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Politische Korrektheit; 68er; Kulturmarxismus; 50 Jahre Jubiläum; Immanuel Kant, Idealismus Das Erbe der Achtundsechziger - Kulturmarxismus und die Geburt des modernen Gedankenverbrechens

Nachrichtenquelle: Claudio Grass
07.05.2018, 17:18  |  3192   |   |   

Woran liegt es, dass der Westen und seine kulturelle Identität so tief gesunken sind, insbesondere warum familiäre Werte so dramatisch abgebaut haben. Ein klareres Verständnis der historischen Evolution dieser jahrhundertealten Frage und ihrer weitreichenden Konsequenzen wird uns eine wertvolle Einsicht in die intellektuelle Krise der westlichen Gesellschaften sowie die strategische Unterdrückung von Dissens und unabhängigem Denken verschaffen. Es wird die Ursprünge jenes Gedankengefängnisses beleuchten, das wir heute unter dem Namen „politische Korrektheit“ kennen.

Das Erbe der Achtundsechziger

Kulturmarxismus und die Geburt des modernen Gedankenverbrechens

Politische Korrektheit war nie einfach nur „gut gemeint“

 

Wenn ein Mensch keinerlei philosophische Gedanken hat, werden ihm gewisse Fragen nie in den Sinn kommen. Es gibt viele Themen und Ideen, die mich als jungen Mann bei weitem nicht so sehr interessiert haben, wie sie es heute tun. Eine Frage gibt es jedoch, die mich schon immer beschäftigt hat, und sie fasziniert mich heute immer noch so sehr wie damals: Was war zuerst, Geist oder Materie oder ist es andersherum?

Mit anderen Worten: Schafft das menschliche Bewusstsein das, was wir als unsere Realität und unsere physische Existenz wahrnehmen, oder ist es andersherum; bestimmt die vorher existierende materielle Welt unser Empfinden und formt sie unsere Wahrnehmung? Auf den Punkt gebracht ist, was sich unter der Oberfläche dieser Frage versteckt, folgendes: Ist der Mensch ein gestiges Wesen definiert durch das „sich Bewusstsein“, dass man über einen freien Willen verfügt, und mit dem Recht auf Selbstbestimmung geboren ist oder nicht?

Seien Sie nicht beunruhigt; dies ist kein Artikel über politische Philosophie. Aber das ist ein fundamentales und enorm wichtiges Thema, das, wie ich herausfand, die Basis vieler Zweifel war, die ich bezüglich unserer Gesellschaft und unserer politischen Kultur hatte. Obgleich ich gern zugebe, dass ich kein Philosoph oder Experte auf diesem Gebiet bin, werde ich in diesem Artikel versuchen Ihnen meine diesbezüglichen Gedanken zu erklären, warum die Antwort, die wir auf diese Frage finden, einen großen Einfluss auf die Art ausübt, wie wir denken, wie wir leben und wie sich die Gesellschaft einander gegenüber verhält. Meines Erachtens ist diese Frage eine der wichtigsten überhaupt und dennoch leider nicht weitverbreitet.

Woran liegt es, dass der Westen und seine kulturelle Identität so tief gesunken sind, insbesondere warum familiäre Werte so dramatisch abgebaut haben. Ein klareres Verständnis der historischen Evolution dieser jahrhundertealten Frage und ihrer weitreichenden Konsequenzen wird uns eine wertvolle Einsicht in die intellektuelle Krise der westlichen Gesellschaften sowie die strategische Unterdrückung von Dissens und unabhängigem Denken verschaffen. Es wird die Ursprünge jenes Gedankengefängnisses beleuchten, das wir heute unter dem Namen „politische Korrektheit“ kennen.

