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Der Ölpreis bricht ein – was ist hier los?

Gastautor: Jochen Stanzl
28.05.2018, 11:45  |  7619   |   |   

Der Einbruch des Ölpreises unter heftigem Volumen legt die Frage nach den Gründen nahe. Der Herdentrieb spielt an der Börse immer wieder eine große Rolle. Jeder hat die gleiche Trade-Idee und am Ende genügt eine Nachricht und alle wollen zeitgleich durch die kleine Türe nach draussen. Am Freitag konnten wir dieses Phänomen beobachten, als unter dem mehr als fünffachen des normalen Handelsvolumens der Preis für ein Fass Rohöl der Nordseesorte Brent um über 3% eingebrochen war.

 

Zuvor war der Preisabstand zwischen der amerikanischen Ölsorte WTI und Brent auf den höchsten Stand seit drei Jahren angewachsen. Dass das amerikanische WTI um über neun Dollar günstiger gehandelt wird, als Brent liegt vor allem daran, dass die WTI-Futures eine physische Lieferung von Erdöl im Inland der Vereinigten Staaten vorsehen, während bei Brent vor allem Rotterdam eine Rolle spielt. Unterscheiden sich die Verhältnisse zwischen Angebot und Nachfrage an den beiden Orten, kann es zu den drastischen Preisunterschieden kommen, die wir aktuell beobachten.

 

Durch den Anstieg des Preises für WTI seit Jahresbeginn von 57 Dollar pro Barrel auf über 72 Dollar pro Barrel ist es für die amerikanische Ölindustrie endlich rentabel geworden, für den Produktionsstart zurückgehaltene Ölbohrtürme in Betrieb zu nehmen. Die Ölquellen waren vor allem im Verlauf des vergangenen Jahres gebohrt aber wegen der tiefen Ölpreise noch nicht in Betrieb genommen worden, da man auf diesem Wege vermeiden konnte, die Bohrrechte zu verlieren. Wer das Bohrrecht kauft, es aber nicht ausübt, verliert es nach einer Zeit wieder. Um doppelte Kosten zu vermeiden entstand ein riesiger Rückstau an Ölquellen, die fertig gebohrt wurden, aber noch keinen Tropfen Öl gefördert hatten. Als die Ölpreise über die Grenzkosten der Produktion gestiegen waren nahmen nach und nach dutzende neuer Quellen ihre Produktion auf, was zu kräftigen Zuwächsen der amerikanischen Ölproduktion führte. Die Vereinigten Staaten fördern pro Tag 10,7 Millionen Fass Öl, das ist mehr als doppelt so viel wie vor zehn Jahren und auch mehr als Russland und Saudi Arabien derzeit aus der Erde holen.

 

Es ist also kein Wunder, dass amerikanisches Öl auf dem Weltmarkt vergleichsweise günstig ist. Arbitragemöglichkeiten sind nur begrenzt vorhanden, da die Häfen etwa am Golf von Mexiko und die Öltrassen der USA nicht für den Export dieser großen Mengen an Öl ausgelegt sind. Daher entsteht ein Rückstau, der sich in übervollen Lagerbeständen an nicht raffiniertem Rohöl ausdrückt. Eigentlich sollte man denken, dass sich amerikanische Verbraucher aus diesem Grund über besonders günstige Benzin- und Dieselpreise freuen können. Das ist aber nicht der Fall. Die Kapazitäten der Ölraffinerien sind nämlich genauso wenig vorbereitet auf die Ölschwemme der Fracking-Produktion, wie die Exporthäfen.

 

Es ist daher wenig verunderlich dass Institutionen wie der IWF oder die Weltbank, aber auch viele Researchabteilungen von Banken und die OPEC selbst den Preis für die Ölsorte Brent seit mehreren Jahren schon als den Weltmarktpreis für Rohöl ansehen, während das WTI eher die Sondersituation auf dem amerikanischen Ölmarkt widerspiegelt.

 

Wegen des geopolitischen Risikos, der einseitigen Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran durch Donald Trump und die anhaltenden Probleme der venezolanischen Ölproduktion stieg daher die Ölsorte Brent besonders stark und erreichte im späteren Verlauf des Monats Mai sogar die Marke von 80 Dollar pro Fass. Darauf zu setzen, dass der Anstieg anhalten wird hatte sich zu einer beliebten Wette entwickelt – Anfang Mai überstieg die Zahl der Longpositionen von Hedgefonds jene von Short-Positionen um den Faktor 6,4 zu 1 – 6,4 Terminkontrakten auf der Long-Seite stand also bei Hedgefonds und anderen spekulativ orientierten Großspekulanten nur noch ein Short-Kontrakt gegenüber. Historisch sind Werte über 6 zu 1 ein Signal für einen bevorstehenden Ausverkauf gewesen – das letzte Mal, als vergleichweise Überhänge auf der Longseite wie heute herrschten notierte Brent bei 115 Dollar pro Barrel und brach anschließend auf unter 30 Dollar ein.

 

Natürlich wäre es vermessen aus diesem Vergleich abzuleiten, dass ein ähnlicher Einbruch auch dieses Mal bevorstehen könnte. Allerdings sollten die nach wie vor vorhandenen Überhänge spekulativer Longpositionen im Brent zur Vorsicht mahnen.

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