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Zinsen Das Blutbad steigender Zinsen

Gastautor: Daniel Stelter
17.11.2017, 10:50  |  4649   |   |   

Die Zinsen können gar nicht steigen und die beste Investition bleiben Aktien. So die einhellige Meinung. Die Geschichte der letzten 700 Jahre spricht gegen diese These.

In meinen letzten Kommentaren habe ich mich mit der Bewertung an den Börsen beschäftigt und vor allem für die USA den Schluss gezogen, dass die Übertreibung mittlerweile ein so hohes Niveau erreicht hat, dass wir lieber die Cashquote erhöhen. Dies immer im Rahmen meiner prinzipiellen Empfehlung, mit einem Portfolio aus Liquidität, Aktien, Immobilien und Gold für alle Szenarien vorbereitet zu bleiben. Nachdem Aktien in diesem Jahr weltweit gut gelaufen sind, bietet sich ein Rebalancing ohnehin an.

Zinsen bleiben ewig tief?

Kritiker meiner Überlegungen entgegnen mit vier Argumenten:

- Die US-Börse mag hoch bewertet sein, dies trifft aber nicht auf die europäischen Märkte zu, auch nicht auf den DAX. Auch andere Märkte sind noch günstig und deshalb wäre die Sorge vor einer Korrektur unbegründet.

- Deutsche Sparer hätten ohnehin zu wenig Geld in Aktien investiert, weshalb es falsch wäre vor Aktien zu warnen. Wir sollten unsere Aktienquote unbedingt erhöhen.

- Für Langfristanleger spielt die Bewertung ohnehin keine Rolle, weil Aktien auf Dauer mehr Rendite bringen.

- Ein Zinsanstieg ist wegen der vielen auch in dieser Kolumne beschriebenen Faktoren ohnehin undenkbar. Alleine die hohe Verschuldung zwingt zu dauerhaft tiefen Zinsen, käme es doch sonst zum ultimativen Margin Call.

Beim ersten Punkt stimme ich zu, sehe allerdings das Risiko, dass Turbulenzen an der Wall Street auf die Kapitalmärkte weltweit ausstrahlen, egal, wie günstig diese bewertet sind. Noch leichter fällt mir die Zustimmung mit Blick auf die geringe Aktienquote in Deutschland, wobei ich davon ausgehe, dass die Leser meiner Kolumne aktiv an den Märkten sind.

Dass Langfristanleger immer gewinnen, stimmt so nicht. Manchmal muss diese Frist schon sehr lange sein und die Rendite ist nachweislich geringer, je teurer man einkauft.

Die Kernvoraussetzungen für ein weiterhin positives Börsenumfeld bleiben neben der (unstrittig!) guten Weltkonjunktur anhaltend tiefe Zinsen. Nur dann lässt sich die Bewertung an den Finanzmärkten rechtfertigen. Die überwältigende Mehrheit der Investoren geht davon aus, dass die Zinsen niedrig bleiben, weshalb es rational ist, Aktien auch auf heutigem Preisniveau zu kaufen.  

Die Geschichte spricht dagegen

Viel wurde geschrieben zu den Ursachen des tiefen Zinsniveaus. Die demografische Entwicklung, weltweite Ungleichgewichte und Ersparnisüberhänge werden von Wissenschaftlern angeführt, um den deutlichen Rückgang des globalen Zinsniveaus in den letzten Jahrzehnten zu erklären. Andere betonen die Rolle der Notenbanken, die bei jeder Krise mit Zinssenkungen reagiert haben, ohne die Zinsen danach wieder ausreichend zu erhöhen und nun den von ihnen mitverschuldeten Schuldenturm nur mit noch tieferen Zinsen vor dem Einsturz bewahren können.

Dabei ist der Rückgang der Zinsen in den letzten 30 Jahren historisch keineswegs einmalig, wie eine von der Bank of England veröffentlichte Studie zeigt: 

- Über einen Zeitraum von 700 Jahren lag der risikofreie Realzins im Durchschnitt bei 4,78 Prozent, im Schnitt der letzten 200 Jahre bei 2,6 Prozent. Deutlich über dem heutigen Niveau von nahe null.
- Seit rund 500 Jahren ist eine Tendenz zu immer tieferen Zinsen feststellbar. Insofern passt die Entwicklung der letzten 30 Jahre in dieses Muster.
- Hinter dem Rückgang des Realzinses in den letzten 200 Jahren steht auch die Zunahme der Inflation. Betrug diese über 700 Jahre durchschnittlich 1,09 Prozent, stieg sie im letzten Jahrhundert auf rund zwei Prozent an.
- Der Zeitraum seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist die einzige Periode, in dem es zu keiner Deflation kam. Dies dürfte auf die völlige Loslösung vom Gold zurückzuführen sein.
- Den historischen Höchststand erreichte das reale Zinsniveau im 15. Jahrhundert mit rund 25 Prozent angesichts zunehmender geopolitischer Spannungen und dem Fall von Konstantinopel.
- Der reale risikofreie Zins war mehrmals in den letzten 700 Jahren deutlich negativ. Zuletzt in den 1940er-Jahren.
- Insgesamt lassen sich in den letzten 700 Jahren neun Phasen deutlichen Rückgangs der Realzinsen identifizieren. Diese dauerten mindestens zehn bis maximal 60 Jahre an und führten zu einem Rückgang des Realzinses um fünf bis 17 Prozentpunkte.
- Die Phase seit Mitte der 1980er-Jahre ist zwar die zweitlängste, aber zugleich die mit dem geringsten Rückgang der Realzinsen. Sie könnte folglich noch weiter andauern.
 

Sprunghafter Anstieg

Auch in früheren Zinssenkungsphasen glaubten die Anleger, dass die Zinsen „nie wieder steigen“. Dennoch gingen die Zinsen immer wieder hinauf, und zwar, wie die Studie zeigt, durchaus dramatisch. Im Durchschnitt kletterte das reale Zinsniveau innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Trendwende um über drei Prozent. Als Auslöser für die Trendwenden identifiziert die Studie Katastrophen wie große Pestepidemien und Kriege. Nur Optimisten können mit Blick auf die heutige Situation in der Welt behaupten, dass ähnliche Katastrophen ausgeschlossen sind.

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Kommentare

Daniel Stelter schreibt oft interessante, ökonomisch fundierte Artikel, die vielfach jenseits des medialen Mainstreams liegen.
Dieser Artikel ist allerdings eine Luftnummer, nach dem Motto, der DAX dürfte aus charttechnischer Sicht deutlich steigen, wenn die Marke xxx nicht gerissen wird, was einen dramatischen Absturz zur Folge hätte.
Natürlich können die Zinsen noch länger so bleiben, oder auch deutlich steigen. Der Unterschied zwischen der Meinung von Herrn Stelter und der Konsensmeinung ist ein deutlicher Zinsanstieg "Trendwende rasch und drastisch verlaufen dürfte". Es ist schlicht eine Prognose, die historisch sowieso nicht begründbar ist.

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