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Schweden - der Mythos vom nordischen Sozialismus

Gastautor: Rainer Zitelmann
27.03.2018, 12:34  |  2473   |   |   

Schweden gilt heute vielen Menschen immer noch als sozialdemokratisches Musterland. Tatsächlich ist der demokratische Sozialismus dort längst gescheitert und marktwirtschaftliche Reformen haben Schweden wirtschaftlich wieder stark gemacht.*

2016, während des amerikanischen Wahlkampfes, lebte ich zwei Monate in New York. Im Fernsehen sah ich einen jungen Mann, der begeistert für den Sozialismus schwärmte. Das passte nicht so recht zu meinem Amerika-Bild. Der junge Mann meinte damit den "skandinavischen Sozialismus". Er war ein Anhänger von Bernie Sanders, dem demokratischen Konkurrenten von Hillary Clinton bei den Vorwahlen. Sanders bezeichnet sich als Sozialist, aber natürlich meint er damit nicht ein System wie seinerzeit in der Sowjetunion oder in der DDR, sondern er träumt vom sozialistischen Paradies, das vermeintlich in skandinavischen Ländern wie Dänemark oder Schweden verwirklicht sei.

Wenn Schweden mal ein sozialistisches Land war, dann ist das schon einige Jahrzehnte her. Aber so wie an Menschen ihr Image oft noch lange und zäh klebt, wenn sie sich längst geändert haben, so ist es auch bei Nationen. Wir sind ganz generell nur sehr langsam bereit, unser liebgewonnenes Bild von einer Nation zu ändern.

Um es vorweg zu sagen: Schweden ist heute kein sozialistisches Land. In dem Ranking der wirtschaftlich freiesten Länder der Welt gehört Schweden zu der Gruppe der 20 am stärksten marktwirtschaftlich ausgerichteten Volkswirtschaften. Gleichwohl: Wer nach sozialistischen Elementen sucht, der findet diese auch. Bei den Staatausgaben liegt Schweden auf Platz 170 von 180, sie betrugen in den Jahren 2014 bis 2016 51,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Und die Steuerlast in Schweden ist zwar lange nicht mehr so hoch, wie sie einmal war, aber mit 42,7 Prozent des Inlandseinkommens immer noch fast die höchste der Welt. Doch viele Menschen wissen nicht, dass es andererseits - im Unterschied zu den meisten Ländern - in Schweden inzwischen keine Erbschafts-, Schenkungs- und Vermögensteuer mehr gibt, die allesamt abgeschafft wurden. Der Arbeitsmarkt ist jedoch nach wie vor so stark reguliert wie in nur wenigen Ländern.

Sozialistische Elemente finden sich also durchaus in Schweden, auch wenn die kapitalistischen Merkmale heute überwiegen. Das Image von Schweden und anderen skandinavischen Ländern als "sozialistisch" kommt aus den 1970er- und 80er-Jahren. Will man die Wirtschaftsgeschichte Schwedens und anderer skandinavischer Länder von 1870 bis heute in wenigen Sätzen zusammenfassen, dann wird deutlich: "Diese Länder verzeichneten ein phänomenales Wirtschaftswachstum, solange sie einen schlanken Staat und freie Märkte hatten. Seitdem sie sich Richtung Sozialismus bewegten, kamen Unternehmergeist, Wohlstandswachstum und die Entstehung neuer Jobs zum Stillstand. Die Rückkehr zur Marktwirtschaft brachte das Wachstum zurück."

In der sozialistischen Periode, als der Wohlfahrtsstaat stark ausgebaut wurde (1970 bis 1991), fiel Schweden deutlich hinter die meisten europäischen Länder zurück. Das Wirtschaftswachstum in Italien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien oder den Niederlanden war stärker als in Schweden und in Österreich sogar doppelt so hoch. Während Schweden noch im Jahr 1970 den vierten Platz im OECD-Ranking der Länder mit dem höchsten BIP pro Kopf einnahm, fiel es in der sozialistischen Periode bis 1995 auf Platz 16 zurück.

Schwedens sozialistische Phase
Bis Mitte der 60er-Jahre unterschied sich Schweden nicht wesentlich von anderen europäischen Staaten, und man konnte bis dahin nicht von einem spezifischen "schwedischen Modell" sprechen. Die öffentlichen Ausgaben lagen Ende der 60er-Jahre noch in dem Bereich durchschnittlicher OECD-Staaten. Das änderte sich allerdings Ende der 60er und in den 70er- und 80er-Jahren. In dem Zeitraum 1965 bis 1975 stieg die Anzahl der Staatsbediensteten von 700.000 auf 1,2 Millionen. Der Staat griff immer stärker in die Wirtschaft ein, zahlreiche neue Regulierungsbehörden wurden gegründet. Der öffentliche Sektor absorbierte zwischen 1970 und 1984 den gesamten Zuwachs an Arbeitskräften in Schweden, wobei die neuen Arbeitsplätze vor allem im Bereich der sozialen Dienstleistungen lagen.

Aufschlussreich ist, wie sich in Schweden das Verhältnis zwischen folgenden zwei Gruppen entwickelte: Erstens jene, die ihr Einkommen überwiegend in der Privatwirtschaft erarbeiteten, und zweitens Staatsbedienstete und solche, die überwiegend von staatlichen Transferleistungen lebten. 1960 kamen auf 100 Schweden, die ihr Einkommen überwiegend in der Privatwirtschaft erwirtschafteten, 38, die ihr Geld vom Staat erhielten. 1990 dagegen kamen auf 100 Personen, die ihr Geld in der Privatwirtschaft verdienten 151, die ihr Geld überwiegend vom Staat bezogen. Die Zahl der Erwerbstätigen in der freien Wirtschaft nahm in diesem Zeitraum von drei Millionen auf 2,6 Millionen ab, während die Zahl der Personen, die ihr Geld überwiegend vom Staat bekamen, von 1,1 Millionen auf 3,9 Millionen gewachsen war. Diese Zahlen zeigen, wie sehr sich Schweden in diesen Jahren weg von einer kapitalistischen und hin zu einer sozialistischen Wirtschaft entwickelt hatte.

Schweden war Mitte der 70er-Jahre von der weltweiten Rezession betroffen, aber die Sozialdemokraten hielten konsequent an ihrem Kurs des Ausbaus des Wohlfahrtstaates fest und erhöhten in dieser Phase die Sozialleistungen weiter. Das Renteneintrittsalter wurde 1975 von 67 auf 65 Jahre gesenkt, Arbeitslosengeld gab es ab 1973 60 statt bislang 30 Tage, Kündigungen wurden erschwert. Um all die Sozialleistungen zu finanzieren, wurden immer mehr Schulden aufgenommen.

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