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GNG im Interview Nachhaltig investieren ohne Renditeeinbußen

14.11.2017, 14:33  |  1560   |   |   

Nachhaltigkeit gewinnt für den Finanzmarkt zunehmend an Bedeutung. Laut dem Forum Nachhaltige Geldanlagen e.V. (FNG) betrug der Gesamtmarkt für Nachhaltige Geldanlagen 2016 im D,A,CH-Raum 419,5 Milliarden Euro. wallstreet:online hatte nun die Gelegenheit mit Herrn Roland Kölsch, Geschäftsführer der GNG – Gesellschaft für Qualitätssicherung Nachhaltiger Geldanlagen mbH, ein Gespräch zu führen.

 

Herr Kölsch, was sind Nachhaltige Geldanlagen und warum sollten Anleger sich diese Investments näher anschauen?

 

Kölsch: Nachhaltige Geldanlagen sind Anlagen, die speziell die Chancen und Risiken von sog. ESG-Themen berücksichtigen. ESG steht für Umwelt (Environment), Soziales und gute Unternehmensführung (Governance). Für ethische Investoren kommen darüber hinaus meist sog. Ausschlusskriterien wie Tabak, Tierversuche, Waffen, Nuklearenergie oder Gentechnik zur Anwendung. In Deutschland sind Nachhaltige Geldanlagen oft als Themeninvestments, wie Erneuerbare Energien, Wasser oder Umwelttechnologie bekannt. In der englischsprachigen Welt entwickelte sich parallel das sog. aktive Aktionärswesen. Das heißt, der Investor macht von seinem Recht als Aktionär – meist gebündelt mit anderen - davon Gebrauch, auf den Unternehmensvorstand im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens einzuwirken.

In den Fokus rückt diese Form der Geldanlage ganz einfach deshalb, weil diese sog. nicht-finanziellen Kriterien immer geschäftsrelevanter werden. Nehmen wir das Beispiel Kinderarbeit bei großen Textilkonzernen wie Inditex (mit der Marke Zara), Diesel-Gate bei VW und vermeintliche Kartellabsprachen in der Autoindustrie oder der Ausstieg aus der Nuklear- und Kohleindustrie. Es sind schlicht wirtschaftliche Gründe, da diese immer schon vorhandenen Kosten mittlerweile besser beziffert werden können und dadurch immer mehr von den Unternehmen selbst getragen werden. Dafür sorgen alleine schon immer striktere Standards weltweit.

Untermauert wird das Ganze durch zahlreiche Beobachtungen (u.a. die Mehrzahl akademischer Studien), dass Investmentfonds, die nachhaltig orientiert sind, bis dato eine mindestens genauso hohe Rendite bei gleichem Risiko für den Anleger erwirtschaftet haben. Das Klischee „Tue Gutes und verdiene Geld daran“ ist also kein abgedroschener Ausdruck für naive Weltverbesserer. Allerdings würde ich persönlich sagen, dass man mit Nachhaltigen Geldanlagen die Welt „weniger schlecht“ macht, um etwas realistischer zu bleiben.


Was macht ihr Unternehmen genau und welche Vorteile bietet das FNG-Siegel dem Anleger?


Kölsch: Wir von der GNG, als 100-prozentige Tochter des FNG, haben einen ganzheitlichen Standard entwickelt, der Anlegern Orientierung bei der Suche nach Nachhaltigen Investmentfonds bietet. Mit dem FNG-Siegel wird eine Aussage getroffen, mit welcher Nachhaltigkeitsqualität ein Fonds unterwegs ist.

 

Es geht also weit über die reine Portfoliobetrachtung hinaus und ist somit sehr viel umfassender und aussagekräftiger. Mit über 80 Fragen wird oft ins Detail gegangen und z. B. der Nachhaltigkeits-Anlagestil, der damit einhergehende Investmentprozess und die Titelauswahl, die dazugehörigen ESG-Researchkapazitäten und ein evtl. begleitender Engagement-Prozess analysiert und bewertet.

 

Darüber hinaus spielen Elemente wie Reporting, ein externer Nachhaltigkeitsbeirat und Governance-Themen eine wichtige Rolle.

 

Dies wird durch ein umfassendes Audit unabhängig geprüft. Somit sehen Anleger, die keine Zeit und auch nicht das nötige Wissen zur eigenen Recherche von Nachhaltigen Fonds haben, auf einen Blick, welche Fonds für sie näher in Frage kommen.

 

Wie viele nachhaltige Fonds sind mit ihrem Siegel zertifiziert und welche Mindestkriterien müssen die Fonds erfüllen?


