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Toronto Urbane Diktatur: Von der Smart City zur überwachten Stadt

08.12.2017, 14:09  |  5999   |   |   

Im 19. Jahrhundert war es üblich, dass große Industriebetriebe neben der Fabrik auch Wohnungen für die Arbeiter errichteten. Dazu kamen Kindergärten, Schulen und Freizeiteinrichtungen. Nun wird Google zum Bauherr eines ganzen Quartiers und könnte zukünftig Mitarbeiter und Bürger überwachen. 

Toronto ist eine Millionenstadt am Lake Ontario. Die Skyline der größten Stadt Kanadas erinnert an US-Metropolen. Mit ihrer futuristischen Architektur war die Stadt vielfach Kulisse von Science-Fiction-Filmen. Das jüngste Projekt könnte Toronto erneut auf die Leinwände katapultieren. Auf einer Fläche, so groß wie die Züricher Innenstadt, wird “Sidewalk Toronto” entstehen - ein Stadtteil für Fußgänger und autonome Fahrzeuge. 

Quelle: Sidewalk Toronto, hier.

Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft von Google. Eric Schmidt, CEO von Alphabet, hat mit der Stadt einen entsprechenden Vertrag unterschrieben. Im besten Sinne wird es eine perfekte Smart City, denn “ein von Grund auf vernetzter Stadtteil soll entstehen, in dem alles ineinander greift: ein Verkehrssystem, das die Daten von Smartphones, Sensoren und Kameras nutzt, um die besten Routen für selbstfahrende Autos zu bestimmen – nie wieder Stau, weniger Smog. Intelligente Ampeln werden Fußgänger erkennen, damit es weniger Verkehrstote und kein lästiges Warten mehr an roten Ampeln gibt. Frachtverkehr, Lieferdienste und Müllentsorgung werden von Robotern in Tunneln erledigt.” so die NZZ. In dem geplanten Quartier spielen Autos so gut wie keine Rolle. Dafür werden die Bewegungen der Bewohner und Roboter über Sensoren erfasst.  

Auch die planerische Vorgehensweise erinnert an die 1960er Jahre, denn seinerzeit setzten sich erstmals große Teile der Bevölkerung für eine Beteiligung an der Stadtplanung ein. In Toronto sollen sich die Bürger an der Entstehung des neuen Quartiers beteiligen, so die NZZ. Das sogenannte “Bottom Up”-Prinzip ist ein alter Hut. Spannend an dem Projekt hingegen ist, dass für dieses Vorhaben viele Gesetze im Bereich Transportwesen und Baurecht ausgesetzt werden müssten, so die NZZ. Es heißt: “Forderungen nach Deregulierung kennt man auch von den umstrittenen Firmen der Sharing Economy wie Uber und Airbnb. Am Ende profitieren immer die Unternehmen. Alphabet will im Gegenzug seinen kanadischen Hauptsitz zwar in das neue Viertel verlegen und 50 Millionen US-Dollar für die ersten Pläne springen lassen, doch nur zu den eigenen Bedingungen.”, so die NZZ. Die Stadt wird zur Ware für einen Großkonzern und die Bewohner zu kostenlosen Testpersonen. Bei Eric Schmidt klingt es natürlich etwas anders: “Technologie und unternehmerisches Handeln”, so das implizite Versprechen von Eric Schmidt, lösen Probleme, mit denen die Gesellschaft bisher nicht alleine fertig wurde.

Große Konzerne sind für Metropolen genauso wichtig wie Events, Star-Architektur, die Kunstwelt, Malls und die sogenannten authentischen Orte, die von Airbnb-Gästen gebucht werden. Somit sind Google, Facebook & Co. ein weiteres Element von Stadtmarketing, denn nur eine lebendige Stadt ist eine attraktive Stadt. Hierfür agieren Städte wie Konzerne und bieten Steuererleichterungen und Deregulierungen an.

Wie es im Fall von Toronto und Google vertraglich aussieht, bleibt vorerst unter Verschluss. Fakt ist, seit mehreren Jahren sind Daten einfach Waren, es gilt, umso detaillierter die Informationen umso mehr Wert sind die Daten. Alphabet beteuert, dass man in Toronto “Datenschutz und Sicherheit, die jeder verdiene” garantieren wolle, was dies konkret bedeuten soll, wird jedoch nicht formuliert, so die NZZ. Eine “Opt-out-Option”, also die Möglichkeit, bei dem geplanten Datensammelwahn nicht mitzumachen, besteht nicht. Besonders prekär ist zudem, dass Google womöglich auf Daten der Stadt und des Staates zurückgreifen muss, die bisher nicht zu Verfügung stehen, so die NZZ.

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Kommentare

Die Bedenken sind definitiv berechtigt. Dass Politiker nicht unbedingt machen, was im Interesse des Bürgers ist, ist auch nicht neu. Hier sollte man mMn Nebenverdienste komplett verbieten und Treffen mit Lobbyvertretern müssen offengelegt und Gespräche protokolliert werden, damit auch dem Bürger klar wird, worin genau die Interessen bestimmter Industriegruppen bestehen. Nur so kann breite Akzeptanz entstehen.
Wie alle neuen Technologien bietet auch der Themenkomplex Internet-of-Things Chancen und Risiken. Die Nutzung der im Artikel angesprochenen Daten sollte jedoch prinzipiell auch auf anonymisierter Basis sinnvoll möglich sein und neue Techniken werden das ermöglichen. Dass es sinnvoll ist diese Daten zu verwenden - für effiziente Planung von Energiebedarf, Wasserbedarf usw. -, steht für mich außer Frage. Und da die Technik existiert, wird sie auch genutzt werden. Wichtig ist, dass es in richtige Bahnen gelenkt wird. Z.B. muss nicht bekannt sein, wer exakt wieviel Strom zu welcher Zeit verbraucht, sondern es reicht aus, wieviel Strombedarf in einem bestimmten Viertel zu einer bestimmten Zeit durchschnittlich herrscht, die kleinteiligere örtliche Ebene kann hier ohne merkliche Nachteile für die Versorgungseffizienzkalkulation anonymisiert werden. Für die Stromrechnung ist dann wieder wichtig, wieviel Strom jemand im ganzen Monat benötigt hat. Auch hier könnte man auf zeitlicher Ebene anonymisieren, wann genau der einzelne wieviel Strom verbraucht hat. Solche Lösungen sind informationstechnisch mögich und auf solche Lösungen sollte gesetzlich hingearbeitet werden.
Noch klarer kann man ja seine Macht nicht mehr zeigen, also sie wollen zu ihren Bedingungen es machen ? Nun warum gehen die Bürger in Freien Ländern eigentlich noch wählen ? Damit dann solch kannibalismus Kapitalisten hier ihren Hals nicht voll bekommen und ihnen zeigen das die Freie Wahl eigentlich nur ein Witz ist und seit Jahrzehnten sie die eigentliche Politik machen und auch immer schön gleich von Anfang andere Steuer Bedingungen haben als der normale Bürger oder Kaufmann, man soviel kann ich garnicht essen wieviel ich kotzen muss bei diesen Firmen !

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