DAX+0,26 % EUR/USD+0,14 % Gold+0,20 % Öl (Brent)+0,14 %
Kapitalistische Krisen führen mittel- und langfristig zu einer Stärkung der Wirtschaft

Kapitalistische Krisen führen mittel- und langfristig zu einer Stärkung der Wirtschaft

12.03.2018, 13:22  |  4001   |   |   

Der Kapitalismus steht oftmals für Aufs und Abs, während der Sozialismus ein ruhiges Fahrwasser sein soll. Gibt es im Sozialismus nicht auch Aufs und Abs? 

Zitelmann: Ja, im Kapitalismus gibt es ein Auf und Ab. Und es gibt auch Krisen. Kapitalistische Krisen führen mittel- und langfristig zu einer Stärkung der Wirtschaft, weil unproduktive Unternehmen vom Markt verschwinden. Sie haben eine positive, reinigende Funktion, auch wenn die unmittelbaren Auswirkungen für Unternehmen und Arbeitnehmer unerfreulich sind. Leider versuchen heute Staaten und Zentralbanken Krisen zu unterdrücken, was kurzfristig zwar die Situation lindert, aber langfristig verschlimmert. 
Ein trauriges Beispiel für schädliche staatliche Eingriffe aus Furcht, die Krise auszuhalten, lieferte Japan, als dort 1990 die Aktien- und Immobilienblase platzte. Statt auf die Selbstheilungskräfte des Marktes zu vertrauen und marktwirtschaftliche Reformen anzustoßen, versuchten die Japaner die „Schmerzen“ zu vermeiden, indem sie die Staatsschulden immer weiter erhöhten. Sie betrugen 2017 unglaubliche 239 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, was sogar noch mehr ist als in Griechenland oder Italien. Bezeichnenderweise wuchsen die Sozialausgaben in Japan von 1980 bis 2003 mit 4,37 Prozent jährlich stärker als in allen vergleichbaren Ländern (USA 2,84 Prozent, Deutschland 1,94 Prozent).
Zum Sozialismus: Die Haupttendenz im Sozialismus ist, dass es abwärts geht. Das kann man hervorragend am Beispiel Großbritanniens in den 70er-Jahren sehen, bevor Margaret Thatcher mit ihren kapitalistischen Reformen das Ruder herumwarf. Thatcher bilanzierte: „Keiner politischen Theorie wurden in einem demokratischen Staat je bessere Testbedingungen und eine längere Erprobungszeit zugestanden, als dem demokratischen Sozialismus in Großbritannien. Trotzdem scheiterte er in jeder Hinsicht kläglich. Er erwies sich nicht nur als unfähig, den – verglichen mit den bedeutendsten wirtschaftlichen Konkurrenten Großbritanniens – langsamen Niedergang des Landes umzukehren, sondern beschleunigte ihn sogar noch. Wir fielen ständig zurück, bis man uns im Jahre 1979 schließlich als ‚Patient Europas’ betrachtete.“

Privateigentum spielt im Kapitalismus eine zentrale Rolle. Es verpflichtet und schafft Sicherheit. Eine Abkehr vom Privateigentum stellen die vielen Sharing-Konzepte dar. Ist unsere Gesellschaft übersättigt mit Privateigentum?

Zitelmann: Beim Privateigentum geht es nicht darum, ob mir das Auto alleine gehört oder ob ich es mir nach Sharing-Konzepten mit anderen teile. Es geht darum, ob die Produktionsmittel im Privat- oder im Staatsbesitz sind. Kapitalismus heißt dabei, dass der Eigentümer nicht lediglich eine Urkunde besitzt, während der Staat bestimmt, was damit zu geschehen hat. Der Eigentümer selbst muss entscheiden, wie seine Mittel eingesetzt werden. Das Bewusstsein dafür ist inzwischen bei vielen Menschen verloren gegangen. Der Prozess der Zerstörung vieler Merkmale des Privateigentums, indem der Staat immer stärker regulierend in die Wirtschaft eingreift, ist heute eine große Gefahr. Der Staat will sich überall einmischen: Die Energiewirtschaft wurde in den letzten Jahren hierzulande bereits in eine Planwirtschaft verwandelt – die Folgen werden katastrophal sein. Jetzt fordern viele Politiker, auch der Automobilindustrie Vorschriften zu machen, wie viele E-Autos sie produzieren soll. In der Wohnungswirtschaft wird das Eigentumsrecht der Eigentümer immer weiter ausgehöhlt. Das ist der Prozess, den ich fürchte. Das ist die moderne Variante des Sozialismus, wo der Eigentümer zwar nicht formell enteignet wird, aber am Schluss nur noch einen leeren, formalen Rechtstitel besitzt, während die tatsächliche Entscheidungsgewalt immer mehr auf Staatsbeamte übergeht.

Frankreich kommt in dem Buch nicht als ein Kapitel vor – ebenso wie Italien. Wieso lassen Sie es aus?

Zitelmann: Das Buch enthält genug traurige Beispiele. Frankreich und Italien sprechen für sich selbst. Schauen Sie sich nur die Arbeitslosenquoten an! Ich hoffe, Macron kann sich durchsetzen und marktwirtschaftliche Reformen umsetzen, ähnlich wie die von Schröder mit der Agenda 2010. Aber die Franzosen sind traditionell noch stärker antikapitalistisch und etatistisch eingestellt als die Deutschen, die sich von der Mentalität irgendwo zwischen den Amerikanern und den Franzosen befinden. In einer bereits im April 2011 veröffentlichten Umfrage hatte das Meinungsforschungsinstitut GlobeScan in verschiedenen Ländern gefragt, ob die Menschen folgender Aussage zustimmen: „Die freie Marktwirtschaft ist das beste System für die Zukunft der Welt.“  Die höchste Zustimmung in Europa gab es in Deutschland, aber auch hier stimmten uneingeschränkt nur 30 Prozent der Befragten zu. In Frankreich, einem Land, dessen Probleme viel damit zu tun haben, dass die meisten Menschen wenig von Marktwirtschaft halten, äußerten nur sechs Prozent volle Zustimmung. Das Elend eines Landes fängt an, wenn die Menschen dem Markt nicht trauen.

Schreibe Deinen Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren. Anmelden | Registrieren

 

Disclaimer

Meistgelesene Nachrichten des Autors

Titel
Titel
Titel
Titel