Das Erbe Kants und die intellektuellen Fesseln der Unmündigkeit

Ich denke, dass es Sinn macht, sich die Schriften Immanuel Kants (1724-1804) anzusehen, jenes deutschen Philosophen, der als Vater der modernen Philosophie gilt. 1784 schrieb er folgendes über die Aufklärung: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Die heutigen ökonomischen und politischen Kräfte scheinen sich dieser Gefahr, die eine mündige Bevölkerung darstellt, bewusst zu sein. Während unsere westliche Kultur sich einer existentiellen Krise gegenübersieht und eine Vielzahl von Angriffen erleidet, scheinen sich die politischen Eliten darauf zu konzentrieren, ihren Willen um jeden Preis durchzusetzen. Sie versuchen, eine Reihe von Problemen unter Kontrolle zu halten, schaffen dies nicht und begnügen sich daher damit, der Öffentlichkeit dieses Versagen als strategischen Sieg zu verkaufen: Die Migrationskrise, chronische ökonomische Unsicherheit, geopolitische Auseinandersetzungen mit immensem menschlichen Leid, die Verletzungen der persönlichen Freiheitsrechte, all dies soll als Teil des Lebens akzeptiert werden; es wird uns als „alternativlos“ verkauft.

Daher ist es ihre Priorität, den politischen Betrieb zu stabilisieren und abweichende Meinungen sowie Populismus zu unterdrücken. Um dies sicherzustellen, reichen Gesetze gegen verschiedene Handlungen nicht aus. Um „den Frieden sicherzustellen“, braucht es Regeln gegen das Denken an sich. Dadurch, dass richtig und falsch umdefiniert werden, das Narrativ kontrolliert und unabhängiges Denken eingegrenzt wird, bleibt die Bevölkerung als ganzes strategisch beeinflussbar und intellektuell fügsam.

Angesichts des Erfolgs dieser Strategie und mit Kants Definition der Aufklärung im Hinterkopf erscheint es ratsam, die Frage zu stellen: Sind wir jemals zu erwachsenen und aufgeklärten Individuen geworden, oder sind wir noch immer in unserer selbstauferlegten Unmündigkeit gefangen? Ich glaube, dass letzteres der Fall ist, und um meine Ansicht zu verdeutlichen, gibt es wieder keinen besseren Mann, den man zitieren könnte, als Kant selbst: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, und so weiter, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig, zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem, dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halten: Dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einige mal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeinhin von allen ferneren Versuchen ab.“

Die Frankfurter Schule und die Ursprünge der politischen Korrektheit

Es lässt sich immer weniger abstreiten, dass wir, besonders in Europa und den USA, nicht länger das absolute und unveräußerliche Recht der freien Meinungsäußerung haben. Obwohl wir vorgeben, stolze Bürger demokratischer Gesellschaften zu sein, die persönliche Freiheiten theoretisch respektieren und aufrechterhalten, wurde die Definition dessen, was freie Meinungsäußerung ausmacht, in der Praxis so weit abgeschwächt und eingeengt, dass es oft zur Parodie des eigentlichen Grundsatzes verkommt.

Mehr und mehr Themen wurden tabuisiert, die persönliche Äußerung „falscher“ Meinungen und Ideen wurde unter Strafe gestellt, und sogar die wissenschaftliche Forschung wurde in gewissen Bereichen unterdrückt. Und auch in alltäglichen Gesprächen treten die Symptome unserer sozialen Selbstzensur zutage: Ist es nicht beunruhigend, dass es nahezu unmöglich ist, eine normale, nüchterne Debatte über beispielsweise die Migrationskrise zu führen, eines der existentiellen Themas, das Teile der Zukunft des europäischen Kontinents markant beinflussen wird?

