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Chartanalyse Das Todeskreuz im DAX

Gastautor: Markus Richert
27.03.2018, 20:26  |  3037   |   |   

Am vorletzten Mittwoch ist der bekannte Physiker und Astrophysiker Stephen Hawking gestorben. Der Wissenschaftler wurde von Fachleuten und vom Laienpublikum gleichermaßen geschätzt. Er galt als einer der besten Physiker der Menschheit und war, laut übereinstimmender Aussage derjenigen, die ihn persönlich kannten, ein netter Kerl. Sein zentrales wissenschaftliches Thema war die Erforschung der „Schwarzen Löcher“. Diese gehören zu den größten Geheimnissen des Weltalls. Seit etwa hundert Jahren werden sie von Wissenschaftlern in der ganzen Welt erforscht und dabei kann man sie nicht einmal sehen.

Wesentlich sichtbarer und von den Anhängern der technischen Analyse ebenfalls in den Status einer Wissenschaft erhoben ist die Analyse der Charts von Wertpapieren und Indizes. Die Technische Analyse oder auch Chartanalyse ist eine weitverbreitete Form der Finanzanalyse. Ein Chart ist die grafische Darstellung von Kursverläufen über einen bestimmten Zeitraum. Was für einen Laien nach zeitgenössischer Kunst aussieht, ist der Versuch, den Börsenverlauf vorherzusagen.

Die Charttechnik versucht aus der Kurs- und Umsatzhistorie eines Wertpapieres günstige Kauf- bzw. Verkaufszeitpunkte zu ermitteln und damit die Kursentwicklung oder zumindest deren Eintrittswahrscheinlichkeit vorherzusagen. Das Instrument geht auf Charles Henry Dow zurück. Der Mitbegründer der Wall Street stellte fest, Aktienkurse bewegten sich in wiederkehrenden Trends. Aus dieser Einsicht entwickelten er und andere die Chartanalyse als Verfahren neben der Fundamentalanalyse. Sie ist leichter zu erlernen als die Untersuchung von Unternehmensdaten und daher auch bei Privatanlegern beliebt. Über den Sinn oder Unsinn der Chartana

lyse wird viel gestritten, die Meinungen dazu gehen weit auseinander. Der legendäre André Kostolany sagte einst abfällig: „Chartlesen ist eine Wissenschaft, die vergebens sucht, was Wissen schafft.“

Begriffe wie „Allzeithoch“, „200-Tage-Linie“ oder „Schulter-Kopf-Schulter-Formation“ sind den Anhängern dieser Methode geläufig und ihrer Meinung nach lässt sich aus Aktiencharts so einiges ablesen. Am letzten Dienstag war es wieder einmal so weit, im Dax hatte sich ein „Todeskreuz“ gebildet. Dieses ist dadurch gekennzeichnet, dass der gleitende Durchschnitt der vergangenen 50 Handelstage die 200-Tage-Linie von oben schneidet. Für Anhänger der Technischen Analyse gilt diese Konstellation als klares mittelfristiges Verkaufssignal. Im umgekehrten Fall, wenn also die 50-Tage-Linie die 200-Tage-Linie von unten nach oben durchkreuzt, wird ein Kaufsignal generiert, das Charttechniker als „Goldenes Kreuz“ bezeichnen.

Zumindest kurzfristig können sich die Jünger der technischen Analyse bestätigt fühlen. Der Dax kannte in den folgenden Tagen nur eine fallende Richtung und durchbrach am Freitag sogar die psychologisch wichtige Marke von 12.000 Punkten. Statistisch lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Todeskreuz und tatsächlichen Verlusten jedoch nicht herleiten. In der Vergangenheit hat es immer wieder häufige Fehlsignale gegeben. Die Wirksamkeit der Chartanalyse lässt sich empirisch nicht belegen. Allerdings wurden Anleger, die den Signalen des Todeskreuzes folgten, in einigen Fällen vor heftigen Kursverlusten bewahrt. So notierte der Dax im Januar 2008, als die 50-Tages-Linie die 200-Tage-Linie kreuzte, bei rund 7.000 Punkten. Im Anschluss stürzten die 30 deutschen Standardwerte bis auf 3.589 Punkte ab. Das letzte Todeskreuz datiert vom September 2015, damals notierte der Dax bei rund 10.300 Punkten. Es folgte eine kurze knackige Korrektur, in dessen Zuge der deutsche Leitindex bis auf 9.325 Punkte zurückfiel. Allerdings gibt es weitaus mehr Fälle in denen der Markt, Todeskreuz hin oder her, merklich zulegte. Dabei weist statistisch das „Goldene Kreuz“ eine erfolgreichere Quote auf. In den meisten Fällen konnten die Anleger nach dem Auftreten auch wirklich satte Kursgewinne vereinnahmen. Wirklich wissenschaftlich belegt sind jedoch beide Szenarien nicht.

Weit verbreitet und von besonderer Bedeutung bei der Chartanalyse ist die 200-Tage-Linie. Sie gehört wohl zu den einfachsten und bekanntesten Hilfsmitteln der Charttechnik. Der ursprüngliche Zweck des Indikators bestand darin, die oft wilden Kursschwankungen von Aktien oder Indizes zu glätten, damit der große Trend besser sichtbar wird. Auch Privatanleger können diese als Hilfsmittel nutzen. In ihrer einfachen Form wird die 200-Tage-Linie ermittelt, indem für jeden Tag das arithmetische Mittel der Schlusskurse der vergangenen 200 Handelstage berechnet wird und anschließend die einzelnen Durchschnittskurse miteinander verbunden werden. Diese Linie beschreibt also den gleitenden Durchschnitt der vergangenen 200 Börsentage. Damit läuft sie den Kursen quasi hinterher und gehört daher zur Gruppe der trendfolgenden Indikatoren. Die wohl wichtigste Regel der technischen Analyse lautet dementsprechend auch „The trend is your friend."

In der Anwendung ist die 200-Tage Linie auch entsprechend einfach. Klettert der beobachtete Index oder die ausgewählte Aktie über den gleitenden Durchschnitt, der in diesem Fall als Widerstandslinie fungiert, dann heißt es kaufen. Anleger können davon ausgehen, dass der Kurs weiter steigt. Im umgekehrten Fall stellt der gleitende Durchschnitt eine Unterstützungslinie da. Wird Sie von oben nach unten durchbrochen, dann heißt es verkaufen. Der Kurs dürfte weiter fallen.

Kritiker der Chartanalyse können dem ganzen jedoch wenig abgewinnen. In ihren Augen handelt es sich dabei jeweils um Zufallstreffer. Auch wenn die Literatur über technische Analyse mittlerweile ganze Bibliotheken füllt, die Wirksamkeit der Chartanalyse ist wissenschaftlich nicht belegt. Es besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen der Art der Analyse und der erwirtschafteten Rendite. Allerdings besteht mittlerweile, dem stimmen auch die Kritiker zu, eine gewisse Eigendynamik der Charttechnik. Wenn nämlich immer mehr Anleger sich nach der Chartanalyse richten und immer mehr Anleger aufgrund der Signale der Chartanalyse handeln, dann funktioniert das Ganze natürlich auch. Quasi eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Immerhin, so Schätzungen von Fachleuten, beruhen die Entscheidungen von 35 Prozent der Anleger, egal ob Profi oder Laie, auf irgendwelchen Chartregeln. Ganz außer Acht lassen kann man sie demnach nicht.

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