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10 Jahre Finanzkrise

Gastautor: Rainer Zitelmann
15.09.2018, 12:42  |  1598   |   |   

Auslöser der Finanzkrise, die vor zehn Jahren mit der Pleite von Lehman Brothers einen ersten Höhepunkt erreichte, waren Fehlentwicklungen auf dem amerikanischen Wohnimmobilienmarkt. Ihre Ursache hatten sie in politischen Eingriffen sowie in der Politik der amerikanischen Zentralbank Fed. Hier ein Auszug aus dem Buch "Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung" von Rainer Zitelmann.

Der U.S. National Home Price Index verdoppelte sich von 1999 bis 2006, und zwar von 92 auf 189 Punkte. Heute wissen wir, dass es sich damals um eine der größten Blasenbildungen in der Geschichte handelte. Wie kam es zu dieser extremen Entwicklung in nur sieben Jahren? Die Hauspreisblase kann nicht ohne die vorangegangene Aktienmarktblase verstanden werden. Ende der 90er-Jahre gab es eine Blase an den Aktienmärkten, an der die Politik der Zentralbanken eine gehörige Mitschuld hatte. Im September 2002 konstatierte das englische Wochenmagazin "Economist": "Ohne die lockere Kreditvergabe hätte die Aktienmarktblase nicht so lange angedauert und ihr Platzen hätte nicht so ernsthafte Konsequenzen gehabt. Und wenn die Zentralbanker keine Lehre daraus ziehen, wird sich dies wiederholen."

Im Jahr 2000 platzte diese Aktienblase. Von seinem Höchststand im Jahr 2000 fiel der Index der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq um 74 Prozent, und der S&P-500 Index der 500 wichtigsten amerikanischen Aktien verlor 43 Prozent. Als Reaktion senkte die Fed unter ihrem damaligen Chef Alan Greenspan die kurzfristigen Zinsen im Jahre 2001 von 6,25 Prozent auf 1,75 Prozent, die Geldmenge wurde in diesem Zeitraum über zehn Prozent ausgeweitet. Bis Mitte 2003 senkte er die Zinsen weiter bis auf ein Prozent.

Künstlich niedrige Zinsen führen stets zu unerwünschten Nebeneffekten. Normalerweise enthalten Preise (und auch Zinsen sind Preise, nämlich der Preis für Geld, das verliehen wird) Informationen für die Marktteilnehmer, die dazu führen, dass das Kapital dorthin fließt, wo es benötigt wird. Werden die Zinsen künstlich niedrig gehalten oder gar abgeschafft (also auf Null gesetzt), kann dieser Mechanismus nicht mehr greifen. Investoren werden dann in immer riskantere Aktien und Anleihen getrieben, denn wenn die Preise von Anleihen solider Unternehmen und bonitätsstarker Staaten gesunken sind, verlegen sich institutionelle Investoren, welche ihren Kapitalgebern eine bestimmte Verzinsung in Aussicht gestellt haben, auf riskantere Anleihen und Aktien oder auf risikoreichere Immobilien, deren Preise dann steigen.

Zudem werden immer mehr Investoren angezogen, die wenig Ahnung haben und nur sehen, dass man an bestimmten Märkten sehr schnell sehr viel Geld verdienen kann. Diese Investoren, die Aktien oder Immobilien nicht mehr kaufen, um sie langfristig zu halten, sondern um sie rasch wieder sehr viel teurer weiterzuverkaufen, verstärken die Preisblase und drängen die erfahrenen und langfristig orientierten Investoren aus dem Markt, weil diese nicht mehr bereit sind, absurde Preise zu bezahlen.

Einige vorausschauende Ökonomen warnten Jahre vor dem Platzen der amerikanischen Hauspreiskrise und wiesen auf den Zusammenhang zwischen niedrigen Zinsen und steigenden Hauspreisen hin. William R. White, ein Anhänger der sogenannten "Österreichischen Schule" der Ökonomie, die sehr marktwirtschaftlich orientiert ist, mahnte im August 2003, dass "die ungewöhnlich lebhaften Hauspreise im gegenwärtigen Abschwung mit der sehr lockeren Geldpolitik der Zentralbanken im Zusammenhang stehen dürften. Dass hat eine zunehmende Verstärkung der Verschuldung der privaten Haushalte in zahlreichen Ländern begünstigt, womit das Risiko steigt, dass deren Budgets überdehnt werden, insbesondere wenn die Hauspreise nachgeben sollten."

Im Jahr 2006 wiederholte er, dass "eine anhaltende lockere Geldpolitik über die Zeit zum kumulativen Aufbau signifikanter Abweichungen von historischen Normen führen kann - sei es mit Blick auf die Verschuldung, Sparquoten, Asset-Preise oder andere Indikatoren für ‚Ungleichgewichte'."

Bezeichnend ist, wie ein führender amerikanischer Ökonom, der aktiven Markteingriffen wohlwollender als White gegenübersteht, die Sache sah. Was White befürchtete, empfahl der Nobelpreisträger Paul Krugmann der Zentralbank im Jahr 2002 in einem Kommentar für die "New York Times" sogar als geeignete Strategie: "Um die Rezession zu bekämpfen, braucht die Zentralbank mehr als ein kurzes Auflodern. Rasch steigende Ausgaben der privaten Haushalte sind nötig, um die wegsterbenden Unternehmensinvestitionen zu kompensieren. Und um das zu erreichen, muss Alan Greenspan, wie Paul McCulley von Pimco es ausgedrückt hat, eine Hauspreisblase verursachen, um die Nasdaq-Blase zu ersetzen." Die Notenbank sollte also durch eine Niedrigzinspolitik eine Hauspreisblase hervorrufen, um auf diesem Wege die Blase der sogenannten New Economy-Werte (Internet-Aktien etc.) zu ersetzen.

Hier wird ein grundsätzlicheres Problem deutlich: Der von den Medien damals als der "Meister" gefeierte Notenbankchef Alan Greenspan sah seine Aufgabe in einer Steuerung des Geschehens der Wirtschaft und an den Finanzmärkten. Er war stolz darauf, dass er innerhalb von zehn Jahren nach seinem Amtsantritt im Jahre 1987 die Zahl der Datenreihen, die die Fed beobachtete, auf über 14.000 verdoppelt hatte. Seine Mitarbeiter scherzten, dass darunter solche waren, die nur ihr Boss verstand. "Das ermögliche es ihm, wirtschaftliche Änderungen lange vor allen anderen zu erkennen und rasch die Richtung der Geldpolitik zu ändern. Diese Beweihräucherung ist Ausdruck des Traums von einer Planwirtschaft - der Idee, dass ein erleuchteter Mann in der Badewanne die Märkte besser verstehe als die Millionen Marktteilnehmer und dass seine Einsichten es ihm erlauben, diese in die richtige Richtung zu lenken."

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