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Ausblick 2018 Japan: Zehn möglicherweise überraschende Marktentwicklungen im Jahr 2018

Gastautor: w:o Gastbeitrag
02.01.2018, 09:26  |  843   |   |   

Alljährlich legen Wirtschaftsexperten und Strategen zu dieser Zeit ihre Prognosen für
das kommende Jahr vor. Quantitative Prognosen beruhen auf
Wahrscheinlichkeitsmodellen, die zwangsläufig von einer zwischen der vergangenen
und künftigen Entwicklung bestehenden Korrelation ausgehen. Qualitative Szenarien
basieren dagegen in gewisser Weise auf einer Kombination aus Erfahrung und
gesundem Menschenverstand. In beiden Fällen lassen die angewandten Methoden
offenbar meist nur wenig Spielraum für die Diskussion von echten Extremszenarien
und Überraschungen.

Der vorliegende Beitrag unternimmt den Versuch, diese Lücke zu schließen. Er stellt
Extremszenarien dar, die sich aus meiner Sicht drastisch auf Anlageoptionen in Japan
auswirken könnten. Bereits definitorisch liegen diese zehn überraschenden
Entwicklungen außerhalb des Marktkonsenses. Vor allem sollen sie aber den Leser zu
selbstständigem Denken anregen. So unwahrscheinlich die Szenarien erscheinen
mögen, würde eine Entwicklung in Richtung ihrer Extreme doch nahezu zwangsläufig
zu einer Kehrtwende im Marktkonsens führen. Ich wünsche Ihnen eine spannende
Lektüre und ein gutes und erfolgreiches Jahr 2018.

1) Premierminister Abe besucht Pjöngjang und vereinbart eine
Modernisierung der nordkoreanischen Infrastruktur im Volumen von
USD 1 Bio. unter Federführung Japans

Zum Ende des Jahres 2017 sollte man nicht unbedingt von einer positiven Wendung
bei der Lösung der Probleme im Zusammenhang mit Nordkorea ausgehen. Dennoch
erscheint der Weg zu einer konstruktiven Lösung noch immer möglich – unter der
Voraussetzung, dass sich unter den Akteuren Besonnenheit durchsetzt. Aus Sicht der
wirtschaftlichen Entwicklung passen Nordkorea und Japan perfekt zusammen: auf der
einen Seite Rohstoffe und Arbeitskräfte in Hülle und Fülle, auf der anderen Seite
weltweit führende Technologien und verfügbares Kapital. Premierminister Abe hat sich
als Förderer von Infrastrukturprojekten unter der Führung Japans eine herausragende
Reputation aufgebaut. Eine konstruktive Einbindung von Nordkorea würde nicht nur
der japanischen Konjunktur entscheidende Impulse verleihen, sondern sicher auch ein
historisches Erbe schaffen, mit dem Abe zu einem Kandidaten für den
Friedensnobelpreis würde. Ein leider unwahrscheinliches Szenario – das Gleiche gilt
aber auch für eine friedliche Lösung des Konflikts ohne engere Kooperation auf
wirtschaftlicher Ebene. Aus meiner Sicht wird es früher oder später dazu kommen.

2) Ein beschleunigtes Nachgeben des Yen/USD-Kurses in Richtung 150:1
zwingt China zu einer Abwertung des Yuan um 30%