Das natürliche Recht auf unabhängiges Denken und freie Meinungsäußerung wurde unter dem Vorwand dessen, was wir heute als „politische Korrektheit“ bezeichnen, stark eingeschränkt. Ohne Rücksicht auf Denkverbote zu sprechen, kann einem die Rolle des Außenseiters oder des Feindes der Zivilgesellschaft einbringen, und dort enden die Folgen noch nicht einmal: Auch die Selbstzensur wird sichergestellt durch neue Gesetze unserer moralischen Führer, die glauben, dass die ihnen mit den Regierungsämtern übertragene Macht sie dazu berechtigt, einzugrenzen, was wir denken und nicht denken dürfen. Kant unterstrich die Notwendigkeit der öffentlichen Debatte vor 250 Jahren so: „Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalsten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun. Dass aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja, es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende sogar unter den eingesetzten Vormündern des großen Haufens finden, die, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Werts und des Berufs jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden. Besonders ist hierbei: dass das Publikum, welches zuvor von ihnen unter dieses Joch gebracht worden, sie danach selbst zwingt, darunter zu bleiben, wenn es von einigen seiner Vormünder, die selbst aller Aufklärung unfähig sind, dazu aufgewiegelt worden; so schädlich ist es, Vorurteile zu pflanzen, weil sie sich zuletzt an denen selbst rächen, die oder deren Vorgänger ihre Urheber gewesen sind. Daher kann ein Publikum nur langsam zur Aufklärung gelangen. Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von persönlichem Despotismus und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zustandekommen; sondern neue Vorurteile werden ebensowohl als die alten zum Leitbande des gedankenlosen großen Haufens dienen.“

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der einzelne Bürger ohne die Möglichkeit der freien Debatte es nicht vermag, aus seiner selbstauferlegten Unmündigkeit auszubrechen. Ohne die Chance auf Befreiung und persönliche Aufklärung bleiben wir außerstande, den Status quo in Frage zu stellen, abzulehnen und herauszufordern.

Wie Figuren auf dem Schachbrett haben wir kein Mitspracherecht bei unserer Zukunft und keine Kontrolle über die Pläne, an deren Durchführung wir implizit mitarbeiten. Wir werden zu Komplizen zerstörerischer Politik und in Konflikten und Kriegen, die in unserem Namen geführt werden, und schauen nur noch zu, wie unsere Kultur zerfällt, unsere Werte verkommen und unsere Freiheit mit Füßen getreten wird. Um zu verstehen, wie der Mensch der Moderne zum Komplizen an seiner eigenen intellektuellen Unterwerfung wurde, müssen wir zurückschauen und die Wurzel unserer Krise finden.

„Emanzipation durch Indoktrination“

Freies Denken und freie Meinungsäußerung hatten schon immer eine Beziehung zueinander. Der Niedergang beider hat seine Ursprünge in den Jahren 1930 bis 1968, als eine Gruppe von Intellektuellen und sogenannten Philosophen zusammenkam, um eine Denkschule ins Leben zu rufen, die im Prinzip darauf aus war, die westliche Zivilisation und alles, wofür sie stand (einschließlich ihres auf der Marktwirtschaft basierenden ökonomischen Systems), durch „Emanzipation“ zu zerstören.

Max Horkheimer, ein marxistischer Philosoph, war einer der Gründerväter der Frankfurter Schule, die der modernen Kritischen Theorie ihre Form gab und zumeist als neo-marxistisch charakterisiert wurde. Horkheimer, Jürgen Habermas, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und Erich Fromm, um nur einige zu nennen, bildeten die Frankfurter Schule und ihr Institut für Sozialforschung, eine intellektuelle Denkfabrik, die den kulturellen Kontext des Westens und insbesondere Deutschlands prägte.

Laut Horkheimer erfüllte die Kritische Theorie den Zweck, „die Menschen von jenen Umständen zu befreien, die sie versklaven“. Dementsprechend war ihr Ziel die Erschaffung einer theoretischen und ideologischen Plattform für eine kulturelle Revolution. Diese Gruppe von „Philosophen“ versuchte, und schaffte es zu einem großen Teil auch, ihre Zielsetzungen zu erreichen, indem sie sich speziell auf die Kultur konzentrierte. Die Kultur bildet die Basis, die die Gedanken und die politische Weltsicht der Menschen dadurch beeinflusst, dass sie die Sprache und die Ideen durch institutionelle Kanäle wie die Bildung kontrolliert.

