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Marktkommentar: Guido Barthels (ETHENEA): La Dolce Vita…
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Marktkommentar Guido Barthels (ETHENEA): La Dolce Vita…

Nachrichtenquelle: Asset Standard
13.06.2018, 10:35  |  917   |   |   

La Dolce Vita wollten wohl die italienischen Wähler, als sie im März 2018 die Linkspopulisten zur stärksten Fraktion machten.

Die Wahlversprechen waren einfach zu gut! Als sich dann Mitte Mai eine Koalition mit den Rechtspopulisten der „Lega Nord“ herauskristallisierte, schien alles perfekt. Man sprach über mögliche Neuverhandlungen mit der EU über die Berechnungen der italienischen Staatsschulden. Massive Steuersenkungen und die großzügige Einlösung von Wahlversprechen beider Lager standen an.

Der Jurist Conte wurde beauftragt, eine neue Regierung zu bilden. Bis zum Veto von Präsident Matarella zur Ernennung von Euroskeptiker Paolo Savona zum Wirtschaftsminister am 27.Mai lief alles glatt – aus Sicht der Populisten.

Die Kapitalmärkte hatten eine etwas andere Sichtweise und folgten in ihren Bedenken mehr oder minder der Ratingagentur Moody‘s, die bereits eine mögliche Neubewertung des Kreditratings Italiens angekündigt hatte. Seitdem bekannt wurde, dass so ziemlich das Schlimmste passieren würde, was aus Sicht der Kapitalmärkte passieren konnte, nämlich ein Bündnis der eurokritischen Populisten von der linken und der rechten Seite, weiteten sich die Zinsaufschläge der italienischen Staatsanleihen gegenüber Bunds deutlich aus. Seit dem 27. Mai, als Präsident Matarella Carlo Cottarelli beauftragte eine Übergangsregierung zu bilden, war das politische Chaos perfekt.

Der US-amerikanische Memorial Day hatte, gepaart mit einem Bank Holiday in Großbritannien, die ohnehin schon angespannte Situation an den Märkten nochmals verschärft, da einfach viele Marktteilnehmer nicht im Büro waren und die Liquidität entsprechend gering war. Die Renditen der 10-jährigen BTPs, und vor allem auch der 2-jährigen BTPs, stiegen deutlich an. Aber das war vergleichsweise harmlos gegen das Chaos am Dienstag, den 29.5. (siehe Grafiken 1 und 2). Die Rendite der 2-jährigen BTPs stieg von 0,92 % um 180 Basispunkte auf 2,7 %! Nur um diese Dimension mit einer Perspektive zu versehen – am 10. November 2011, auf dem Höhepunkt der Eurokrise, stiegen die Renditen der 2-jährigen BTPs von 6,15 % auf 7,47 %, ein Anstieg um 132 Basispunkte. Der Anstieg der 10-jährigen Rendite fiel vergleichsweise niedrig aus, wobei der Anstieg um 70 Bp. zu einem satten Kursverlust von über 6 % führte. Falls man bisher der Meinung war, dass dies nur das „ganz normale“ politische Chaos mit der demnächst 65. Nachkriegsregierung in Italien sei, sollte man spätestens seit dem besagten Dienstag aufwachen.

Die Marktreaktionen zeigen deutlich, dass hier eine handfeste Vertrauenskrise entstanden ist, die schnellst möglich ausgeräumt werden sollte. Die Möglichkeit einer Ansteckungsgefahr für andere Märkte ist nicht nur hypothetisch, sondern tatsächlich vorhanden: Die Märkte in Portugal und Spanien kamen ebenfalls unter Druck, Zinsaufschläge für Unternehmensanleihen stiegen deutlich an, und die Geld-Brief-Spannen der Händler haben sich spürbar ausgeweitet, um die Handelsbücher zu schützen. Die gute Nachricht ist, dass wenig echte Verkäufe stattgefunden haben. Die Krise ließe sich daher noch gut eindämmen, weil in vielen Fällen eben lediglich Buchverluste entstanden sind, die zwar mehr als lästig sind, aber in den meisten Fällen nicht wirklich bedrohlich werden können. Die politischen Akteure haben mittlerweile auch erkannt, dass ihre Aussagen und ihr Handeln nicht folgenlos bleiben. Und obwohl es zum Zeitpunkt des Erstehens dieser Zeilen noch nicht ersichtlich ist, in welche Richtung sich die politische Gemengelage in Italien entwickelt, wird deutlich, dass sowohl „5-Sterne“ wie auch „Lega“ sich nicht völlig unverantwortlich verhalten, sondern im Gegenteil konstruktiv bleiben. Das lässt hoffen. 


Grafik 1: Entwicklung der Rendite der 10-jährigen italienischen Staatsanleihe.

Grafik 1: Entwicklung der Rendite der 10-jährigen italienischen Staatsanleihe.



Grafik 2: Entwicklung der Rendite der 2-jährigen italienischen Staatsanleihe.  


Allerdings ist das Phänomen des Erstarkens der Populisten, links wie rechts, kein rein italienisches Problem. Überall in Europa sind die Populisten auf dem Vormarsch, ja selbst in den USA könnte man ohne viel Aufhebens Präsident Trump als Populisten bezeichnen. Der Grund scheint recht schnell gefunden. Die Wohlstands- und Einkommensverteilung in der sogenannten „entwickelten“ Welt ist in den letzten Dekaden immer ungleicher geworden. Als Folge dessen fühlen sich immer größere Bevölkerungsgruppen von der Wohlstandsentwicklung abgehängt, und je nach politischer Couleur wird bestimmten Minderheiten (z. B. Flüchtlingen) oder aber politischen Gebilden (z. B. der EU) die Schuld an dem Ungemach gegeben. So berechtigt manche von den Schuldzuweisungen auch sein mögen, würden die Lösungsansätze der Populisten in den allerseltensten Fällen wirklich eine langfristige Verbesserung der Lage der wirtschaftlich zurückgebliebenen Bevölkerungsteile bewirken. „Ausländer raus!“ oder „Weg mit der EU!“ hilft nicht wirklich. Ein kurzer Blick über den Ärmelkanal könnte vielleicht Wunder bewirken, wenn man die Briten beim Brexit beobachtet. Hier hat der Populismus gesiegt – und die Briten wahrscheinlich verloren. Es erscheint immer unwahrscheinlicher, dass auch nur ansatzweise die Versprechungen der Brexiteers eingelöst werden. Aber zu dem Thema haben wir ja bereits genug geschrieben. Trotzdem können uns die Briten in der EU helfen, wenn auch nur, weil sie als schlechtes Beispiel dienen – vielleicht auch den italienischen Wählern und Politikern.

Allerdings ist ja nicht alles falsch, was die Populisten behaupten. Das ist ja gerade das Gefährliche daran. In Italien beispielsweise ist die Ära nach dem 2.Weltkrieg bestimmt durch viele Regierungen in allen möglichen Zusammensetzungen. Wenn jetzt die neue Regierung zustande käme, wäre es die 65. Nachkriegsregierung, allerdings lediglich der 29. Regierungschef. Eine relativ kleine politische Clique in Rom hat jahrzehntelang die Geschicke des Landes geführt. Beispielhaft ist Giulio Andreotti zu nennen, der an 34 Regierungen beteiligt war, sieben Mal als Regierungschef, 21 Mal als Minister und sechs Mal als Staatssekretär. Dass in dieser Umgebung Parteien Zustimmung bekommen, die mit „denen in Rom“ abrechnen wollen, ist kaum verwunderlich.

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