DAX-0,31 % EUR/USD-0,09 % Gold+0,08 % Öl (Brent)-0,65 %

Vom Sozialismus zur Marktwirtschaft Chinas Weg zum Kapitalismus

Gastautor: Rainer Zitelmann
29.03.2018, 11:00  |  2218   |   |   

Die wirtschaftliche Stärke des modernen China ist nicht das Ergebnis eines besonderen Systems, in dem der Staat in der Wirtschaft viel zu sagen hat. Im Gegenteil: Sie ist ein Ergebnis marktwirtschaftlicher Reformen, in deren Verlauf der Staatseinfluss zunehmend zurückgedrängt und den Marktkräften mehr Raum gegeben wurde.*

Die ökonomische Bilanz der Mao-Zeit war verheerend: Zwei Drittel der Bauern hatten 1978 ein niedrigeres Einkommen als in den 50er-Jahren, bei einem Drittel war es sogar niedriger als 1935, vor der japanischen Invasion. Nachdem Mao im Jahr 1976 gestorben war, kamen in China glücklicherweise pragmatischer denkende Politiker an die Macht, die spürten, dass die Menschen genug von radikalen sozialistischen Experimenten hatten. Maos Nachfolger wurde Hua Guofeng, und dieser bereitete einem Mann den Weg, ohne den das heutige moderne China schwer denkbar wäre, Deng Xiaoping.

Lernen vom Ausland
1978 begann eine rege Reisetätigkeit führender chinesischer Politiker und Wirtschaftler. Sie unternahmen 20 Reisen in mehr als 50 Länder, um herauszufinden, was sie wirtschaftlich von ihnen lernen könnten. Unter anderem besuchten sie Japan, Thailand, Malaysia, Singapur, die USA, Kanada, Frankreich, Deutschland und die Schweiz. Die Mitglieder der Reisedelegation waren ungeheuer beeindruckt von dem, was sie in Westeuropa sahen: Moderne Flughäfen wie Charles de Gaulle in Paris, Autofabriken in Deutschland und Häfen, in denen Schiffe automatisiert mit Containern beladen werden. Überrascht waren sie, wie hoch der Lebensstandard selbst eines normalen Arbeiters in den kapitalistischen Ländern war.

Deng selbst besuchte Länder wie die USA und Japan. Fasziniert war er von den Nissan-Werken in Japan und nach der Besichtigung erklärte er: "Jetzt verstehe ich, was Modernisierung bedeutet." Vor allem imponierten den Chinesen die wirtschaftlichen Erfolge in ihrer unmittelbaren Umgebung. "Insbesondere die ökonomische Dynamik der Nachbarländer galt, wenngleich kaum eingestanden, als Vorbild. Die Nähe der um 1945 noch durch den Krieg zerstörten japanischen Wirtschaft, die ab den 1950ern sämtliche Wachstumsrekorde brach und neben wettbewerbsfähigen Exportindustrien eine moderne Konsumgesellschaft hervorbrachte, ließ die Errungenschaften unter Mao als begrenzt erscheinen."

Beeindruckt war Deng von seiner Reise nach Singapur, dessen Wirtschaft sich so positiv von Chinas Wirtschaft unterschied. Lee Kuan Yew, Gründungsvater von Singapur und drei Jahrzehnte Premierminister, erinnert sich an ein Abendessen: "Ich hatte Deng 1978 während eines Abendessens in Singapur erzählt, dass wir, die Singapur-Chinesen, die Nachfahren von landlosen Bauern aus Guandong und Fujian in Südchina waren, die nicht lesen und nicht schreiben konnten. Nichts von dem, was Singapur getan hatte, könnte China nicht tun - und sogar besser tun. Er schwieg seinerzeit. Als ich las, dass er dem chinesischen Volk sagte, sie sollten es besser machen als Singapur, wusste ich, dass er die Herausforderung angenommen hatte, die ich ihm in dieser Nacht vor 14 Jahren dezent übermittelt hatte."