Zusammengefasst ist die Kritische Theorie die Politisierung der Logik. Horkheimer meinte, dass „Logik nicht unabhängig von dem Inhalt“ sei, womit er im Prinzip sagen wollte, dass ein Argument logisch genannt werden kann, wenn es auf die Zerstörung der westlichen Zivilisation abzielt, und unlogisch wird, wenn es jene verteidigt. Dies ist offensichtlich der Eckpfeiler der „politischen Korrektheit“ und der Grund dafür, dass eine offene und unbeschränkte Debatte als subversiv und aufhetzerisch verpönt ist. Eine solche nährt Dissens und Zweifel, ermutigt zur kritischen Analyse und verhindert intellektuelle Uniformität und Gruppendenken.

Die Kritische Theorie und der Krieg gegen Gott

Die Frankfurter Schule gab vor, dass ihre Kritische Theorie die Theorie der Wahrheit sei. Die westliche Philosophie, von Thomas von Aquin bis Kant, und auch Hegel, Fichte, Schelling und Goethe sollten also kurzerhand verworfen und durch ihre eigenen Ideen und Regeln zum „richtigen Denken“ ersetzt werden. In den Bereichen der Soziologie und der politischen Philosophie ging die Kritische Theorie über die Interpretation und das Verständnis der Gesellschaft hinaus, sie wollte alle Grenzen überwinden und zerstören, die in den Augen ihrer Schöpfer die Gesellschaft in Systemen der Herrschaft, Unterdrückung und Abhängigkeit festhielten.

Ein wesentliches und durchaus kontroverses Argument ist die Feindschaft der Frankfurter Schule gegenüber der Religion und der Spiritualität. Ihrer Ansicht nach ist das Christentum die institutionalisierte Neubelebung heidnischer Philosophie, und Gott ist reine Fiktion. Religion bringt die Menschen dazu, ihr Leid auf ein göttliches Wesen zurückzuführen, sie lenkt von dem Leid ab, das der Kapitalismus verursacht, und ihr Kern ist nichts als reine Einbildung.

So wie die Theorien von Darwin und Freud zuvor die Rolle der Religion in Frage stellten, versuchten der Marxismus und der Neomarxismus das unaufgeklärte, mythische Bild der jahrhundertealten institutionalisierten Göttlichkeit zu widerlegen: Nicht Gott, sondern der Mensch war das höchste Wesen. Da ich nicht darauf aus bin, über Theologie zu diskutieren, sondern die Weltsicht der Mitglieder dieser Schule aufzeigen will, werde ich ein weiteres Mal auf ein Zitat Kants verweisen, der das folgende in „Kritik der reinen Vernunft“ schrieb: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“

Kant war als scharfer Kritiker der Religion bekannt, jedoch erkannte er, dass die Wahrnehmung und das rationale Denken auf menschlichen Verstand und Geist hinweisen und die Mittel sind, mit denen das Individuum zur Schlussfolgerung gelangt, dass es einen Gott gibt. Die Bedeutung dieses Arguments erschließt sich durch Kants Glauben an den freien Willen und die Entschlossenheit des menschlichen Geistes, diese Rationalisierung aufzustellen, um zu dem Fazit zu gelangen, dass der Mensch im wesentlichen gut ist. Dass es in seiner Natur liegt nach „der goldenen Regel“ zu streben und auch sein Handeln danach auszurichten. In diesem Kontext ist Gott mehr eine Metapher für Moralität, was in der fundamentalen Geist-versus-Materie-Frage eine Rolle spielt: Der Verstand und der Geist des Menschen erschaffen Materie. Im Prinzip führt Kant diese beiden Konzepte auf eine Art und Weise zusammen, dass das menschliche Bewusstsein und die Selbstbestimmung hervorgehoben werden.

Die Frankfurter Schule plazierte ihre Ideologie am anderen Ende des Spektrums. Sie behauptete, dass der Mensch in seiner Existenz als Säugetier und als ein von seinen Grundbedürfnissen getriebenes Produkt der Natur begrenzt sei. Es gibt keinen Platz für freien Willen, keine Möglichkeit des kritischen Denkens oder die Fähigkeit, richtig von falsch zu unterscheiden, kein Bewusstsein und kein Potential zur Vernunft. Dieser Standpunkt hat seine Wurzeln im marxistischen Hintergrund, wo behauptet wird, dass der Mensch ein Produkt der Gesellschaft ist: Sein Verstand und sein Geist sind durch die materielle Welt geformt und bestimmt.

