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Zusammenhang von Kapitalismus und Innovation

Zusammenhang von Kapitalismus und Innovation

12.03.2018, 13:24  |  4241   |   |   

Wie steht es mit dem Zusammenhang von Kapitalismus und Innovation? Sehen Sie dazwischen eine Verbindung?

Zitelmann: Ja, natürlich. Ich vergleiche ja in meinem Buch verschiedene Systeme in der Praxis. Der Kapitalismus hat seine enorme Innovationsfähigkeit immer wieder bewiesen. Schauen Sie sich die aktuell von Forbes veröffentlichte Liste der reichsten Menschen der Welt an. Die meisten dieser Multimilliardäre sind durch Innovationen reich geworden. Hier einige Beispiele – die Namen der Unternehmen kennen Sie alle: 
1. Jeff Bezos, Amazon, 112 Mrd. Dollar
2. Bill Gates, Microsoft, 90 Mrd. Dollar,
5. Mark Zuckerberg, Facebook, 71 Mrd. Dollar
10. Larry Ellison, Oracle, 58,5 Mrd. Dollar
11. Michael Bloomberg, Bloomberg LP
12. Larry Page, Google, 48,8 Mrd. Dollar
13. Sergey Brin, Google, 47,5 Mrd. Dollar

Vermutlich benutzen Sie und die Leser dieses Interviews fast alle diese Produkte! Das ist kapitalistische Innovation. Zum Vergleich: Ich erzähle in dem Buch von der großen Innovationsoffensive des ambitionieren Mikroelektronikprogramms, das unter Honecker in der DDR eine große Rolle spielte. Das Programm verschlang allein in den Jahren 1986 bis 1989 14 Milliarden Mark für Investitionen. Darüber hinaus wurden weitere 14 Milliarden Mark für Forschung und Entwicklung in diesem Bereich ausgegeben sowie etwa vier Milliarden Valutamark für Westimporte eingesetzt. Trotz dieser immensen Aufwendungen war das Ergebnis deprimierend: Die Kosten für die Produktion eines 256-Kbit-Speicherschaltkreises betrugen in der DDR 534 Mark, auf dem Weltmarkt war das gleiche Bauelement für vier bis fünf Valutamark zu haben. Die DDR hinkte trotz der enormen Investitionen dem internationalen Stand acht Jahre hinterher und erreichte gerade zehn Prozent der Stückzahlen westlicher Hersteller. Das ist sozialistische Innovationskraft. Und die Nachfolgepartei der SED, die LINKE, will uns jetzt erzählen, wie wir wirtschaften sollen. Das kommt mir vor wie ein Autofahrer, der das Auto an den Baum gefahren hat, aussteigt und dann sagt: „Jetzt bin ich der Fahrlehrer!“ 

Nun räumt ja selbst eine Sahra Wagenknecht ein, dass der Sozialismus à la DDR gescheitert ist. 

Zitelmann: Naja, vor fünf Jahren pries Sahra Wagenknecht noch das Wirtschaftsmodell von Hugo Chávez in Venezuela! Wenn Sie das Kapitel über Venezuela in meinem Buch lesen, werden Sie aus dem Kopfschütteln nicht mehr rauskommen. Und wenn sie sagt: So ein System wie in der DDR wollen wir doch gar nicht, wir wollen den demokratischen Sozialismus – das glaube ich ihr sogar! Aber auch der demokratische Sozialismus ist ja überall gescheitert, was nur viele Menschen nicht wissen, die sich in der Geschichte nicht so gut auskennen. Ich zeige das in meinem Buch am Beispiel von Schweden der 70er- und 80er-Jahre und Großbritannien in den 60er- und 70er-Jahren. Dort war ja genau der demokratische Sozialismus verwirklicht, den die LINKE, aber auch weite Teile der SPD und der Grünen predigen: Superhohe Steuern, hoher Staatsanteil an der Wirtschaft und ein extrem regulierter Arbeitsmarkt. Die Folgen waren verheerend. Unternehmer (wie etwa Kamprad von Ikea) wurden praktisch vertrieben, die Wirtschaft wurde immer unproduktiver. Das sozialistische Programm in Schweden und England, das übrigens auch von den sogenannten „Konservativen“ dort mitgetragen wurde, führte zu immer absurderen Blüten. So wurden in Schweden im Schiffsbau nicht mehr absetzbare Supertanker mittels staatlicher Subventionen „auf Lager“ weiterproduziert. Später wurden sie, ebenfalls auf Staatskosten, wieder abgewrackt und schließlich verstaatlichte Schweden die gesamte Werftindustrie. Die Rettungsaktionen im Schiffbau kosteten den schwedischen Steuerzahler umgerechnet etwa zehn Milliarden Euro. So wurde das Geld verplempert, das man den Reichen wegnahm. Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren rechnete damals vor, dass ihre Steuerbelastung 102 Prozent betrug. Die Geschichte erzähle ich sehr ausführlich in meinem Buch, sie zeigt die ganze Absurdität des demokratischen Sozialismus.

Kann ein Staat jemals so innovativ sein, wie Unternehmen?

Zitelmann: Auch hier muss man nicht theoretisieren, sondern man kann sich die geschichtliche Erfahrung anschauen. Das Problem staatlicher Unternehmen ist, dass keine Auslese stattfindet, weil staatliche Unternehmen nicht pleite gehen können. Das hat man in der Zeit nach Mao in China erkannt. Und mit dem Beginn dieser Erkenntnis fing die chinesische Wirtschaft an zu wachsen. Zunächst dachten die Reformer in China, die Staatsbetriebe könnten effizienter werden, wenn das Management und die Arbeiter stärker erfolgsabhängig bezahlt würden. Tatsächlich brachte das Fortschritte, und die Motivation der Beschäftigten stieg durch solche Maßnahmen. Das zentrale Problem bei Staatsbetrieben konnte jedoch allein dadurch nicht gelöst werden – dass sie nämlich nicht pleite gehen können. In einer Marktwirtschaft findet ein ständiger Ausleseprozess statt: Unternehmen, die Konsumentenwünsche erfüllen und gut gemanagt werden, überleben im Wettbewerb, diejenigen, die am Verbraucherbedürfnis vorbei produzieren oder schlecht gemanagt werden, gehen irgendwann pleite und verschwinden vom Markt. Diese Auslese gibt es bei Staatsunternehmen nicht. Viele Staatsbetriebe in China waren wirtschaftlich ungesund, weniger als ein Drittel arbeitete Mitte der 90er-Jahre profitabel. Doch dann begannen die Chinesen mit der Privatisierung, der Staatssektor wurde zunehmend zurückgedrängt. Im Jahr 1978 produzierten die Staatsunternehmen noch 77 Prozent der industriellen Erzeugnisse, 1996 dagegen nur noch ein Drittel. Zwischen 1996 und 2006 wurde die Zahl der Staatsunternehmen insgesamt halbiert, zwischen 30 und 40 Millionen Beschäftigte in staatlichen Betrieben wurden entlassen. Überall in China entwickelten sich Industrieparks und Sonderwirtschaftszonen, die untereinander in einem starken Wettbewerb standen. Zudem wurde die Tür weit für ausländische Investoren eröffnet, die den riesigen chinesischen Markt sowohl als Produktionsstätte wie auch als Absatzmarkt für ihre Konsumgüter entdeckten. Das Ergebnis dieser sukzessiven Entstaatlichung: Hunderte Millionen Chinesen stiegen aus der Armut auf in die Mittelschicht.

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