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Der kranke Mann am Bosporus

Gastautor: Torsten Arends
03.09.2018, 10:27  |  1949   |   |   

Über die Sanktionen der USA gegen die Türkei wurde schon viel berichtet. Und wie bei jeder Krise fragen wir auch hier nach den Auswirkungen auf die Wirtschaft und Börse, zumal der türkische Präsident Erdogan zum Boykott von amerikanischen Waren (Apple) aufgerufen hat.

Ob dieser Boykott-Aufruf etwas bewirken wird, darf jedoch bezweifelt werden. Denn iPhones von Apple sind Kult, auch im Land des Sultans. Wenn es wirklich dazu kommen sollte, dann liegt es schlicht und einfach daran, dass sich die Türken aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise keinen Kultstatus mehr leisten können.

Auswirkungen auf die Währung
Dass sich die türkische Lira in den letzten Tagen etwas stabilisiert hat, ist zwar hilfreich, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die grundlegenden Probleme nach wie vor nicht gelöst sind.

Die Unabhängigkeit der Zentralbank ist nicht mehr in vollem Umfang gewährleistet. Wäre dem so, hätte der Leitzins nicht nur das Niveau von für uns gewöhnungsbedürftigen 17,75 Prozent, sondern wäre weiter nach oben geklettert. Zumindest das hatten die Finanzexperten von der letzten Sitzung der Zentralbank erwartet. Aber das hätte auch die innertürkischen Kredite für die Prestigeobjekte
des Präsidenten weiter in die Höhe getrieben. Für die Bekämpfung der grassierenden Inflation (über 15 Prozent) ist eine Leitzinserhöhung allerdings dringend erforderlich. Das sah auch die Zentralbank so. Sie kämpft einen verzweifelten Kampf um das Vertrauen ausländischer Investoren und gegen die Kapitalflucht.
Dabei wird die Zentralbank nicht umhinkönnen, die Zinsen weiter anzuheben. Die Türkei ist trotz aller wirtschaftlicher Erfolge in der Vergangenheit nach wie vor ein Schwellenland, und die Währungen vieler Schwellenländer geraten so oder so unter starken Druck, weil die US-Notenbank Fed zuletzt signalisiert hat, die Zinsen etwas schneller zu erhöhen, als es ursprünglich geplant war.

Doch auch wenn die Währung jetzt etwas stabilisiert wirkt, stürzte sie innerhalb eines Jahres gegenüber dem Euro vom Höchststand von 4,04 auf 8,17 türkische Lira. Gegenüber dem Dollar ist der Kurs ähnlich stark gefallen (3,39 auf 7,15).
So etwas nennt man auch freien Fall der Währung, da am Währungsmarkt in der Regel mit Kursdifferenzen mit Werten im Bereich der dritten oder vierten Stelle hinter dem Komma gehandelt wird.

Welche Auswirkungen hat das Drama auf unsere Wirtschaft?
Die Probleme bleiben trotz des leichten und stabilisierend wirkenden Aufwärtstrends der Lira weiter bestehen. Deutschlands Banken führen allerdings ein überschaubares Finanzgeschäft mit der Türkei.

Die deutschen Großbanken haben nur Forderungen in Höhe von 20 Milliarden Euro, ähnlich hoch wie gegenüber Griechenland.
Die Gefahr liegt jedoch in den Einfallstoren nach Europa, wenn die Kredite südeuropäischer Großbanken, insbesondere spanischer und italienischer Banken, die sich laut aktueller Studien auf circa 30 bis 40 Milliarden Euro belaufen, ausfallen. Dann ist ein Dominoeffekt durchaus denkbar.

Aber wir sind der Auffassung, dass die Mechanismen, die im Zuge der Finanzkrise geschaffen wurden, auch hier greifen, sodass das Schlimmste erst einmal nicht mit voller Wucht nach Europa durchschlagen wird.
Der Export der deutschen Wirtschaft ist nach Auskunft des Bundeswirtschaftsministeriums mit Hermes-Bürgschaften in Höhe von 831,7 Millionen Euro für die ersten 6 Monate des laufenden Jahres abgesichert. Eine intensive Einzelfallprüfung trage dem „Gesichtspunkt der Risikosteuerung aktuell ausreichend Rechnung“, so das Ministerium. Im Juli teilte das Wirtschaftsministerium mit, dass es für die staatliche Absicherung deutscher Exporte keine Obergrenze mehr geben werde. Die
Deckelung der Hermes-Bürgschaften bei 1,5 Milliarden Euro aus dem vergangenen Jahr (wegen des Falles Yücel und anderer Belastungen der bilateralen Beziehungen) entfalle wieder, hieß es weiter. Aber auch andere Staaten haben schon Unterstützung angekündigt. So hat zum Beispiel das Emirat Katar Direktinvestitionen in Höhe von 15 Milliarden Dollar für den türkischen Staat zugesagt, die in die Finanzmärkte fließen und dabei an die Banken gehen sollen.

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