Aufgrund dieser Abhängigkeit von äußeren Faktoren gilt der menschliche Verstand als fragil und manipulierbar, der Mensch kann für seine Entscheidungen nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Diese Idee war die Basis der „Entkriminalisierung des Verbrechens“-These der Frankfurter Schule. Da der Mensch ein Produkt der Gesellschaft ist, ist es laut Jürgen Habermas unvermeidbar, dass er dementsprechende kriminelle Tendenzen entwickelt, schließlich wird er unter dem Joch der strukturellen Gewalt eines kriminellen kapitalistischen Systems aufgezogen.

Die Frankfurter Schule glaubte, dass der Mensch dadurch frei würde leben können, ohne das Gefühl der Verantwortung und ohne die Last des Bewusstseins, dass man der Menschheit ihre Spiritualität nimmt und die materielle, durch das kapitalistische System und seine Struktur geschaffene Umgebung zerstört. Sie versprach Freiheit ohne freien Willen, sie malte sich eine Emanzipation durch intellektuelle Assimilation aus und wollte „Fairness“ ohne Gerechtigkeit.

Die strategische Bedeutung der staatlichen Erziehung

Aus Sicht der Frankfurter Schule beginnt der Systemfehler mit der Familie. Diese ist die erste und wichtigste Entität, der wir uns gegenübersehen. Sie erzieht Kinder auf eine autoritäre Art und Weise, die unterwürfige, gehorsame und abhängige Erwachsene schafft. In anderen Worten: Es ist die Familie, die den Weg zum Faschismus ebnet. Also lassen sich durch das Diskreditieren und Zerstören des Konzepts der Familie auch der Kapitalismus und der Faschismus im Keim ersticken.

Mit dieser feindlichen Einstellung gegenüber der gesellschaftlichen Rolle der Familie, kombiniert mit ihrem Kreuzzug gegen die Spiritualität, mussten die Frankfurter Philosophen eine Alternative präsentieren, um das Althergebrachte durch den eigenen Fahrplan für die Zukunft zu ersetzen. Aus ihrer Sicht war die Antwort schlicht, die Gesellschaft umzuprogrammieren und umzustrukturieren, sodass jeder sich so verhält, wie andere dies von ihm erwarten, und menschliches Verhalten zu einer Art Wechselwirkung wird. Dies allein wäre der universelle Kodex, der ihre Utopie regeln würde.

Um diesen Kodex in die Gesellschaft einzuführen und durchzusetzen, schlugen sie den Gebrauch von Institutionen vor, insbesondere den des Bildungssystems. Diese institutionellen Kanäle zu steuern wäre der effizienteste Weg, um ihre Ethik einzuführen und zu fördern, wobei Erziehung den Schlüssel zu garantierter Gefolgschaft bereitstellen würde, sie würde Dissens genauso eliminieren wie die zukünftige Fähigkeit des Individuums zu unabhängigem Denken.

Die Folgen dieser Strategie sind in unserer heutigen Gesellschaft allgegenwärtig. Die staatliche Erziehung hat uns seit der Kindheit dazu konditioniert, den Staat und seine kollektivistische Politik nicht zu hinterfragen. Wilhelm Wundt, der Vater der experimentellen Psychologie und der Wissenschaftler, der den heutigen staatlichen Bildungsansatz prägte, etablierte seine Methodologie auf der folgenden Annahme: „Der Mensch verfügt über keinen Geist und keine Selbstbestimmung.“ Daraufhin unternahm er den Versuch, zu zeigen, dass „der Mensch die Summe seiner Erfahrung ist, seiner Reize, die Einzug in sein Bewusstsein und Unbewusstsein finden“.

