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Joachim Gauck: «Wohin der Multikulturalismus geführt hat, hat mich erschreckt»

Gastautor: w:o Gastbeitrag
02.02.2018, 13:38  |  8409   |  14   |   

Joachim Gauck, der frühere deutsche Bundespräsident, hält an der Universität Düsseldorf eine Rede unter dem Titel «Nachdenken über das Eigene und das Fremde». Die NZZ publiziert Auszüge davon.

Zunächst: Heine! Er hat mich begleitet, seit ich in literarischen Texten Inspiration und Orientierung suchte. Getröstet hat er mich nur selten. Aber eine eigene Haltung zu finden, dabei hat er mich bestärkt. Und oft habe ich Konstellationen oder Menschen besser verstanden durch das, was Heine dachte und schrieb.

Ganz besonders gilt das für «die Deutschen», über die Heine schrieb – zum Beispiel über ihr besonderes Verhältnis zu dem, wonach ich mich immer sehnte: Freiheit. «Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmässiges Weib. Er besitzt sie, und wenn er sie auch nicht mit absonderlicher Zärtlichkeit behandelt, so weiss er sie doch im Notfall wie ein Mann zu verteidigen. Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er wirft sich zu ihren Füssen mit den überspanntesten Beteuerungen. Er schlägt sich für sie auf Tod und Leben. Er begeht für sie tausenderlei Torheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine Grossmutter.»

Das Fremdeln der Ostdeutschen

Es war nicht negativ gemeint, als ich bei einer Rede im Bundestag 1999 über uns Ostdeutsche sagte, dass wir nach der Einheit Gefühle von Fremdheit hatten: «Sie hatten vom Paradies geträumt und wachten auf in Nordrhein-Westfalen.» Mein Gedanke dabei war positiver als das, was Ihr Schmunzeln jetzt vermuten lässt. Nordrhein-Westfalen, das war für mich immer der Ort des gestalteten Lebens. Nicht der Ort, an dem ein Paradies errichtet werden soll. Sondern der Ort, an dem aus der Wirklichkeit heraus versucht wird, Gutes zu erreichen. Selten pathetisch, meistens realistisch, und wenn wir an den Wandel denken, den dieses Land gestaltet hat, kann man sagen: trotz allem erfolgreich. Es ist ein guter Ort zum Leben und Arbeiten. Ein Ort, dem ich mich nahe fühlen kann, auch wenn ich geografisch von weither komme.

Der Fremde hat so lange existiert, wie es den Menschen gibt. Aber mit der Entstehung von Nationalstaaten hat das Eigene noch an Bedeutung und die Abgrenzung vom Fremden noch an Schärfe gewonnen. Das Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden scheint mir daher eines der schwierigsten politischen Probleme der Gegenwart. Lassen Sie uns also einen Blick auf die Rolle werfen, die dem Fremden im Kontext der Nationalstaaten zugewiesen worden ist.

Die Gefahr des Nationalstaats

Der Nationalstaat brachte in den letzten 200 Jahren einen erheblichen Demokratisierungsschub, indem er mit den alten Imperien die ständische Privilegienherrschaft abschaffte und das Volk als Souverän inthronisierte. Gleichzeitig aber tauchte mit dem Nationalstaat die Gefahr einer Überhöhung der eigenen Ethnie auf, verbunden mit einer scharfen Abgrenzung gegenüber anderen Staaten und einer teilweise aggressiven Abwertung von Minderheiten. Letztlich kulminierte der ethnisch reine Staat, wie es uns das 20. Jahrhundert gezeigt hat, in einer völkermörderischen Vorstellung.

Angesichts des destruktiven Potenzials im Umgang mit Fremdheit sollten wir die Zivilität umso höher schätzen, um die sich die Menschheit immer wieder bemüht hat. Wir wissen, dass es ohne Affektkontrolle keine Zivilität geben kann. Affektkontrolle aber, die durch reine Repression erreicht wird, löst den zugrunde liegenden Konflikt genauso wenig wie ein Krieg. Repression leugnet den Feind, und Krieg vernichtet ihn. Gewaltfreie Veränderungen hingegen setzen voraus, dass wir die Fremden «entfeinden» und das Eigene entidealisieren. Und dass wir stattdessen lernen, mit Ambivalenzen umzugehen. Mit Gefühlen, die die Eindeutigkeit von Gut und Böse aufheben und Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit zulassen. Das mag schwer sein, aber es ist auch entlastend. Und es vergrössert die Chance, im Fremden auch das «Bereichernde» zu entdecken: das noch nicht Gekannte, das noch nicht Gedachte, das noch nicht Praktizierte, das unsere bisherige Welt erweitert.

Die Notwendigkeit von Heimat

Wir kennen die Folgen von Entwurzelung aus den Geschichten vieler Emigranten. «Ich war ein Mensch, der nicht mehr ‹wir› sagen konnte», hat Jean Améry geschrieben, nachdem das NS-Regime ihn wegen seiner jüdischen Herkunft außer Landes getrieben hatte. Und nur noch gewohnheitsmässig, aber nicht mehr im Gefühl vollen Selbstbesitzes konnte er darum «ich» sagen. Er hatte Heimweh, «ein übles, zehrendes Weh» zu dem Land, das ihn doch verjagt hatte. Abgeschnitten von dem «Wir» wurde ihm schmerzhaft bewusst, wie sehr der Mensch Heimat braucht, «um sie nicht nötig zu haben».

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Kommentare

Das traurige hierzulande: Der Bundespräsident schreibt seine Reden ja nicht selbst.
Im Kasperletheater schreibt der Kasper auch nicht das Drehbuch!
Herr Gauck das ist der allergrößte blödsinn den Sie da von sich geben , in der Zeit als Bundespräsident haben Sie nicht vernünftiges von sich gegeben , also lassen Sie es als Pensionär und genießen einfach den Ruhestand
Ich bin immer dafür, meine eigene Meinung frei zu äußern, wiederum im Sinne Orbans, der gegen Brüssel (und Merkel gerichtet) sagte
"A szabadsag az igazsag kimondasaval kezdödik!" = "Die Freiheit beginnt mit dem Aussprechen der Wahrheit" ...
...was ja länger bei uns zensiert wurde, u.a. mit Beschimpfungen und Beleidigungen durch Gauck.
Ich rate jedem, neben dem Islam-Risiko die Nazis nicht zu unterschätzen. Höcke und Maier in 2019 MPs? Ich halts für möglich und dann solte man seine "freie" Meinungsäußerung möglichst stark einschränken - man möchte ja nicht als Volksverräter bestraft werden.

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