Nicht miteinander synchronisierte geldpolitische Zyklen erhöhen die
Wahrscheinlichkeit für voneinander entkoppelte Preis- und Kursschwankungen im
Allgemeinen und für Überreaktionen der Devisenmärkte im Besonderen. Aus meiner
Sicht besteht für den Yen im Jahr 2018 weiterhin diesbezüglich ein hohes Risiko.
Sicher hat sich die Entkopplung der Zyklen der Bank of Japan und der Fed in den
Jahren 2016 und 2017 nicht so drastisch wie erwartet entwickelt. Dennoch ist eine
solche Entwicklung für 2018 nicht auszuschließen, denn die US-Geldpolitik war jüngst
Veränderungen unterworfen. Aus meiner Sicht noch wichtiger: Sobald der US-Dollar
im nächsten Zyklus erneut an Stärke gewinnt, könnte sich China als entscheidende 
„Stellgröße“ erweisen. In vielen Märkten stehen Japan und China heute in direktem
Wettbewerb, beispielsweise in der High-Tech-Branche und bei
Hochgeschwindigkeitszügen. Ein nachgebender Yen wäre daher eher für die
chinesische als für die US-amerikanische Exportindustrie problematisch. Je schwächer
der Yen, desto höher das Risiko einer Abwertung des chinesischen Yuan. Sobald der
Yen/USD-Kurs die Schwelle von 140:1 unterschreitet, erscheint für mich eine
Abwertung des chinesischen Yuan um 30% wahrscheinlicher als eine entsprechende
Gegenbewegung seitens der USA.

3) Der neue Chairman der Federal Reserve „importiert“ das operationelle
Modell der Bank of Japan und legt die Rendite von zehnjährigen USStaatsanleihen
auf 2,5% fest

Wenn sich die Wünsche von Präsident Trump erfüllen und die US-Wirtschaft nachhaltig
um 3,5-4% wächst, entstünde für die Renditen von US-Staatsanleihen ein erheblicher
Aufwärtsdruck. Dann läge für über zehn Jahre laufende Anleihen ein Renditeniveau
von 6% oder mehr im Bereich des Möglichen. Denn ein reales BIP-Wachstum von 3,5-
4% impliziert einen nominalen Anstieg um mindestens 5,5-6%. Die Renditen von USStaatsanleihen blieben in der Vergangenheit nur selten deutlich hinter der
nachhaltigen nominalen BIP-Wachstumsrate zurück. In jedem Fall würden steigende
US-Anleiherenditen einen Abwärtsdruck auf US-Risikoanlagen im Allgemeinen und
Aktien, Immobilien und Unternehmensanleihen im Besonderen auslösen. Zudem
würden steigende Renditen auf Staatsanleihen schon bald einen echten Abwärtszyklus
nach sich ziehen. Um eine solche Entwicklung zu verhindern, könnte der sehr
unorthodoxe US-Präsident – auch mit Blick auf seine frühere Karriere als
Immobilienentwickler – möglicherweise der Versuchung erliegen, die US-Notenbank
zu einem „Import“ des operationellen Modells der Bank of Japan zu bewegen, also
einer Festsetzung der Rendite auf langlaufende US-Staatsanleihen auf ein
angemessenes Niveau, beispielsweise 2,5%, und einer Ankurbelung der USKonjunktur
für die Dauer der nächsten Wahlperiode.

4) Toyota übernimmt Tesla und entwickelt die neu in den Konzern
integrierten US-Standorte zu Automobilwerken mit zuvor unerreichter
Produktivität

Toyota und Tesla scheinen sich optimal zu ergänzen. Der japanische
Automobilhersteller steht weltweit unbestritten an erster Stelle, wenn es um die
Massenproduktion in Top-Qualität geht. Tesla unternimmt alle Anstrengungen, um
genau dieses Ziel ebenfalls zu erreichen. Indes hat Tesla auf dem Weg zur Mobilität
der Zukunft „den Turbo gezündet“ – und genau das ist auch die Zielrichtung von
Toyota. Auf operativer Ebene ist es durchaus vorstellbar, dass Toyota seinen
umfangreichen Erfahrungsschatz aus der Produktion zum Tragen bringt, um für Tesla
Automobilwerke mit bisher unerreichter Produktivität zu schaffen. Natürlich besteht
auch die Möglichkeit, dass die beiden Unternehmenskulturen aufeinanderprallen.
Dennoch wäre eine erfolgreiche Übernahme eines Superstars des US-amerikanischen
Silicon Valley durch ein japanisches Unternehmen ein herausragender Beleg für die
ambitionierten Ziele des neuen Japan. Eine solche Entwicklung wäre eine
Riesenüberraschung, da bei Toyota eher davon auszugehen ist, dass das
Unternehmen „von hinten“ angreift und Tesla mit seinen eigenen Waffen schlägt. Denn
die Kernkompetenz japanischer Unternehmen besteht seit jeher in ihrer Fähigkeit,
Vorreiter wie Tesla bei Fertigung und Design noch zu übertreffen. 