Der große Henry Louis Mencken schrieb 1924, dass das Ziel der staatlichen Erziehung nicht sei, „die jungen Menschen mit Wissen zu versorgen und ihre Intelligenz zu erwecken. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Das Ziel ist schlicht und einfach, so viele Menschen wie möglich auf den gleichen sicheren Level zu reduzieren, eine standardisierte Bevölkerung zu schaffen und zu trainieren, Dissens und Originalität zu unterdrücken. Das ist ihr Ziel in den Vereinigten Staaten, und das ist ihr Ziel überall sonst.“

Der Aufstieg des Kulturmarxismus

Die Frankfurter Schule entwickelte das Dogma, dass „Freiheit und Gerechtigkeit“ dialektische Begriffe sind, was bedeutet, dass sie sich in einem Nullsummenspiel gegenüberstehen, in dem mehr Freiheit weniger Gerechtigkeit bedeutet und als Folge dessen mehr Gerechtigkeit weniger Freiheit bedeutet. Basierend auf dieser Dialektik war Freiheit die These, und die Gerechtigkeit bildete die Antithese.

Diese interessante dialektische Herangehensweise wurde von den Ideen und der Arbeit Georg Wilhelm Friedrich Hegels übernommen. Jedoch veränderte die Frankfurter Schule den Kern des Konzepts und untergrub die daraus folgende Logik. Zusammengefasst liegt der Hauptunterschied zwischen Hegels und Horkheimers dialektischer Herangehensweise in der Schlussfolgerung: Der Idealist Hegel glaubte wie Kant, dass der Geist die Materie schafft, während für Horkheimer, einen Jünger von Karl Marx und seiner Theorie des Materialismus, das Gegenteil der Fall war.

Marx nahm an, dass die Welt, die objektive Realität, durch ihre materielle Existenz und deren Entwicklung erklärt werden kann, nicht durch die Realisierung einer göttlichen allumfassenden Idee oder das Ergebnis rationalen menschlichen Denkens, wie es der Idealismus vorsah. Der materiellen Welt Grenzen zu geben, dem Umfeld, in dem Individuen leben, denken und handeln, äußere Regeln und Einschränkungen aufzuerlegen, sollte daher ausreichen, um ihre kognitive Erfahrung zu formen und ihren Geist mit Hilfe „erwünschter“ Parameter einzuhegen.

Ich glaube, dass dies der Hauptpunkt ist, der die Frankfurter Schule mit dem verbindet, was wir heute als „politische Korrektheit“ kennen. Im Kern finden wir den gleichen falschen Glauben daran, dass weniger Freiheit mehr Gleichheit und daher mehr Sicherheit garantiert. Dieses Mantra wird durch institutionelle und politische Botschaften immerzu wiederholt, findet Einzug in gesellschaftliche Werte und wird, wie es die Frankfurter Schule gewollt hätte, durch die staatliche Erziehung in die Köpfe der jungen Generation und der zukünftigen Wähler eingepflanzt.

Statt eine Plattform zu schaffen, die die individuelle menschliche Entwicklung dadurch fördert, dass sie die Vernunft, das Fragenstellen und den Dialog anregt, fungiert das institutionelle System als Fertigungsstraße von der Wiege bis zum Grab, die Individuen erfolgreich standardisiert und sie darauf vorbereitet, vor dem Status quo niederzuknien, zu akzeptieren und nicht zu hinterfragen.

Dies ist die Logik der Kritischen Theorie und der Kern der „politischen Korrektheit“. Es ist ein vergeblicher und zum Scheitern verurteilter Versuch, die natürliche Entropie der menschlichen Gedanken und des unabhängigen Denkens zu kontrollieren, den Fluss unserer verwobenen und einzigartigen Erfahrungen aufzuhalten und schließlich den menschlichen Geist zu brechen und gefügig zu machen. Vielleicht verstehen Sie nun, was Tom DiLorenzo in einem Interview meinte, als er folgendes über den „Kulturmarxismus“ sagte: „Die alte Rhetorik des ‚Klassenkampfes‘, die die Kapitalisten- und die Arbeiter-Klasse‘ kannte, wurde von ihnen im großen und ganzen aufgegeben und durch die Unterdrücker- beziehungsweise die unterdrückte Klasse ersetzt. Die Unterdrückten sind Frauen, Minderheiten, Lesben, Schwule, Bi- sowie Transsexuelle und diverse andere Maskottchenkategorien. Die Unterdrückerklasse besteht aus weißen heterosexuellen Männern, die nicht wie sie ideologische Marxisten sind.“

