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EU-Afrika-Gipfel Afrika braucht Kapitalismus statt Entwicklungshilfe

Gastautor: Rainer Zitelmann
29.11.2017, 09:23  |  1446   |   |   

Angela Merkel reist zum EU-Afrika-Gipfel. Es gehe um die "Bekämpfung der Fluchtursachen". Doch die Entwicklungshilfe hat komplett versagt.

Wieder einmal wird Entwicklungshilfe als Mittel propagiert, um "Fluchtursachen zu bekämpfen". EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat die EU-Staaten aufgefordert, die zugesagten Finanzhilfen für Afrika auch in vollem Umfang zu leisten. Jeder Euro sei wichtig zur Bekämpfung von Fluchtursachen. Die EU will neue Investitionen in Milliardenhöhe in Afrika ankurbeln. "Mit einem Beitrag von 4,1 Milliarden Euro aus dem EU-Haushalt kann der ,Externe Investitionsplan' bis zu 44 Milliarden Euro für Investitionen in unsere gemeinsame europäisch-afrikanische Zukunft mobilisieren. Diesen Betrag können wir sogar verdoppeln, wenn die Mitgliedstaaten mitziehen", sagte Juncker der WELT vor dem Gipfeltreffen mit afrikanischen Staatschefs an diesem Mittwoch und Donnerstag.

Entwicklungshilfe schadet mehr als sie hilft
Entwicklungshilfe klingt moralisch gut und für manche Befürworter ist sie - fast im religiösen Sinne - eine Art Wiedergutmachung für die Sünden des Kolonialismus und der "Ausbeutung der Dritten Welt" durch die kapitalistischen Länder. Neuerdings wird sie als Wundermittel verkauft um "Fluchtursachen zu beseitigen". Aber bewirkt sie das, was sich die Befürworter davon erhoffen?

Dambisa Moyo, die in Sambia geboren wurde, in Harvard studierte und in Oxford promoviert wurde, hat in ihrem Buch "Dead Aid" die Entwicklungshilfe der reichen Länder als eine weitere Ursache für die Not auf dem Kontinent identifiziert. In den vergangenen 50 Jahren, schrieb Moyo 2009, wurde im Rahmen der Entwicklungshilfe über eine Billion Dollar an Hilfsleistungen von den reichen Ländern nach Afrika überwiesen. "Doch geht es den Afrikanern durch die mehr als eine Billion Dollar Entwicklungshilfe, die in den letzten Jahrzehnten gezahlt wurden, tatsächlich besser? Nein, im Gegenteil: Den Empfängern der Hilfsleistungen geht es wesentlich schlechter. Entwicklungshilfe hat dazu beigetragen, dass die Armen noch ärmer wurden und dass sich das Wachstum verlangsamte… Die Vorstellung, Entwicklungshilfe könne systemische Armut mindern und habe dies bereits getan, ist ein Mythos. Millionen Afrikaner sind heute ärmer - nicht trotz, sondern aufgrund der Entwicklungshilfe."

Um nicht missverstanden zu werden: Mit "Entwicklungshilfe" meint Moyo nicht karitatives Engagement und akute Hilfe bei Hungersnöten oder Katastrophen, die natürlich nicht kritisiert werden sollen, sondern dauerhafte finanzielle Transferleistungen mit dem Ziel, die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Oft wurden diese Gelder an korrupte und despotische Regierungen gezahlt und kamen nicht bei den Armen an. Doch "selbst wenn die Hilfsleistungen nicht einfach veruntreut wurden und in den Kanälen der Korruption versickerten, blieben sie unproduktiv. Die politische Realität hat überdeutliche Beweise dafür geliefert. Angesichts des ökonomischen Zustandes Afrikas ist nicht zu erkennen, wo Wachstum eine direkte Folge der gewährten Entwicklungshilfe gewesen wäre".

Abdoulaye Wade, 2000 bis 2012 Präsident von Senegal, äußerte einmal in einem Interview: "Ich habe noch nie erlebt, dass sich ein Land durch Entwicklungshilfe oder Kredite entwickelt hat. Länder, die sich entwickelt haben - in Europa, in Amerika; oder auch in Japan oder asiatische Länder wie Taiwan, Korea und Singapur -, haben alle an den freien Markt geglaubt. Das ist kein Geheimnis. Afrika hat nach der Unabhängigkeit den falschen Weg gewählt." In der Tat wählte Afrika einen anderen Weg. Nach dem Ende der Kolonialzeit bekannten sich fast alle afrikanischen Länder zu irgendeiner Form des Sozialismus. Diese Konzepte sind alle gründlich gescheitert, ebenso jedoch der Ansatz, Afrika durch Entwicklungshilfe auf die Beine zu helfen.

