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Karl Marx-Hype Der am meisten missverstandene Mensch aller Zeiten?*

Gastautor: Rainer Zitelmann
01.05.2018, 11:21  |  5823   |   |   

Es ist wieder "schick", Marx zu zitieren, auch in bürgerlichen Kreisen, die ihn wahrscheinlich nie richtig gelesen haben. Voraussetzung für den Marx-Hype ist die Immunisierungsstrategie der Linken: Demnach haben alle Systeme, die sich auf ihn berufen, Marx nicht richtig verstanden. War Marx ein großer Denker, dessen Ideen nur bislang nicht richtig umgesetzt wurden?

Wer darauf verweist, dass seit 100 Jahren alle Systeme gescheitert sind, die sich auf Karl Marx berufen haben, dem wird entgegengehalten, diese hätten sich zu Unrecht auf ihn berufen und seine an sich richtigen Gedanken missbraucht. Das ist die wichtigste Immunisierungsstrategie der politischen Linken: Die Entkoppelung des "guten Karl Marx" von der gescheiterten politischen Praxis des Marxismus.

Kann man einen Denker oder Propheten dafür verantwortlich machen, wenn die Menschen ihn missverstehen? Natürlich nicht. Das gibt es immer wieder. Wie oft haben sich Menschen auf Jesus Christus berufen, obwohl sie sich ganz und gar unchristlich verhielten! Aber daneben gab und gibt es eben auch viele Christen auf der ganzen Welt, die seine Lehren durchaus richtig verstehen. Und Jesus hatte schließlich auch keine Utopie zur Verwirklichung des Paradises auf Erden entworfen: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt", sagte er seinen Jüngern. Das Reich von Karl Marx sollte aber von dieser Welt sein.

Vor allem: Es ist etwas ganz anderes, wenn ein Denker angeblich immer und ausnahmslos missverstanden wurde, weil es kein einziges System gegeben habe, das seine Ideen "richtig" umgesetzt habe. Genau dies soll bei Marx der Fall gewesen sein, denn wenn man diejenigen fragt, die den Denker Karl Marx von der Praxis des Marxismus abkoppeln wollen, wo denn seine Ideen jemals "richtig" umgesetzt worden seien, dann erhält man keine Antwort. Der Grund ist einfach: Alle sozialistischen Systeme, die sich auf Marx beriefen, sind ausnahmslos gescheitert, ob nun in der Sowjetunion, in China, in Jugoslawien, in der DDR, in Nordkorea, in Albanien: In jedem dieser Länder wurde das marxistische Experiment auf eine andere Weise durchgeführt, aber alle scheiterten letztlich an ökonomischer Ineffizienz.

Immunisierungsstrategie: Alle haben Marx missverstanden
Die These, dass eine Theorie seit über 100 Jahren immer und ausschließlich missverstanden worden sei, ist schon äußerst kühn und wäre im Grunde ein vernichtendes Urteil über einen Theoretiker, denn das hieße ja, dass er sich extrem unklar und missverständlich ausgedrückt hätte. Damit tut man Marx allerdings in der Tat unrecht. Er blieb in seinen Vorstellungen einer künftigen sozialistischen bzw. kommunistischen Gesellschaft bewusst sehr, sehr vage. Es finden sich nur vereinzelte Äußerungen, etwa in seinen Frühschriften. Marx wollte gerade kein "utopischer Sozialist" sein, der ein fertiges Modell einer sozialistischen Gesellschaft entwarf. Aber so viel ist klar: Der Sozialismus - als Übergangsstadium zur klassenlosen Gesellschaft des Kommunismus - sollte darauf beruhen, dass das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft würde. Das hat Marx immer wieder sehr klar formuliert. Und genau dies ist in allen sozialistischen Systemen geschehen. Die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln, die Ersetzung einer Marktordnung, in der Unternehmer entscheiden, was produziert wird und die Preise die wesentliche Informationsquelle sind, durch eine Staatswirtschaft war - bei allen Unterschieden - das Gemeinsame aller sozialistischen Systeme, ob nun in der Sowjetunion oder China, in Kuba oder Korea, in der DDR oder in den Ostblockstaaten. Lenin und Mao, Fidel Castro und Kim Il-sung, Walter Ulbricht und alle anderen haben in diesem wichtigsten Punkt Marx durchaus richtig verstanden.

Warum ein solches System scheitern muss, hat Ludwig von Mises bereits 1922 (also fünf Jahre nach Errichtung des ersten sozialistischen Staates in der Sowjetunion) theoretisch in seinem Buch "Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus" begründet. Und die historische Entwicklung in den vergangenen 100 Jahren hat die Theorie von Ludwig von Mises bestätigt - und Karl Marx dann auch in der Praxis so eindeutig widerlegt, wie wohl nie zuvor eine Theorie widerlegt wurde.

War Marx' Analyse des Kapitalismus richtig?
Erwähnt man die etwa 100 Millionen Toten, die die sozialistischen Experimente gekostet haben, dann lautet das Gegenargument, der Kapitalismus sei auch nicht besser. Im Gegenteil: Er sei viel schlimmer, denn er sei für Hunger und Armut auf der Welt verantwortlich. Nun, das ist allerdings nicht sehr marxistisch argumentiert, denn Marx betonte gerade die zivilisatorische Leistung des Kapitalismus, der zu einer ungeheuren Entwicklung der Produktivkräfte geführt habe. Er glaubte jedoch, dass der Kapitalismus schon bald zu einem Hemmschuh für eine weitere Entwicklung der Produktivkräfte würde und an seinen inneren Widersprüchen zusammenbrechen müsse. Das Proletariat würde verelenden und die Profitrate immer weiter sinken - bis schließlich das Proletariat die Macht übernehme und Produktionsmittel sowie Grund und Boden vergesellschaftet würden.

In seiner "Kritik der politischen Ökonomie" (1858) schrieb er: "Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt haben. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln um." Seine Prognose: Der Kapitalismus werde schon bald zu einer Fessel für die Produktivkräfte werden und würde dann ersetzt werden durch eine Ordnung, in der das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft werde.

Bekanntlich ist der Kapitalismus heute, genau 160 Jahre nachdem Marx dies prophezeite, lebendiger denn je. So wie die Anhänger von Weltuntergangssekten immer wieder neue Daten für den ausgebliebenen Weltuntergang aufrufen, so verkünden auch die Marxisten seit 150 Jahren das bald nahende Ende des Kapitalismus. Für Lenin war der "Imperialismus" bzw. "Monopolkapitalismus" bekanntlich das "letzte Stadium" des Kapitalismus, der bald auf der gesamten Welt zusammenbrechen werde.

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Kommentare

Zitat von User_X: Ich bin im sogenannten Sozialismus geboren und habe nichts gegen, bzw. ich bin für eine Leistungsgesellschaft. Aber das was heute geschieht, ist Massenverblödung. Die Welt wird von einigen wenigen gelenkt und keiner merkt es...


"Keiner merkt es" kann man nicht sagen, aber "keiner tut was" wäre sehr passend, in der Tat.
Ich bin im sogenannten Sozialismus geboren und habe nichts gegen, bzw. ich bin für eine Leistungsgesellschaft. Aber das was heute geschieht, ist Massenverblödung. Die Welt wird von einigen wenigen gelenkt und keiner merkt es...

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