Als die Mitglieder der Frankfurter Schule Deutschland während der Nazizeit verlassen mussten, zogen sie in die USA, viele in die Nähe von Hollywood, und entwickelten starke Verbindungen zu den Universitäten Columbia und Harvard. So weiteten sie ihren Einfluss in den Vereinigten Staaten aus und machten neben Hollywood die akademische Elite vieler Universitäten zu einem Hort des „Kulturmarxismus“.

In Europa waren einige der heutzutage bekanntesten Politiker unter den Achtundsechziger-Rebellen, die von der ersten Generation der Frankfurter Schule angelernt wurden. Unter ihnen waren der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Außenminister Joschka Fischer, Ulla Schmidt und nicht zuletzt Angela Merkel.

Anlässlich des Jubiläums „60 Jahre CDU“ am 16. Juni 2005 erklärte sie in Berlin, wie im Jahr 1968 viele gesellschaftliche Veränderungen angestoßen wurden, die die alte Bundesrepublik geprägt haben und die CDU bis heute beeinflussen. Wortwörtlich sagte sie: „Wir können und wollen nicht zurück zum Familien- und Frauenbild der 50er Jahre. Wir können und wir wollen nicht zurück zum gesellschaftspolitischen Rahmen jener Zeit. Wir alle sind gemeinsam weiter als damals.“

In meinen Augen hat der Kulturmarxismus nichts mit Freiheit, kultureller Aufklärung oder sozialem Fortschritt zu tun. Stattdessen geht es, wie Horkheimer es selbst sagte, um die Erschaffung identischer Individuen, die nicht zusammenkommen und miteinander Ideen austauschen, weil sie eben funktionieren wie geistlose Maschinen. Die Frankfurter Schule und ihre Anhänger haben sich dabei klar als Feinde der Freiheit und des bewussten menschlichen Geistes herausgestellt. Zusammenfassend möchte ich Sie mit einem weiteren Kant-Zitat zurücklassen: „Ein größerer Grad bürgerlicher Freiheit scheint der Freiheit des Geistes des Volks vorteilhaft und setzt ihr doch unübersteigliche Schranken; ein Grad weniger von jener verschafft hingegen diesem Raum, sich nach allem seinem Vermögen auszubreiten. Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat: so wirkt dieser allmählich zurück auf die Sinnesart des Volks (wodurch dieses der Freiheit zu handeln nach und nach fähiger wird) und endlich auch sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln.“

Claudio Grass, Hünenberg See, Schweiz

Unabhängiger Edelmetallberater

www.claudiograss.ch





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Disclaimer

Politische Korrektheit; 68er; Kulturmarxismus; 50 Jahre Jubiläum; Immanuel Kant, Idealismus Das Erbe der Achtundsechziger - Kulturmarxismus und die Geburt des modernen Gedankenverbrechens Die heutigen Eliten versuchen, eine Reihe von Problemen unter Kontrolle zu halten, schaffen dies nicht und begnügen sich daher damit, der Öffentlichkeit dieses Versagen als strategischen Sieg zu verkaufen: Die Migrationskrise, chronische ökonomische Unsicherheit, geopolitische Auseinandersetzungen mit immensem menschlichen Leid, die Verletzungen der persönlichen Freiheitsrechte, all dies soll als Teil des Lebens akzeptiert werden; es wird uns als „alternativlos“ verkauft. Dieser Artikel versucht eine geschichtliche Sichtweise aufzuzeigen, mit dem Ziel die Welt zu verstehen, in der wir leben.

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