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Börsen: Das war kein Gewitter – eher der Trendbruch

Gastautor: Daniel Stelter
09.02.2018, 09:17  |  5367   |   |   

Dieser Kommentar von mir erschien gestern bei WirtschaftsWoche Online. Mittlerweile setzt sich der Ausverkauf an den Märkten fort. Ich erinnere meine Leser nochmals an die Mechanik dieser Einbrüche:

Nehmen wir an, Sie könnten sich eine Aktie zu 100 Euro kaufen, die eine sichere Dividende von 10 Euro pro Jahr bezahlt. Setzen Sie für den Kauf nur eigenes Geld ein, erzielen Sie folglich eine Rendite von 10 Prozent. Attraktiver wäre es, sich 100 Euro von der Bank zu leihen und gleich zwei Aktien zu kaufen. Diese zwei Aktien kosten 200 Euro und bringen Ihnen 20 Euro Ertrag. Gibt die Bank sich mit fünf Prozent Zinsen zufrieden, geben Sie 5 Euro an die Bank ab und 15 Euro bleiben bei Ihnen. Macht 15 Prozent Rendite auf die 100 Euro Eigenkapital, die Sie eingesetzt haben.

In der Praxis dürfte die Bank noch großzügiger sein und sich mit nur 20 Prozent Eigenkapital zufrieden geben. Sie können sich also zu Ihren 100 Euro noch 400 Euro von der Bank leihen und fünf Aktien kaufen. Von den 50 Euro Dividende gingen dann 20 Euro an die Bank (5 Prozent auf 400) und Ihnen blieben 30 Euro! Eine Rendite von dreißig Prozent auf ihrem eingesetzten Kapital von 100 Euro.

Das geht solange gut, wie der Ertrag, der neben der Ausschüttung vor allem die Wertsteigerung beinhaltet, über den Zinskosten liegt. Sobald die Zinsen – also die Kosten für die Spekulation – über den Wertzuwachs des auf Kredit gekauften Gutes steigen, kommt es zum scharfen Einbruch. Alle versuchen noch rechtzeitig zu verkaufen. Durch den Verkauf kommen die Vermögenspreise unter Druck und die, die auf Kredit gekauft haben, drohen Pleite zu machen. Schnell müssen sie der Bank ihr Geld zurückgeben, weil die Bank ja nur bis zu einem bestimmten Prozentsatz (die Börsianer nennen es „Margin“) beleiht. Entweder müssen die Spekulanten eigenes Geld nachschießen, oder verkaufen.

Heute ist es nicht anders. Nur dass diesmal nicht nur auf Kredit Aktien gekauft wurden, sondern auch Derivate wie zum Beispiel die Wette auf geringe Volatilität. Nun geht es also darum, Margin Calls zu bedienen. Dazu verkauft man, was geht.

Und hier der Kommentar in der WirtschaftsWoche von gestern:

Reinigendes Gewitter oder Trendumkehr – das ist die Frage an den Börsen. Anleger sollten sich darauf vorbereiten. 

Die Aktienmärkte der Welt sind unter Druck. Quasi über Nacht ist Volatilität an die Märkte zurückgekehrt. Die Zeit stetig steigender Aktienkurse scheint vorbei. Stellt sich die Frage, ob es sich um ein reinigendes Gewitter handelt, welches die Grundlage für die Fortsetzung der Hausse legt oder um einen Trendumkehr.

Trendbrüche erfolgen genauso wie die Entwicklung in den letzten Tagen. Ohne erkenntlichen Grund und abrupt. Erst in der Rückschau wird man feststellen können, ob es ein solcher Bruch war oder nicht. Und auch erst dann wird man die Ursachen sehen, die sich heute noch unter der Oberfläche verstecken.

Einbruch kann nicht überraschen

Zunächst darf uns der Einbruch nicht überraschen. Schon seit langem gab es gute Gründe, mit einer Korrektur zu rechnen, gar mit einem ausgewachsenen Crashrekordhohe Bewertungen, Sorglosigkeit der Investoren, zunehmende „passive Investments“ die prozyklisch wirken und die Illusion der täglichen Verfügbarkeit nähren, die geringen Cashquoten der Investoren und nicht zuletzt die zunehmende Spekulation auf Kredit.

Der entscheidende Grund für den Einbruch ist in der Zinsentwicklung der letzten Wochen zu sehen. Zunächst stiegen Zinsen und Aktien parallel. Angesichts der guten Konjunktur herrschte die Meinung vor, dass die Märkte, die eigentlich von nichts so sehr abhängen wie vom tiefen Zinsniveau, steigende Zinsen problemlos verkraften können. Prominente Investoren wie Bill Gross und Jeff Grundlach warnten hingegen frühzeitig vor den Folgen steigender Zinsen. Den Risikobereich sahen sie oberhalb von 2,60 Prozent für die 10jährige US-Staatsanleihe.

Gross und Grundlach behielten Recht: nachdem die Marke von 2,7 Prozent erreicht wurde, kam der Aktienmarkt unter Druck. Die Investoren begannen Aktien zugunsten von Anleihen zu verkaufen. Sobald die Verkäufe einsetzten, kam es zu dem hier immer wieder beschriebenen Ausverkauf in Folge zu hoher Verschuldung der Marktteilnehmer. Leverage wirkt auf dem Weg nach oben wie ein Renditeturbo – auf dem Weg nach unten wie ein Brandbeschleuniger. Dies erklärt auch die Geschwindigkeit des Umbruchs. Dies erklärt auch die Geschwindigkeit des UmbruchsEs sind Margin Calls, die den Absturz beschleunigen. Diesmal noch verstärkt durch die –ebenfalls mit viel Kredit/Leverage betriebene – Spekulation auf anhaltend tiefe Volatilität.

Parallele zu 2007

Ähnlich lief es übrigens im Jahre 2007 ab. Zunächst stiegen die Zinsen auf – aus heutiger Sicht unglaubliche – fünf Prozent, bevor es an den Börsen schepperte. Im weiteren Verlauf des Jahres reduzierten die Investoren ihre risikoreicheren Investments, vor allem im Bereich der Anleihen. Erste Probleme im Finanzsektor deuteten sich an (Bear Stearns schloss die ersten Leveraged Fonds) und die Notenbanken reagierten. In der Folge erholten sich die Börsen wieder und starteten erst 2008 zur richtigen Talfahrt.

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Ein qualitativ hoch stehende Artikel, gespickt mit Weisheiten und klug halten, nicht leicht zu lesen wenn man es alles verstehen will, der Autor ist sehr klug

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