5) Premierminister Abe führt „Asia-Coin“ ein, die weltweit erste
zentralbankgestützte, Blockchain-basierte Kryptowährung

Mittlerweile befinden sich Staaten und Zentralbanken in intensivem Wettstreit bei der
Förderung und Einführung eines offiziellen Standards für Kryptowährungen. Japan
verfügt in diesem Bereich über das Potenzial, eine Führungsrolle einzunehmen und
eine von der Bank of Japan gestützte „Asia-Coin“ einzuführen – ein von einem
Konsortium aus den japanischen Mega-Banken und der BoJ geschaffenes, Blockchainbasiertes Währungssystem. Wenn dieses Vorhaben als innovatives politisches Projekt auf nationaler Ebene aufgesetzt würde, wären führende japanische Unternehmen sicher nur allzu gern bereit, den „Asia-Coin“ als Verrechnungs- und
Transaktionssystem für ihr gesamtes Geschäft in Asien und auf globaler Ebene zu
nutzen. Eine solche Entwicklung würde wiederum zu einem positiven Kreislauf aus
Vertrauens- und Liquiditätsbildung führen und sicher auch Japan zu einem Vorsprung
verhelfen, wenn es um die Definition eines weltweit einheitlichen Standards für das
Banking der Zukunft geht. Dies wäre zweifellos eine Überraschung, gut belegt sind
allerdings die Ambitionen Japans, Tokio zu einem führenden Finanzplatz
weiterzuentwickeln. Aus der Schaffung eines von der japanischen Regierung
gestützten „Asia-Coin“ ergäbe sich für die japanischen Banken und Kreditinstitute eine
unbestrittene globale Führungsposition. Und das „Wettrennen“ läuft auch bereits:
Zwar wäre eine konzertierte Führungsrolle Japans eine positive Überraschung, die
Einführung einer staatlich gestützten Kryptowährung dürfte jedoch in nicht allzu
langer Zeit auf der Agenda der chinesischen Regierung stehen.

6) Japan führt eine „Vermögensprüfung“ ein, um staatliche Beihilfen und
Gesundheitsleistungen für vermögende Personen zu reduzieren

Die Reduzierung staatlicher Leistungen und Beihilfen gestaltet sich in jedem Land
schwierig und stößt auf Widerstand. In Japan ist jedoch noch immer die
„Reichensteuer“ und Umverteilung der Einkommen populär. Im Zuge des wachsenden
Drucks zur Begrenzung des ausufernden Haushaltsdefizits hat eine Debatte über
kreative und unorthodoxe politische Maßnahmen zur Reduzierung von Leistungen
begonnen. Eine Möglichkeit bestünde hier in der Einführung einer
„Vermögensprüfung“, bei der beispielsweise Personen mit einem Nettovermögen von
über JPY 10 Mio. und ohne Hypothekenschulden kein Anrecht mehr auf die staatliche
Rente oder Leistungen des staatlichen Gesundheitswesens hätten. Für die Märkte ein
kontroverses Thema – und für die Wähler? Jedenfalls sollte das Ausmaß der Kreativität
der japanischen Politiker niemanden mehr überraschen.

