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USA; Europa; Kampf USA vs Europa: Kampf der Kulturen

Gastautor: Jörg Wiechmann
19.06.2018, 11:47  |  979   |   |   

Nordkorea, Iran-Abkommen, Strafzölle. US-Präsident Trump gibt derzeit auf der weltpolitischen Bühne den Ton an - ob einem seine Musik gefällt oder nicht. Europa spielt bestenfalls die zweite Geige und ist bemüht, das EU-Orchester überhaupt noch halbwegs zusammenzuhalten. Doch nicht nur in der Politik spielt die Musik jenseits des Atlantiks. Auch wirtschaftlich wird Europa zunehmend zum Background-Sänger für die Pop-Stars der US-Wirtschaft. Das liegt auch an den unterschiedlichen Kulturen: Bedenkenträgerei, Besitzstandswahrung und Bürokratismus diesseits des Atlantiks. Risikobereitschaft, Zukunftsorientierung und Pragmatismus jenseits des großen Teichs. Das zumindest der Eindruck aus meiner US-Reise, die mich in den letzten vier Wochen von New York über Omaha und San Francisco nach Seattle führte. Beispiel New York: Vor zehn Jahren noch Ausgangspunkt der weltweiten Finanzkrise, präsentiert sich die Stadt heute wieder selbstbewusst als „Financial Capital of the World“. Zu recht, denn: Von der Regulierungsleine gelassen schreibt die Wall-Street mittlerweile wieder Rekordgewinne und steht heute stärker da als vor der Krise. Europäische Banken hingegen, allen voran Deutsche Bank und Commerzbank, haben sich mit Kursverlusten von bis zu 90% bis heute nicht wieder von der Krise erholt. Und das, obwohl – oder gerade weil – die EU die Finanzbranche einerseits übermäßig reguliert, andererseits aber das Abschreiben fauler Kredite aus politischen Gründen verschleppt. Oder mein Zwischenstopp in Omaha bei der jährlichen Hauptversammlung von Super-Investor Warren Buffett: Über 40.000 Anleger aus aller Welt pilgerten dieses Jahr zum „Woodstock des Kapitalismus“. Selbst Microsoft-Gründer Bill Gates war vor Ort. Dutzende Fernsehsender berichteten über mehrere Tage, ganze Schulklassen reisten mit Bussen an – Stadt und Land im Ausnahmezustand. Ein solches Event, bei dem es um das für viele Deutsche trockene Thema Geldanlage geht: hierzulande unvorstellbar. Oder mein Zwischenstopp in San Francisco mit dem angrenzenden „Silicon Valley“: Hier sind mit Google, Facebook und Co. in den letzten Jahren Unternehmen entstanden, die aus Garagen heraus die digitale Weltherrschaft an sich gerissen und ihre Gründer von Tellerwäschern zu Self-Made-Milliardären gemacht haben. Analoge Erfolgsgeschichten in Europa, wo Milliardenvermögen quasi ausschließlich innerhalb von Familiendynastien vererbt werden? Fehlanzeige. Und während sich der Dieselskandal hierzulande zäh wie Kaugummi durchs dritte Jahr schleppt, kommen einem auf den Straßen Kaliforniens bereits selbstfahrende Autos entgegen. Zu guter letzt mein Besuch in Seattle beim Onlinehändler Amazon: der lehrt derzeit weltweit den Einzelhandel das Fürchten. Hier, im Reich von Jeff Bezos – seit kurzem reichster Mann der Welt - kann man bereits im Amazon-go-Shop, dem weltweit ersten Supermarkt ohne Kassen, einkaufen. Dank hunderter Kameras und Sensoren wird der Kunde und was er so einkauft automatisch digital erfasst und über eine App abgerechnet. Volle Datenkontrolle für Amazon - und ein Horror für die Datenschützer in der EU, wo Ende Mai gerade ein Bürokratie-Monster in Form eines neuen Datenschutzgesetzes eingeführt wurde. Fazit: Wohin man auch blickt, pro-aktive Zukunftsgestaltung jenseits des Atlantiks, Festhalten an alten Strukturen in Europa. Sicher, weder in Politik noch Wirtschaft ist alles gut, was aus den USA kommt - und nicht alles in Europa ist schlecht. In einer Zeit zunehmenden Wettbewerbs der politischen und wirtschaftlichen Systeme und rücksichtslos verfolgter America-First-Politik, besteht angesichts derart gravierender Kultur-Unterschiede jedoch die Gefahr, dass der alte Kontinent den Anschluß verliert. Für Anleger jedenfalls bedeutet das: Will man, dass sein Geld dort arbeitet, wo die Musik spielt, sollten im Depot US-Aktien den Ton angeben.

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