DAX+0,20 % EUR/USD+0,23 % Gold-0,13 % Öl (Brent)-3,01 %
Kapitalistische Krisen führen mittel- und langfristig zu einer Stärkung der Wirtschaft

Kapitalistische Krisen führen mittel- und langfristig zu einer Stärkung der Wirtschaft

12.03.2018, 13:22  |  3916   |   |   

Der Kapitalismus steht oftmals für Aufs und Abs, während der Sozialismus ein ruhiges Fahrwasser sein soll. Gibt es im Sozialismus nicht auch Aufs und Abs? 

Zitelmann: Ja, im Kapitalismus gibt es ein Auf und Ab. Und es gibt auch Krisen. Kapitalistische Krisen führen mittel- und langfristig zu einer Stärkung der Wirtschaft, weil unproduktive Unternehmen vom Markt verschwinden. Sie haben eine positive, reinigende Funktion, auch wenn die unmittelbaren Auswirkungen für Unternehmen und Arbeitnehmer unerfreulich sind. Leider versuchen heute Staaten und Zentralbanken Krisen zu unterdrücken, was kurzfristig zwar die Situation lindert, aber langfristig verschlimmert. 
Ein trauriges Beispiel für schädliche staatliche Eingriffe aus Furcht, die Krise auszuhalten, lieferte Japan, als dort 1990 die Aktien- und Immobilienblase platzte. Statt auf die Selbstheilungskräfte des Marktes zu vertrauen und marktwirtschaftliche Reformen anzustoßen, versuchten die Japaner die „Schmerzen“ zu vermeiden, indem sie die Staatsschulden immer weiter erhöhten. Sie betrugen 2017 unglaubliche 239 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, was sogar noch mehr ist als in Griechenland oder Italien. Bezeichnenderweise wuchsen die Sozialausgaben in Japan von 1980 bis 2003 mit 4,37 Prozent jährlich stärker als in allen vergleichbaren Ländern (USA 2,84 Prozent, Deutschland 1,94 Prozent).
Zum Sozialismus: Die Haupttendenz im Sozialismus ist, dass es abwärts geht. Das kann man hervorragend am Beispiel Großbritanniens in den 70er-Jahren sehen, bevor Margaret Thatcher mit ihren kapitalistischen Reformen das Ruder herumwarf. Thatcher bilanzierte: „Keiner politischen Theorie wurden in einem demokratischen Staat je bessere Testbedingungen und eine längere Erprobungszeit zugestanden, als dem demokratischen Sozialismus in Großbritannien. Trotzdem scheiterte er in jeder Hinsicht kläglich. Er erwies sich nicht nur als unfähig, den – verglichen mit den bedeutendsten wirtschaftlichen Konkurrenten Großbritanniens – langsamen Niedergang des Landes umzukehren, sondern beschleunigte ihn sogar noch. Wir fielen ständig zurück, bis man uns im Jahre 1979 schließlich als ‚Patient Europas’ betrachtete.“

Privateigentum spielt im Kapitalismus eine zentrale Rolle. Es verpflichtet und schafft Sicherheit. Eine Abkehr vom Privateigentum stellen die vielen Sharing-Konzepte dar. Ist unsere Gesellschaft übersättigt mit Privateigentum?

Zitelmann: Beim Privateigentum geht es nicht darum, ob mir das Auto alleine gehört oder ob ich es mir nach Sharing-Konzepten mit anderen teile. Es geht darum, ob die Produktionsmittel im Privat- oder im Staatsbesitz sind. Kapitalismus heißt dabei, dass der Eigentümer nicht lediglich eine Urkunde besitzt, während der Staat bestimmt, was damit zu geschehen hat. Der Eigentümer selbst muss entscheiden, wie seine Mittel eingesetzt werden. Das Bewusstsein dafür ist inzwischen bei vielen Menschen verloren gegangen. Der Prozess der Zerstörung vieler Merkmale des Privateigentums, indem der Staat immer stärker regulierend in die Wirtschaft eingreift, ist heute eine große Gefahr. Der Staat will sich überall einmischen: Die Energiewirtschaft wurde in den letzten Jahren hierzulande bereits in eine Planwirtschaft verwandelt – die Folgen werden katastrophal sein. Jetzt fordern viele Politiker, auch der Automobilindustrie Vorschriften zu machen, wie viele E-Autos sie produzieren soll. In der Wohnungswirtschaft wird das Eigentumsrecht der Eigentümer immer weiter ausgehöhlt. Das ist der Prozess, den ich fürchte. Das ist die moderne Variante des Sozialismus, wo der Eigentümer zwar nicht formell enteignet wird, aber am Schluss nur noch einen leeren, formalen Rechtstitel besitzt, während die tatsächliche Entscheidungsgewalt immer mehr auf Staatsbeamte übergeht.

