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Pikettys neue Studie Die Klage über die "Schere zwischen Arm und Reich"*

Gastautor: Rainer Zitelmann
15.12.2017, 15:58  |  2244   |   |   

Viel Aufmerksamkeit bekommt eine neue Studie des linken Ökonomen Thomas Piketty zu seinem Lieblingsthema, nämlich der "Schere zwischen Arm und Reich".

Der französische Ökonom Thomas Piketty hat mit seinem Team eine neue Studie vorgestellt. Die FAZ resümiert dazu: "Dass die Ungleichheit in vielen Ländern der Welt wächst, das stellt er in seinem Bericht ganz nach vorne. Dass die weltweite Ungleichheit schrumpft, steht irgendwo in der Mitte des Berichts, wo die meisten Leser schon mit ihrer Aufmerksamkeit kämpfen." Piketty gehört zu den ideologisch voreingenommenen Ökonomen - seine zentrale Mission ist es, die Ungleichheit anzuprangern. Er beriet den französischen Ex-Präsidenten Hollande bei der Einführung der (inzwischen wieder abgeschafften) Reichensteuer von 75 Prozent, die ganz nach Pikettys Geschmack war.

Pikettys neue Zahlen widerlegen jedoch in Teilen den Tenor seines vor einigen Jahren erschienenen Bestsellers über "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Laut der aktuellen Studie hatte die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung im Jahr 1980 rund acht Prozent des weltweiten Einkommens, im Jahr 2013 waren es fast zehn Prozent. Und der Anteil des reichsten einen Prozents geht seit rund zehn Jahren zurück.

Nirgendwo so wenig Ungleichheit wie in Europa
Und wie sieht es mit der viel beklagten Ungleichheit im weltweiten Vergleich auf? Am lautesten wird dort über Ungleichheit geklagt, wo sie im weltweiten Vergleich am geringsten ist. Der Anteil der obersten zehn Prozent der Bevölkerung am Gesamteinkommen ist laut der aktuellen Piketty-Studie nirgendwo so gering wie in Europa, wo er 37 Prozent beträgt. Zum Vergleich: In den USA und Kanada sind es 47 Prozent, in Russland 46 und in China 41 Prozent. In Brasilien und Indien liegt der Anteil sogar bei jeweils 55 Prozent und im Nahen Osten bei 61 Prozent. Pikettys Studie enthält auch zu Deutschland interessante Zahlen: Vor 100 Jahren vereinigte das reichste Prozent der Deutschen noch 18 Prozent der Einkommen auf sich, heute sind es nur noch 13 Prozent. Relativ gesehen sind die Reichen also ärmer als vor 100 Jahren. Aber ist das überhaupt so wichtig?

Ist die "Schere" überhaupt so entscheidend?
Piketty ist ganz und gar auf die Frage der "Schere zwischen Arm und Reich" bzw. auf die "Ungleichverteilung" fixiert. Schon in seinem "Kapital im 21. Jahrhundert" mahnte er an, es sei "höchste Zeit, die Frage der Ungleichheit wieder in den Fokus der Wirtschaftsanalyse zu stellen" und "die Verteilungsfrage wieder in den Mittelpunkt der Analyse zu rücken". Einerseits argumentierte er dort, die Schere zwischen Reich und Arm sei zu Beginn des 21. Jahrhunderts weiter auseinander gegangen, andererseits räumt er ein, es sei "nicht ausgemacht, dass die Vermögensungleichheiten insgesamt auf globaler Ebene wirklich zunehmen". Die Datenbasis seines Buches und haarsträubende methodische Fehler seiner Vorgehensweise wurden inzwischen von zahlreichen Wissenschaftlern kritisiert - ich empfehle hierzu jedem Leser dieses ausgezeichnete Buch: Anti-Piketty

Inzwischen hat Piketty selbst unter dem Eindruck der vernichtenden Kritik zentrale Thesen zurücknehmen müssen. Mein wichtigster Einwand lautet jedoch: Es ist gar nicht entscheidend, ob die "Vermögensungleichheit" zunimmt oder nicht, sondern ob der Lebensstandard der Menschen insgesamt durch die Entwicklung des Kapitalismus eher angehoben wird oder nicht. Piketty beklagt, in den Jahren 1990 bis 2010 sei die Schere zwischen Arm und Reich mit Blick auf Einkommen und Vermögen auseinandergegangen. Tatsache ist jedoch, dass gerade in diesen Jahrzehnten Hunderte Millionen Menschen weltweit - dank der Ausbreitung des Kapitalismus - aus der bitteren Armut entronnen sind.

Das Beispiel China
Ist es für diese Hunderten Millionen Menschen entscheidend, dass sie nicht mehr hungern und der Armut entronnen sind oder dass sich - möglicherweise - im gleichen Zeitraum das Vermögen von Multimillionären und Milliardären noch stärker vermehrt hat als ihr Lebensstandard? Die Entwicklung Chinas zeigt, dass steigendes Wirtschaftswachstum - auch bei gleichzeitig steigender Ungleichheit - den meisten Menschen zugute kommt. Hunderten Millionen Menschen in China geht es heute sehr viel besser, und zwar nicht obwohl es so viele Millionäre und Milliardäre gibt, sondern gerade deshalb, weil Deng Xiaoping die Parole ausgegeben hatte: "Lasst einige erst reich werden." Deng hatte Recht damit, dass der wirtschaftlichen Entwicklung die Hauptpriorität eingeräumt werden müsse, was sich an folgenden Tatsachen zeigt: Untersucht man, in welchen Provinzen die Armut in China in den vergangenen Jahrzehnten am meisten zurückgegangen ist, dann sind es die mit dem höchsten Wirtschaftswachstum. Und noch etwas anderes ist bemerkenswert: Die Chancen für sozialen Aufstieg sind laut den Untersuchungen des renommierten Ökonomen Zhang Weiying in den vergangenen Jahrzehnten in China ganz erheblich gestiegen. Zugleich hat die Ungleichheit zwischen Arm und Reich in China in diesen Jahren stark zugenommen. 2012 lag der Gini-Index, der die Einkommensungleichheit misst, bei 0,47 für China, wobei er in den Städten niedriger ist als in den ländlichen Gebieten.

Dass in den vergangenen Jahrzehnten in China die Zahl der Millionäre und Milliardäre stark gestiegen ist und sich für Hunderte Millionen der Lebensstandard so sehr verbessert hat, sind nur zwei Seiten einer Medaille und die Folgen des gleichen Prozesses, nämlich der Entwicklung vom Sozialismus zum Kapitalismus, von der Plan- zur Marktwirtschaft.

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