7) Japan tritt der von China geführten Asian Infrastructure Development
Bank bei

Im Laufe der vergangenen fünf Jahre haben sich die Beziehungen zwischen Japan und
China von einem eher komplementären zu einem kompetitiven Szenario gewandelt.
Dies gilt sowohl für die Wirtschaft als auch für die Politik und Strategieentwicklung.
Als China sein Pendant zu der von den USA geführten Asia Development Bank, die
Asian Infrastructure Development Bank, gründete, folgte Japan nahezu zwangsläufig
den USA und trat letzterer nicht bei. Da die Vereinigten Staaten von Japan nun aber
größere Unabhängigkeit fordern, ist das Land möglicherweise zu einer Änderung
seiner nationalen Strategie gezwungen. Sowohl Japan als auch China haben sich in
Asien als große Förderer des Multilateralismus profiliert. Daher erscheint eine
Bündelung der Kräfte zunehmend sinnvoll, um hier mit gutem Beispiel voranzugehen.
Ein Beitritt Japans zur von China geführten Asian Infrastructure Development Bank 
hätte Symbolwirkung – im Hinblick auf die zunehmende Unabhängigkeit Japans und
das Engagement des Landes für multilaterale Vereinbarungen. Überraschender wäre
nur eine noch größer angelegte Strategie: Demnach würde China nach dem Beitritt
Japans zur AIDB im Gegenzug der Transpazifischen Partnerschaft (TPP), dem von
Japan begründeten Freihandelsabkommen, beitreten. Aus Investorensicht würden
konkrete Fortschritte in der Kooperation zwischen Japan und China die
Wirtschaftsdynamik in Asien sicher positiv beeinflussen.
 

8) In Tokio steigen die Immobilienpreise über den Höchststand der
„Blase“ des Jahres 1990

In Tokio hat zwar eine Erholung der Immobilienpreise eingesetzt, sie verharren
allerdings noch immer bei 40-50% des Höchststandes der „Blase“ des Jahres 1990.
Immobilienentwickler treten jedoch in jüngster Zeit aggressiver auf. Verschiedentlich
kommen Luxuswohnungen im Top-Segment für USD 5-6 Mio. auf den Markt, also für
mehr als den doppelten Preis der Top-Transaktionen, die vor drei Jahren abgewickelt
wurden. Dabei wird die Nachfrage von einer neuen Gruppe aufsteigender japanischer
Unternehmer, von der einfachen Kreditbeschaffung sowie von
asiatischen/ausländischen Käufern angekurbelt. Bei Wohnimmobilien dürfte es nicht
mehr allzu lange dauern, bis die Kaufpreise einen neuen historischen Höchststand
erreichen. In einem Zeithorizont bis zum Jahr 2020 erscheint eine solche Entwicklung
aus meiner Sicht plausibel. Im Jahr 2018 stellte sie jedoch eine positive Überraschung
dar – eine mehr als deutliche Bestätigung des Endes der Deflation.

9) Biotech-, Fintech- und KI-Startups leiten eine Welle von Börsengängen
ein, die Tokio zu DEM Innovationsstandort in Asien machen

Letztlich überzeugt nur der Erfolg. Die japanische Regierung versucht sich seit Jahren
an der Förderung von Entrepreneurship, Innovation und unternehmerischer
Kreativität. Die Zeit ist also reif für ganz konkrete Erfolgsgeschichten. Eine Welle von
Börsengängen würde hier Wunder wirken und die Wirksamkeit der „Abenomics“, die
Rückkehr von Japan in die Erfolgsspur und seine Entwicklung zu dem
Innovationsstandort in Asien belegen. Aus meiner Sicht gibt es in Japan ein hohes
Maß an unternehmerischer Aktivität und Kreativität, insbesondere in den Bereichen
Biotech, Fintech und angewandte KI und Robotik. Ein optimistischer Blick auf Japan
würde durch nichts mehr gerechtfertigt als durch eine aggressivere Monetarisierung
und Kommerzialisierung dieser positiven Standortfaktoren.

10) Japan schlägt Deutschland und wird 2018 neuer FußballWeltmeister

Am 15. Juli 2018 wird das Finale der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen. Ein
Gewinn des WM-Titels durch Japan wäre besonders für mich eine Riesenüberraschung.
Als Deutscher bin ich natürlich alle vier Jahre, wenn die Weltmeisterschaft stattfindet,
erheblich „vorbelastet“. Sollte die Mannschaft nicht ins WM-Finale einziehen, so wäre
das für mich nicht nur eine Überraschung, sondern ein echter Schock. Möge 2018 das
beste Team gewinnen!

 

Autor:  Jesper Koll, Leiter WisdomTree Japan.

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