Frankreich kommt in dem Buch nicht als ein Kapitel vor – ebenso wie Italien. Wieso lassen Sie es aus?

Zitelmann: Das Buch enthält genug traurige Beispiele. Frankreich und Italien sprechen für sich selbst. Schauen Sie sich nur die Arbeitslosenquoten an! Ich hoffe, Macron kann sich durchsetzen und marktwirtschaftliche Reformen umsetzen, ähnlich wie die von Schröder mit der Agenda 2010. Aber die Franzosen sind traditionell noch stärker antikapitalistisch und etatistisch eingestellt als die Deutschen, die sich von der Mentalität irgendwo zwischen den Amerikanern und den Franzosen befinden. In einer bereits im April 2011 veröffentlichten Umfrage hatte das Meinungsforschungsinstitut GlobeScan in verschiedenen Ländern gefragt, ob die Menschen folgender Aussage zustimmen: „Die freie Marktwirtschaft ist das beste System für die Zukunft der Welt.“  Die höchste Zustimmung in Europa gab es in Deutschland, aber auch hier stimmten uneingeschränkt nur 30 Prozent der Befragten zu. In Frankreich, einem Land, dessen Probleme viel damit zu tun haben, dass die meisten Menschen wenig von Marktwirtschaft halten, äußerten nur sechs Prozent volle Zustimmung. Das Elend eines Landes fängt an, wenn die Menschen dem Markt nicht trauen.

In einem Kapitel widmen Sie sich dem Phänomen: Intellektuelle und Kapitalismus. Hat der Kapitalismus noch immer ein Ethik-Problem?

Zitelmann: Intellektuelle halten sich für die Gralshüter der Ethik und Moral und glauben, sie müssten diese gegen den kalten und unmenschlichen Kapitalismus verteidigen. Dabei hat, wie ich in meinem Buch belege, gerade der Kapitalismus mehr zur Armutslinderung und zum Wohlstand beigetragen als jedes andere System in der Menschheitsgeschichte. Ich bestreite den Anspruch der antikapitalistischen Intellektuellen, im Besitz einer höheren Moral zu sein. Unter den führenden Intellektuellen des 20. Jahrhunderts hatten Diktatoren wie Josef W. Stalin und Mao Zedong mehr Bewunderer als der Kapitalismus und dessen Vertreter. Der Hass auf den Kapitalismus war bei ihnen so groß, dass viele von ihnen zu ehrfurchtsvollen Bewunderern der größten Massenmörder des 20. Jahrhunderts wurden. Ich spreche hier nicht von irgendwelchen Außenseitern oder Sonderlingen, sondern von führenden Intellektuellen ihrer Zeit. Zwei Beispiele, die ich in meinem Buch nenne, sind die französischen Schriftsteller Henri Barbusse und Jean-Paul Sartre. Barbusse war durch sein 1916 erschienenes Kriegstagebuch „Das Feuer“ weltberühmt geworden. Es wurde in mehr als 60 Sprachen übersetzt, und Barbusse erhielt dafür den Prix Goncourt, den angesehensten französischen Literaturpreis. Später war er einer der fanatischsten Verehrer des sowjetischen Diktators Stalin, über den er schrieb: „Die Geschichte seines Lebens ist eine Reihe ungezählter Siege über gewaltige Schwierigkeiten. Es verging kein Jahr seit 1917, in dem er nicht große Taten vollbrachte, von denen eine einzige genügt hätte, um ewigen Ruhm zu ernten. Stalin, das ist ein eiserner Mensch. Er macht seinem Namen alle Ehre: Stalin, der Stählerne.“ Jean-Paul Sartre, der Dramatiker, Philosoph und Hauptvertreter des Existentialismus, wird in Wikipedia zu Recht als „Paradefigur der französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. In seinem Aufsatz „Les Communistes et la paix“, der 1952 in Fortsetzungen veröffentlicht wurde, leugnete er die Existenz der Gulags in Stalins Sowjetunion. Nach einer Reise in die Sowjetunion 1954 verstieg Sartre sich zu der absurden Behauptung, dass in der UdSSR volle Redefreiheit herrsche. Er und seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir, die durch ihr feministisches Werk „Das andere Geschlecht“ zur bekanntesten Intellektuellen Frankreichs wurde, waren glühende Bewunderer von Mao Zedong und priesen die von ihm ausgeübte „revolutionäre Gewalt“ als Ausdruck höherer Moral. Sartre bewunderte oder verteidigte alle, die sich irgendwie gegen den Kapitalismus stellten, den Comandante der kubanischen Revolution Che Guevara ebenso wie die deutschen Terroristen von der RAF, die palästinensischen Terroristen, die 1972 in München bei den Olympischen Spielen elf israelische Sportler ermordeten oder den kambodschanischen Diktator Pol Pot, der zwei Millionen Landsleute und damit 20 Prozent der eignen Bevölkerung umbringen ließ. Dies tat Sartres Bewunderung und Verehrung unter Intellektuellen jedoch keinen Abbruch. Intellektuelle, die Hitler und den Nationalsozialismus in der gleichen Weise priesen, wie die eben zitierten Intellektuellen Mao und Hitler, würden heute bestimmt nicht als Klassiker in den Schulen gelesen und als Vertreter einer höheren Moral gesehen.