Die Berichte von den Reisen wurden in China weit verbreitet - in der Partei und in der Öffentlichkeit. Den Politikern und Wirtschaftsleuten, die gesehen hatten, wie es beispielsweise den Arbeitern in Japan ging, fiel es wie Schuppen von den Augen und sie merkten, dass sie jahrelang von der kommunistischen Propaganda belogen worden waren, als diese die Errungenschaften des Sozialismus in China mit dem Elend in den kapitalistischen Ländern verglich. In Wahrheit verhielt es sich genau umgekehrt, wie jeder sehen konnte, der diese Länder bereiste. "Je mehr wir von der Außenwelt sehen, desto klarer wird uns, wie rückständig wir sind", wiederholte Deng immer wieder.

Ent-Kollektivierung der Landwirtschaft
Doch es wäre falsch zu glauben, man sei nun über Nacht zum Kapitalismus "bekehrt" gewesen und habe sofort begonnen, in China die Planwirtschaft abzuschaffen und die Marktwirtschaft einzuführen. Man begann langsam, tastend, gab den Staatsbetrieben mehr Eigenständigkeit. Der Übergang von der sozialistischen Staatswirtschaft zur Marktwirtschaft vollzog sich nicht schlagartig, sondern in einem über Jahre und Jahrzehnte andauernden Prozess. Und mindestens ebenso wichtig wie die Initiativen von oben, also von der Partei, waren Bewegungen von unten, so etwa von den Bauern.

Nach den Erfahrungen mit dem "Großen Sprung nach vorn" gingen die Bauern in immer mehr Dörfern selbst dazu über, wieder den Privatbesitz an Ackerland einzuführen, was offiziell verboten war. Aber es zeigte sich rasch, dass die Erträge der privaten Landwirtschaft sehr viel höher waren, und die Parteifunktionäre ließen die Menschen gewähren.

Schon lange bevor das offizielle Verbot von privater Landwirtschaft 1982 aufgehoben wurde, gab es überall in China spontane Initiativen von Bauern, die das private Eigentum entgegen dem sozialistischen Glaubensbekenntnis wieder einführten. Das Ergebnis war sehr positiv: Die Menschen mussten nicht mehr hungern, die landwirtschaftliche Produktion stieg rapide an. Und 1983 war fast die gesamte Landwirtschaft in China ent-kollektiviert. Das große sozialistische Experiment Maos, dem so viele Millionen Menschen zum Opfer fielen, war beendet.

Staatsbetriebe werden zurückgedrängt
Aber nicht nur auf dem Land kam es zu Veränderungen. Jenseits der großen staatlichen Unternehmen gab es zahlreiche kommunale Unternehmen, die zwar formal den Städten und Gemeinden gehörten, aber zunehmend wie private Unternehmen gemanagt wurden. Diese Unternehmen erwiesen sich oft den schwerfälligen Staatsunternehmen als überlegen, weil sie nicht den engen Vorgaben einer Planwirtschaft unterlagen. Die Zahl der Arbeitnehmer in diesen Firmen stieg von 28 Millionen im Jahr 1978 auf 135 Millionen im Jahr 1996, ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung Chinas von sechs auf 26 Prozent.

Schreibe Deinen Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren. Anmelden | Registrieren

 

Kommentare

Nachdem Xi Jinping nun quasi Führer auf Lebenszeit ist mehren sich allerdings auch Anzeichen für eine Rückkehr zu Maoistischen Verhältnissen (auch im wirtschaftlichen Bereich) bleibt abzuwarten wie sich die Dinge weiter entwickeln ... der Weg ist noch unklar.
Ökonomen geben Afrika den Ratschlag, es soll sich ein Beispiel an China nehmen, dann kommt der Aufschwung von alleine.
Nach dem Lesen des Artikels wüßte ich nicht, welchen Ratschlag ich Afrika geben könnte. Kommunismus gibt es dort nicht, nur einige Diktaturen.
Es kommt wahrscheinlich auch auf die Menschen in einem Land an.

Was mich an China noch interessiert und im Artikel unbeantwortet blieb: wurde die Lohnhöhe durch die Kommunistische Partei Chinas vorgegeben, oder ist der Arbeitslohn frei verhandelbar ?

Disclaimer