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50 Jahre 68 - 200 Jahre Marx Das Jahr der Geschichtsklitterung

Gastautor: Rainer Zitelmann
06.05.2018, 11:47  |  2437   |  10   |   

2018 entwickelt sich zum Jahr der großen Geschichtsverfälschung: Was sind die Gemeinsamkeiten in der Glorifizierung von Karl Marx und der 68er-Revolte?

Liest man all die unzähligen Artikel zum 200. Geburtstag von Karl Marx und zum 50. Jahrestag der 68er-Revolte, dann werden erstaunliche Gemeinsamkeiten in der Verfälschung des Geschichtsbildes deutlich:

1. Ausblendung der Gewalt und Umdeutung der Ziele
Marx und die 68er werden von Revolutionären, deren erklärtes Ziel die gewaltsame Zerschlagung der bürgerlichen Gesellschaftsordnung war, zu harmlosen Reformern. Nicht nur in den tagesthemen, sondern in zahllosen Artikeln mutiert Marx zu einem von gerechter moralischer Empörung über Kinderarbeit und lange Arbeitszeiten motivierter "Sozialreformer", der sich gegen die "Auswüchse" des Kapitalismus gewandt habe. Das ist abwegig. Marx wandte sich nicht gegen irgendwelche "Auswüchse" des Kapitalismus und wollte das System nicht reformieren, sondern er wollte es durch eine gewaltsame Revolution zerschlagen und an dessen Stelle die Diktatur des Proletariats setzen. Gleiches gilt für die 68er. Auch sie waren keine harmlosen Sozialreformer. Im Gegenteil: "Reformismus" war für sie das schlimmste Schimpfwort. Vielmehr verstanden sie sich als Revolutionäre gegen das verhasste "System", also gegen die demokratische und marktwirtschaftliche Ordnung der Bundesrepublik. Und sie trugen eben keine Plakate von Mutter Theresa und Gandhi mit sich, sondern von Lenin, Che Guevara, Ho-Chi-Minh und Mao.

2. Horrorbild der Verhältnisse, gegen die sich Marx und die 68er wandten
So wie die Ziele und die Methoden von Marx und den 68ern systematisch verfälscht, verharmlost und beschönigt werden, so wird von den Verhältnisse, gegen die sie sich richteten, ein verzerrtes Horrorbild gezeichnet. Der Trick: Die Verhältnisse vor 150 Jahren werden verglichen mit denen von heute - und da müssen sie natürlich schrecklich erscheinen. Was dabei nicht gesagt wird: Dass die Verhältnisse für die Menschen heute sehr viel besser sind als zu den Zeiten von Marx ist ja nicht dessen Verdienst, sondern das Verdienst genau jenes Systems, das er vernichten wollte, nämlich des Kapitalismus. Und es ist natürlich unredlich und unhistorisch, die Verhältnisse im Frühkapitalismus nur mit unseren heutigen Standards zu vergleichen. Historisch Ungebildete glauben, vor der Entstehung des Kapitalismus hätten die Menschen glückselig gelebt und dann sei plötzlich die Sünde der brutalen kapitalistischen Ausbeutung mit Kinderarbeit und überlangen Arbeitszeiten über sie hereingebrochen. Marx selbst wusste es besser und lobte den Kapitalismus als großen zivilisatorischen Fortschritt im Vergleich zu vorangegangenen gesellschaftlichen Verhältnissen. Dass die Mehrheit der Menschen vor der Entstehung des Kapitalismus in schlimmster Armut und Not lebte, wird in den "200 Jahre Marx"-Artikeln verschwiegen.

Auch von den Verhältnissen vor 1968 wird ein Zerrbild gezeichnet, damit die Verdienste der 68er noch größer erscheinen können. Diese wandten sich angeblich gegen die vermiefte Adenauerzeit (die in Wahrheit längst vorbei war) und thematisierten angeblich erstmals das Unrecht der NS-Zeit (was tatsächlich längst vorher geschehen war). Die 68er waren angeblich von pazifistischer Empörung gegen den Vietnamkrieg getragen (während sie in Wahrheit "Sieg im Volkskrieg" skandierten). Alles, was damals vermeintlich oder wirklich schlechter war und heute vermeintlich oder wirklich besser ist, wird den 68ern zugute gehalten, ob nun Kinder heute weniger geschlagen werden oder die Vergewaltigung in der Ehe strafbar ist. Gesellschaftliche Entwicklungen, die längst vor 68 begonnen hatten bzw. gar nichts damit zu tun hatten, werden als Ergebnis der 68er-Revolte verklärt.