Kapitel 11 heißt: Plädoyer für kapitalistische Reformen. Es gibt zwei Unterüberschriften: Umverteilung oder Wirtschaftswachstum? und Ausdehnung der Staatsaktivitäten. Falls der neue Sozialismus in der langen Perspektive eine Grassroots-Movement sein sollte, welche kleinen Schritte sind bereits identifizierbar?   

Zitelmann: Leider sind die Schritte auf dem Weg zum Sozialismus gar nicht so klein. Im Gegenteil. Täglich bekommen wir doch neue Nachrichten, die in diese Richtung gehen. Trump, selbst ein Kapitalist, gibt sich als „Arbeiterführer“ und lässt sich mit geballter Faust stolz neben Stahlarbeitern ablichten, denen er verspricht, dass ihre unproduktiven Betriebe durch Schutzzölle am Leben erhalten werden. Das hat mit Marktwirtschaft nicht das Geringste zu tun. In Deutschland wird die Staatsquote immer mehr ausgedehnt. Ist es nicht eine Frechheit, dass der deutsche Staat durch die Nullzinspolitik der EZB in Abermilliardenhöhe Zinszahlungen spart und die neue Regierung nun den von Niedrigstzinsen gebeutelten Anlegern die Steuern auf ihre Mini-Zinseinkünfte fast verdoppeln will – nämlich von 25% plus Soli auf (in der Spitze) 45% plus Soli? So wie fast aller Unsinn wird das mit der Neidparole der „sozialen Gerechtigkeit“ verkauft. Gleichzeitig werden die Strom- und sonstigen Energiekosten durch den Ökosozialismus immer mehr erhöht, was der Wettbewerbsfähigkeit vieler deutscher Unternehmen schadet. Lesen Sie die Zeitung, und Sie werden jede Woche neue Nachrichten entdecken, wie der Markt zurückgedrängt wird und der Staat sich immer stärker in das Leben der Bürger und der Unternehmen einmischt. 

Für wen haben Sie das Buch geschrieben? Wollen Sie damit Linke und Grüne überzeugen?

Zitelmann: In erster Linie habe ich das Buch für Menschen geschrieben, die gefühlsmäßig zwar für den Kapitalismus sind, denen aber oft die Tatsachen und Argumente fehlen, wenn sie mit Antikapitalisten diskutieren. Als Historiker, Politikwissenschaftler und Soziologe habe ich natürlich andere Fachkenntnisse als ein Laie. Und mich freut immer, wenn Leser schreiben, z.B. auf amazon, dass mein Buch so verständlich geschrieben ist, dass es auch ein Laie leicht versteht. Sie werden sogar eine Reihe sehr amüsanter Stellen in dem Buch finden, was gerade heute der Rezensent bei TICHYS EINBLICK lobend erwähnt hat. Ich glaube, man muss komplizierte Themen so aufbereiten, dass der Leser Freude am Lesen hat - und in der nächsten Diskussion mit einem Antikapitalisten garantiert die besseren Argumente.

Auszüge aus dem Buch und weitere Interviews mit dem Autor finden Sie hier:
http://kapitalismus-ist-nicht-das-problem.de/presse/

Schreibe Deinen Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren. Anmelden | Registrieren

 

Disclaimer

Weitere Nachrichten des Autors

Titel
Titel
Titel
Titel