James Shikwati, Gründer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft "Inter Region Economics" in Nairobi (Kenia), äußerte in einem Interview: "Würde die Entwicklungshilfe abgeschafft, bekäme das der kleine Mann gar nicht mit. Nur die Funktionäre wären schockiert." Sein Fazit zum Thema Entwicklungshilfe: "Es werden riesige Bürokratien finanziert, Korruption und Selbstgefälligkeit gefördert, Afrikaner zu Bettlern erzogen und zur Unselbstständigkeit. Zudem schwächt die Entwicklungshilfe überall die lokalen Märkte und den Unternehmergeist, den wir so dringend brauchen. Sie ist einer der Gründe für Afrikas Probleme, so absurd dies klingen mag."

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Kommentare

Die Wahrheit ist übrigens noch viel schlimmer, man könnte gar sagen absurder, als fast alle denken. Die Reise nach Libyen und die Überfahrt macht niemand aus der Unterschicht - für die unbezahlbar. Es kommt die Mittelschicht. Das Geld, was also nach Afrika fließt, wird in die Auswanderung investiert.

Was viele unterschätzen ist, wie wirtschaftlich attraktiv die Anreize in Deutschland sind und das man hier 400 € mit überschaubarem Aufwand erhalten kann - kaum zu schaffen in Afrika.

Auswanderung ist einfach nur die nächste Stufe der Entwicklung. Das Problem ist nur die Reise - dafür braucht man viel Geld.

Die letzte Stufe wäre dann übrigens, mit viel Geld zurückzugehen und Teil der Oberschicht zu werden.
Die Entwicklungshilfe hat also versagt. Stimmt, aber warum und was ist die Konsequenz.

Am einfachsten ist das mit Beispielen wie z.B. dem Kongo. Wer hat denn da den größten Kleptokraten Afirikas Muboto Sesoko an die Macht gebracht und finanziell unterstützt? In der Zeit des kalten Krieges hat man stillschweigend in Kauf genommen, dass sich Einzelne bereichert haben. Die Folgen der Einmischung waren katastrophal und die wirken immer noch nach. Und natürlich gibt es damit auch Fluchtursachen.

Kapitalismus in Reinkultur gibt es es z.B. auch in Nigeria, Erdölförderung unter katastrophalen Bedingungen. Und wer zu kurz kommt, der zapft die Pipelines an und leitet Öl um. Die Umweltschäden sind natürlich gigantisch, aber die Einwohner sollen natürlich bleiben, wo sie sind. So denkt sich das ganz offensichtlich der Autor, nur so wird das nicht funktionieren.
@RMD: sehr richtig. Das ist noch die 'saubere' Variante.
Ich ergänze: die Giftmüllentsorgung und die Verwendung der Gelder für Waffenimporte, vornehmlich von deutschen Waffenexporteuren.
Aber selbst, wenn das ausbleibt, läuft es so:
Land X erhält Summe Y für den Bau von Brunnen + Schulen + Krankenhäusern + Infrastruktur.
Wer erhält die Aufträge für die Bauten ?
Bingo: globale Unternehmen aus den Industrieländern. Also aus der rechten Tasche über den Umweg Afrika in die linke wirtschaften.

Afrika braucht die westlichen Industrienationen samt ihrer sog. 'Entwicklungshilfe' so nötig wie einen Kropf. Und auch nationale Kapitalismus entwickelt sich von ganz alleine.
Bono und Geldorf haben einfach nur erkannt, dass ihr bisheriges 'Engagement' zu wenig Geld einbringt. Lobbyismus ist einträglicher.

p.s.: wieso maßen sich die Industrienationen überhaupt an, ein Urteil über die Lebensweise in Afrika zu fällen ?
Afrika ist/hat doch Kapitalismus in Reinstform: Die Entwicklungshilfe wandert in die Taschen der korrupten Politiker, dafür darf Europa die Küsten leer fischen, seine Fleischabfälle, Altkleider sowie Elektroschrott + Autos dort gewinnbringend entsorgen und sich an den Rohstoffen bedienen. kapitalistischer könnte es sich selbst die FDP nicht ausmalen ;)

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