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Joe Kaesers neue Siemens-Vision – das war nicht der große Wurf

Nachrichtenquelle: The Motley Fool
08.08.2018, 08:16  |  878   |   |   

Das groß angekündigte Strategie-Update vor Journalisten und Analysten im Rahmen der Quartalsberichterstattung von Siemens (WKN:723610) war zwar kein Desaster, aber alles andere als überzeugend. Das Management wird über die nächsten Monate noch einiges zu erklären haben. Kein Wunder, dass sich viele Anleger zunächst von der Aktie abgewendet haben. Ich habe mal zusammengefasst, was mir aufgefallen ist, wo ich Verbesserungsbedarf sehe und wie es jetzt mit Siemens weitergehen könnte.

Es war nicht Joe Kaesers Tag

Irgendwie wirkte der Siemens-Boss sowohl unausgeschlafen als auch übermotiviert am vergangenen Donnerstag. Es sollte der große Wurf werden, der Siemens bis weit in das kommende Jahrzehnt auf Wachstum und Technologieführerschaft ausrichtet. Aber es gelang nur zum Teil, die frohe Botschaft zu überbringen.

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Es begann schon etwas schräg mit gestelztem Humor über die Piratenaugenklappe des Finanzchefs Ralf Thomas oder dem Spruch, er habe Siemens „great again“ gemacht, was keine „Fake News“ sei. Das wirkte auf mich schon alles ganz schön selbstgefällig. Wahr ist natürlich, dass er in den letzten fünf Jahren eine Menge bewegt hat, und auch, dass Siemens heute auf einem stärkeren Fundament steht.

Wahr ist aber auch, dass er die überteuerte Übernahme von Dresser-Rand zu verantworten hat, die noch heute schwer auf dem ganzen Konzern lastet. Dabei hatte er sich 2014 sogar gegen seinen Vorgänger Peter Löscher durchgesetzt, der zu diesem Zeitpunkt als Chef von Sulzer (WKN:A0NJPK) mitgeboten hatte.

Nicht nur, aber auch deswegen war die Wertschöpfung für die Aktionäre bisher noch nicht sonderlich beeindruckend, wenn man den langfristigen Chart anschaut. Aber er ist ja wie gesagt euphorisch, was die Zukunftsperspektiven angeht, und das nicht zu Unrecht.

Die Hoffnungen ruhen auf dem Digitalgeschäft …

Wie zu erwarten war, wurde viel über Software und IT gesprochen, denn dort schlummert das große Wachstumspotenzial und bereits die aktuellen Zahlen sind sehr ansehnlich, selbst wenn man berücksichtigt, dass ein guter Teil davon eingekauft wurde – gerade auch, wenn man weiß, dass aktuell noch hohe Investitionen und Integrationskosten die Profitabilität drücken.

In Zukunft soll sich so die Geschäftsentwicklung sogar noch wesentlich beschleunigen, weil Siemens nun durch die Kombination von elektrischer und mechanischer Simulation ein stark nachgefragtes Alleinstellungsmerkmal habe.

Gut gefällt mir auch, wie das Plattformgeschäft unter dem Label MindSphere weiterhin mit voller Kraft angeschoben wird (Details dazu in meinem Artikel vom 24. Mai). Zu den konzentrierten weltweiten Aktivitäten zur Marktvorbereitung bei potenziellen Anwendern, Technologiepartnern und Softwareentwicklern gesellen sich zwei weitere strategische Initiativen. Zum einen handelt es sich dabei um die Übernahme von mendix, einer Cloud-Lösung zur beschleunigten Entwicklung von Apps, und zum anderen um die Schaffung einer eigenen Geschäftseinheit für die Integration von Internet-der-Dinge-Projekten.

Beides wird Siemens dabei helfen, schneller eine Vielzahl vorzeigbarer Projekte und Anwendungen präsentieren zu können und die Marktführerschaft unter den Cloud-Plattformen für industrielle Anwendungen zu behaupten. Klar wird damit auch, dass man bei diesem Thema nichts dem Zufall überlassen will und sich beispielsweise nicht allein auf den strategischen Partner Atos (WKN:877757) verlässt, an den man über die letzten Jahre einen großen Teil seiner IT-Berater abgegeben hat.

… aber die neue Strategie lässt viele Fragen offen

Gerade weil das Digitalgeschäft so fantastische Perspektiven hat, hätte ich mir gewünscht, dass es in Zukunft als Kraftzentrum des gesamten Konzerns positioniert wird. Die Digitalisierung strahlt schließlich in alle Branchen aus. Stattdessen bildet es jetzt zusammen mit der Steuerungs- und Automatisierungstechnik eines der drei neu gebildeten operativen Segmente. Die anderen sind der aktuelle Problembereich „Gas und Starkstrom“ sowie „Schlaue Infrastruktur“.

Das erinnert stark an Peter Löschers viel kritisierte Megasektoren, die 2011 den Weg in die Zukunft weisen sollten. „Energie“, „Medizintechnik“, „Industrie“ und „Infrastruktur & Städte“ hießen sie damals. Außer dass die zuvor schon recht unabhängig agierenden Bereiche Windkraft und Schienenverkehr herausgelöst wurden, ist da kein großer Unterschied zu erkennen. Was ist also von der verlockenden Idee des flexiblen „Flottenverbands“ geblieben?

Joe Kaeser tat sich auch schwer, die Idee dahinter plausibel zu erläutern. Ein zurechtgestutzter Energiebereich soll nun wohl zu einer Art Cash-Cow werden. „Schlaue Infrastruktur“ bedeutet ein Mix aus Gebäudeautomatisierung, Software und Elektrifizierung, sodass es unvermeidliche Überschneidungen mit den beiden anderen Segmenten geben wird. Aber man wolle das „Wachstum aufbauend auf einem starken Kern beschleunigen“. Alles klar!

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