Kölsch: Aktuell tragen 38 Fonds das Siegel. Dieses Jahr haben sich jedoch erheblich mehr Fondsgesellschaften und Fonds für unseren Qualitätsstandard beworben. Mehr wissen wir am 29. November. Dann vergeben wir im Rahmen einer Preisverleihung die begehrte Auszeichnung.

 

Investitionen in Atomkraft sowie Waffen und Rüstung sind tabu. Außerdem müssen Fonds dafür Sorge tragen, dass weltweit anerkannte Arbeits- und Menschenrechte in den investierten Unternehmen und deren Zulieferer umgesetzt werden, Umweltschutz respektiert wird und Maßnahmen gegen Korruption ergriffen sind.

 

Nachhaltige Geldanalgen weisen angeblich keine schlechtere Performance als konventionelle Investments auf. Der Jahresbericht 2016 des über 800 Milliarden Euro schweren norwegischen Staatsfonds, der mit Ausschlusskriterien arbeitet, widerlegt diese These teilweise. Glauben Sie, dass Anleger nicht bereit sind geringe Performance-Einbußen für eine ethisch korrekte Wertanlage in Kauf zu nehmen? Kunden von Bio- oder Fairtrade-Produkten sind ja auch bereit einen höheren Preis zu zahlen.

 

Kölsch: Nein, das stimmt so nicht. In einer Performanceanalyse des von Ihnen angeführten Staatsfonds werden die einzelnen Nachhaltigkeitsstrategien genauer untersucht. Und dabei zeigt sich, da haben Sie recht, dass sich gerade die Anwendung einer Vielzahl von Ausschlusskriterien leicht negativ auf die Gesamtperformance auswirkte. Konkret kostete der Ausschluss von Tabakunternehmen im untersuchten 10-Jahres-Zeitraum 1,16 Prozent Rendite. Andererseits trugen Umweltaspekte 0,78 Prozent positiv zur Rendite bei. Es gibt also innerhalb Nachhaltiger Geldanlagen Licht und Schatten. Es zeigt sich, dass pauschale Ausschlüsse tendenziell Geld kosten, eine positive Selektion nach ESG-Kriterien jedoch zur Überrendite führt.

 

Was Ihr Vergleich zur Lebensmittelbrache angeht, so ist dieser genau ein Grund, wieso Nachhaltige Geldanlagen immer noch ein Nieschendasein fristen. In der Praxis ist es nämlich eben genau nicht so, dass Anleger Renditeeinbußen hinnehmen müssen. Außerdem werden Nachhaltige Fonds auch nicht teurer angeboten. Im Grunde bietet der Markt Anlegern hier eine Anomalie, die es laut Theorie nicht geben dürfte: Der Kunde bekommt ein in Sachen „Rendite-Risiko“ mit konventionellen Fonds völlig vergleichbares Produkt, hat jedoch ein kostenfreies Zusatzelement mit einer wie auch immer gestalteten Nachhaltigkeit obendrauf, ein sog. „free lunch“.

 

Eine Expertengruppe der Europäischen Kommission zu Nachhaltigen Geldanlagen, die High-Level Expert Group on Sustainable Finance, fordert in ihrem vorläufigen Abschlussbericht ein staatliches europäisches Siegel für Nachhaltige Geldanlagen einzuführen. Wie stehen Sie dazu?


Kölsch: Wir im FNG sind der Meinung, dass es Sinn macht, einen Orientierungsrahmen mit Mindestkriterien zu schaffen, die dann die bereits existierenden Label anwenden müssen. Dies würde zur Harmonisierung führen und hätte den gewünschten Effekt auf europäischer Ebene. Ein konkretes eigenes europäisches Siegel einzuführen halten wir als 15-jähriger Fachverband mit eigener Erfahrung schwierig, denn alle 27 Mitgliedsstaaten müssten sich einig sein. Dabei fangen die Zwistigkeiten doch schon bei der deutsch-französischen Freundschaft in Sachen Nuklearenergie an. Die inhaltliche Befüllung eines europäischen Siegels würde also nicht gelingen. Viel besser ist die verbindliche Definition eines Rahmenwerks, in welchem sich z. B. das FNG-Siegel dann bewegen muss.


Welche Rolle wird Nachhaltigkeit Ihrer Meinung nach in Zukunft im Finanzsektor spielen?


Kölsch: Eine vermehrt zunehmende. Allein aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus.
Aber auch - und im Grunde viel mehr - aus der gebotenen Verantwortung gegenüber zukünftiger Generationen vor dem Hintergrund der enormen Schuldenberge, der sozialen Herausforderungen und nicht zuletzt des Klimawandels.

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