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Rutscht die Wirtschaft in eine Rezession?

Gastautor: Sven Weisenhaus
26.06.2018, 12:08  |  2574   |   |   

Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

bestimmt kennen Sie auch die Börsenregel: Die Börse läuft der Wirtschaft voraus. Doch ist dem wirklich so? Und wenn ja, wie kann man das messen? Und welche Implikationen ergeben sich daraus für uns in der aktuellen Marktlage – jetzt, wo es zu immer mehr Meldungen über eine schwächelnde Konjunktur kommt (siehe z.B. Börse-Intern vom 12.06.2018)?

Was genau ist „die Börse“ und „die Wirtschaft“?

Mit dem Begriff „Börse“ sind natürlich zunächst einmal die großen Indizes gemeint. Schwieriger wird es, zu definieren, was mit „Wirtschaft“ genau gemeint ist.  Meist wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als maßgebliches Kriterium für Volkswirtschaften benutzt. Doch in welcher Form? Oft bezeichnet man es als „Wirtschaftswachstum“, womit aber eigentlich das Wachstum des BIPs bezeichnet wird.

Aber es gibt dafür nicht nur eine Form. Über einen langen Zeitraum hinweg gab man das Wachstum in Deutschland gegenüber dem Vorjahresquartal an (also z.B. Q2 2018 zu Q2 2017). Wie auch in der EU insgesamt hat sich inzwischen aber der Vergleich zum Vorquartal durchgesetzt (also Q2 2018 zu Q1 2018). In den USA wird sogar seit jeher der Vergleich zum Vorquartal gemacht, wenngleich in Form einer Jahresrate. Dabei rechnet man den Quartalswert aufs Jahr hoch (Faustformel: Quartalswert mal 4).

Um diese Sache etwas verständlicher zu machen, werfen wir mal einen Blick auf den folgenden Chart:

US-Wirtschaft im Zahlenspiegel

(Quellen: MarketMaker, US. Bureau of Economic Analysis, eigene Berechnungen)

„Die Wirtschaft“ in der Praxis

Da es dort die längsten und umfangreichsten Datenreihen gibt, nehmen wir die USA als Beispiel. Bei der schwarzen Kurve im oberen Chartteil handelt es sich um „die Börse“ in Form des bekannten S&P 500. Die dicke grüne Line zeigt in entsprechend „angepassten“ Dollareinheiten (sogenannte „chained“ US-Dollar) das reale (also inflationsbereinigte) US-BIP. Diese soll „die Wirtschaft“ repräsentieren. (Zur roten Kurve später mehr)

Man sieht bei der grünen Kurve überwiegend eine positive Steigung, was bedeutet, dass die US-Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen ist. Die genaue Steigungsrate wird durch die beiden Kurven im unteren Chartteil abgebildet. Dabei entspricht die rote Kurve den prozentualen Veränderungen zum Vorjahresquartal und die blaue den Veränderungen zum Vorquartal (angegeben als Jahresraten).

Auf dem ersten Blick erkennt man, dass die blaue Kurve eine viel höhere Volatilität aufweist als die rote und letztlich um diese schwankt. Doch warum verwenden immer mehr Ökonomen die Werte der blauen Kurve? Es liegt an genau diesen starken Schwankungen. Oberhalb der (gestrichelten) Nulllinie irritiert ihr „Gezappel“ vielleicht etwas und macht die Beurteilung des grundlegenden Trends mühsamer. Doch dafür zeigt die blaue Kurve sofort einen Rückgang der Wirtschaftsleistung an, wenn sie nach unten abknickt. Wenn der aktuelle BIP-Wert geringer als der vorangegangene ist und damit die (prozentuale) Veränderung zum Vorquartal negativ wird, rutscht die blaue Kurve unter die Nulllinie!

Die Information, die man braucht

Das Resultat aus einer Phase eines BIP-Rückgangs (siehe violette Bögen) kann dann eine gefürchtete Rezession sein. Und sowohl Ökonomen, Notenbanker, als auch Politiker haben ein großes Interesse daran, diese möglichst frühzeitig zu erkennen. Entsprechend versucht man beim Messen immer den Wert zu bekommen, der die besten Informationen darüber liefert, was man wissen will.

Da wir nun wissen, auf was wir achten müssen (Rückgang der grünen Kurve bzw. Rückfall der blauen Kurve unter die Nulllinie), sind wir nun auch in der Lage, die eingangs erwähnte Regel zu überprüfen. Dafür müssen wir nur die Zeitpunkte dieser Rückfälle mit den Aktienkursen vergleichen. Und tatsächlich: Der S&P 500 markiert meistens ein Stück vor einem Rückgang der grünen Kurve (bzw. dem Abtauchen der blauen Kurve unter die Nulllinie) ein markantes Hoch (siehe blaue Pfeile). Teilweise kommt es auch dazu, wenn es zu einem stärkeren „Dip“ beim Wachstum kommt, zuletzt 2015/16 der Fall (siehe gelbe Ellipsen).

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