3. Folgewirkungen entkoppelt
Dagegen werden die verhängnisvollen Folgewirkungen sowohl von Marx als auch von den 68ern von den "eigentlich" hehren "humanistischen" Ideen entkoppelt. Max Horkheimer, einer der Vordenker der 68er, sagte: "Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Faschismus schweigen." Ich sage: Wer von den 100 Millionen Toten des Kommunismus nicht reden will, soll vom Marxismus schweigen. Der "große Denker" Marx wird systematisch entkoppelt von den unmenschlichen Diktaturen, die sich auf ihn beriefen; angeblich hätten ihn alle missverstanden. Und die 68er? In den 70er-Jahren teilten sie sich in verschiedene Strömungen auf: Die Mehrheit war in maoistischen Gruppen organisiert, deren Sympathien mörderischen Systemen wie in Kambodscha und China galt - später landeten viele davon bei den Grünen. Andere gingen den Weg in den Terrorismus - so die "Bewegung 2. Juni" oder die RAF. Alles, was unappetitlich ist, wird jedoch von Marx und den 68ern entkoppelt, weil es nicht zur Geschichtsverklärung passt. Auch die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, die 1968 ihren Ursprung hatten, werden nicht thematisiert.

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10 Kommentare

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Kommentare

Das frage ich mich auch, was das bringen soll.

Marx hat die Verhältnisse seiner Zeit beschrieben und die Widersprüche durchaus treffend herausgearbeitet. Die Auswüchse mögen ja beseitigt sein, aber dann muss man auch fragen, ob die auch ohne die Marxschen Anlaysen ehoben worden wären. Die Widersprüche in der Gesellschaft gibt es ja nach wie vor.

Die Mehrheit in den etwickelten Ländern damals waren die Arbeiter, nach Marx das Proletariat. Die Diktatur des Proletariats ist ein Begriff für die Herrschaft der Mehrheit der Bevölkerung.

Laut Marx sollte der Übergang zum Sozialismus nur in den hoch entwickelten kapitalistischen Staaten möglich sein. Russland vor 100 Jahren oder China und Vietnam vor 70 Jahren oder Kambodscha vor 50 Jahren gehörten ganz sicher nicht in diesen Kreis. Insofern ist es doch ziemlich seltsam zu behaupten, Lenin, Mao etc. würden die Lehre von Marx vertreten, in einem ganz wesentlichen Punkt aber offensichtlich nicht. Das hat dann auch Konsequenzen. In den genannten Staaten bildete die Arbeiterschaft nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Eine Diktatur des Proletariats ist es dann eben nicht die Herrschaft der Mehrheit der Bevölkerung, sondern die einer Elite oder Avantgarde, was ja so bei Marx auch nicht vorgesehen war. Als Mitglied einer maoistischen Splittergruppe wollte man das vielleicht nicht wissen, aber wenn man sich dort verabschiedet hat, sollte man das eigentlich kapiert haben.

Die Kreuzritter beriefen sich auch auf Jesus. Deshalb kann man ja wohl kaum Jesus für deren Kriegsverbrechen veranwortlich machen.

Montesqueu und Rousseau sind auch nicht für die Auswüchse der französischen Revolution verantwortlich.
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Liebe w:o - Redaktion, diese offensichtlich sehr persönliche und nicht minder streitbare MEINUNG sollte besser als solche gekennzeichnet werden.

Hat ja Züge einer Hasspredigt!

mfG Cinotosi
Beim Fernsehsender Arte hatte ich eine Biografie zu Marx verfolgt. Er zog von Trier nach London in den Stadtteil Soho. Dieser Stadtteil war total heruntergekommen. Dort prügelten sich die Immigranten mit den Arbeitern um die letzte Absteige. Nach einiger Zeit konnte Marx die Miete nicht mehr zahlen und mußte überall anschreiben lassen. Sämtliche Möbelstücke gingen zum Pfandleiher. Am Ende hatte er nicht einmal genug Geld für Papier, um die Fortsetzung zum "Das Kapital" zu schreiben.
Sein einzigster Sohn starb dort an Cholera. Ob seine Frau dort Selbstmord beging, ließ der Film offen.

Deshalb der Hass auf die Kapitalisten und der Wunsch zur Neuordnung. Die Umwelt hat Marx geformt.
Wer weiß, ob "Das Kapital" jemals geschrieben worden wäre, wenn es damals Hartz 4 oder ein bedingungsloses Grundeinkommen gegeben hätte.

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