamten Karriere wurde der Politiker Bush von seinen Gegnern fahrlässig unterschätzt. Er schuf um sich herum eine Aura der Ahnungslosigkeit, der vornehmen Ignoranz unbequemer Fakten oder Meinungen, war aber vernichtend in seinen Angriffen und durchaus in der Lage, sich als ganz gewöhnlicher Mensch zu präsentieren, der erzürnt ist über die Überheblichkeit eines jeden, der es wagen sollte, sich ihm entgegenzustellen.

Vor den Terroranschlägen des 11. September 2001 wurde er auch als Präsident nicht sonderlich ernst genommen. Danach aber wurde er zu einer Heldenfigur und übernahm die Verteidigung des Landes, als wäre er allein verantwortlich für diese historische Aufgabe.


» Neues vom Führer einer Privatarmee «


Kurz nach dem 11. September startete Bush einen Angriff gegen Afghanistan und führte den Sturz des totalitären Taliban-Regimes herbei, das Al-Qaida Zuflucht gewährt hatte.

Obwohl Osama Bin Laden, Anführer der islamistischen Bewegung, der Gefangenschaft entging, wurden seine Truppen erheblich geschwächt. Mit dem Argument, dass Saddam Husseins Regierung im Irak ein terroristisches Planungszentrum und Waffenlager sei, dass er im Besitz chemischer und biologischer Waffen sei und an einem Atom-Programm arbeite, ließ Bush 2003 eine internationale Koalition in den Irak einmarschieren.

Bush hätte es nicht so genannt, aber die USA beanspruchten in diesen und den folgenden Kriegen monopolartig die Hilfe der Alliierten, wie Großbritannien, weshalb die Allianz mit den Vereinten Nationen zerbrach.

Er ersetzte Saddam Hussein durch eine Besatzungstruppe. Nach seiner Wiederwahl im Jahr 2004 ordnete Bush die Zerstörung derjenigen Städte an, in denen man die Zentren der Aufständischen vermutete.

Obwohl diese Städte zerstört wurden, gingen die Aufstände weiter. Bush drang daraufhin in den Iran und nach Nordkorea vor, nachdem er diese Staaten zu „Schurkenstaaten“ erklärt hatte.

Mit der Stationierung amerikanischer Waffen im Irak wurde Bush in den Augen seiner Kritiker zum „Führer einer Privatarmee“, der sich an kein Gesetz zu halten hat und nach Lust und Laune agieren konnte.

Zudem handelte es sich bei den Militärs um Söldner, die in Form von Kooperationen mit Serbien, Nigeria oder Saudi Arabien angeworben wurden und im Auftrag der USA im Irak waren.

Die geplanten militärischen Attacken sollten im Iran und in Nordkorea Atomwaffendepots zerstören. Anders als in Afghanistan und im Irak stießen die amerikanischen Eindringlinge dort aber jeweils auf erbitterten Widerstand. Folglich entschied sich Bush in Nordkorea für den Einsatz „taktischer Sprengkörper“, sprich Kernwaffen, was später aber dementiert wurde.

Außerdem gab Bush den Befehl, „pinpoint“-Angriffe durchzuführen: Mit punktgenauen Angriffen wurden die Kernwaffendepots im Iran und Nordkorea vernichtet.

Dieser Schachzug löste wiederum den „Eintägigen Krieg“ aus, einen atomaren Schlagabtausch zwischen Indien und Pakistan, der Bombay und Karachi zerstörte und zum Sturz der Regierungen beider Länder sowie zum Rückzug der alliierten Streitkräfte aus dem Irak führte.

Die Folge sind die bis heute anhaltenden Bürgerkriegsserien im Mittleren Osten und auf dem indischen Subkontinent, in deren Verlauf seit 2006 keine herkömmlichen Waffen mehr eingesetzt wurden.

Nach Informationen der Vereinten Nationen wurden rund 12 Millionen Menschen getötet, weitere Millionen vertrieben.

Schon während der ersten Regierungsperiode Bushs wurde deutlich, dass er sich als Messias sah, der von Gott berufen wurde, die Flagge der Freiheit – „Gottes Geschenk an die Menschheit“, wie er sagte – in jeden Winkel der Erde zu tragen.

Die Kriege in Afghanistan und im Irak waren Teil dieses missionarischen Kreuzzuges. Nach der Wiederwahl Bushs wurde klar, dass diese Kriege den Nutzen hatten, Bushs Image und die Macht der Republikanischen Partei im Kongress und den jeweiligen Staaten auszubauen, um Bushs Heimatagenda durchzusetzen.

Der Schriftsteller Donald Hall schrieb: „Die USA waren das eigentliche Ziel der Eroberung“. Rückblickend wird kaum jemand bestreiten, dass Bush die USA tatsächlich erobert oder zumindest unwiderruflich verändert hat.

Der amerikanische Romanautor Philip Roth, der 2008 von der Schwedischen Akademie als die „Stimme der sprachlosen Amerikaner“ bezeichnet und mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, urteilte: „Dieses Land wird nicht von seiner Bürgerschaft regiert, in der jeder von uns eine Stimme hat, sondern von der Börse, die entsprechend ihren Anteilen den Aktionären gehört“.

Nach seiner Präsidentschaft war das Leben Bushs von Missgeschicken gekennzeichnet. Er verlor schon früh das Interesse daran, als Fahnenträger seiner Partei und Chef-Spendensammler zu fungieren.

Einige waren sicher, dass er wieder zu trinken begonnen hatte, denn es sah so aus, als ob er die meiste Zeit in Privatclubs in Houston verbrachte, wo er seit 2010 wohnte, nach dem er seinen Grundbesitz in Crawford, Texas verkauft hatte. („Zumindest muss ich diese verdammte Bürste nun nicht mehr schneiden“, hörte man Bush nach seinem letzen Wahlkampf 2008 sagen, den er gegen den früheren Präsidenten Bill Clinton verlor.)

Am ersten Mai 2011 verunglückten Jenna und Barbara Bush bei einem Autounfall in New York. 2015, vier Jahre später, starb Laura Bush im Alter von 68 Jahren – wie ihr Vater – an Parkinson.

Nachdem Bush einige Zeit getrauert hatte, gab er bekannt, dass er versuche, den Weg zurück in die „Produktivität“ zu finden und um Gottes Willen zu erfüllen, gerne die Chance wahrnehme, Vorsitzender im Baseball-Club zu werden.

Bush verstarb vor seiner Schwester Robin, seinem Bruder John „Jeb“ Bush, dem früheren Gouverneur von Florida, und seiner Schwester Dorothy Bush-Koch. Seine Eltern haben ihn überlebt.


Der Schriftsteller und Historiker Greil Marcus wurde mit seinen Büchern „Lipstick Traces“ und „Mistery Train“ bekannt als der Chronist der Subkulturen des 20. Jahrhunderts. Im Mai erscheint bei Public Affairs „Like a Rolling Stone: Bob Dylan at the Crossroads“.

Aus der Süddeutschen v. 19.1.
:laugh:

hoffentlich gibt nach dem bush-reich noch eine institution, die einen nachruf veröffentlich kann und darf.
Dieses widerliche Machwerk soll tatsächlich in der Süddeutschen gestanden haben?!?!
Dann wäre die SZ noch viel peinlicher, als ich mir jemals hätte vorstellen mögen.
:(
Es steht in der heutigen Ausgabe.
Widerlich ist nicht dieses Machwerk, sondern das Mach t werk um Bush!


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