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Koopetition: Wie viel gemeinsames Geklüngel tut Daimler und BMW gut?

Nachrichtenquelle: The Motley Fool
18.10.2018, 09:59  |  526   |   |   

Alle paar Monate verkünden die angeblichen Erzkonkurrenten Daimler (WKN:710000) und BMW (WKN:519000) eine neue Kooperation. Das soll helfen, Synergien zu heben und die gemeinsame Marktposition abzusichern. So langsam frage ich mich aber, ob dieses Vorgehen nicht auch unerwünschte Nebenwirkungen haben könnte.

Alles konzertiert oder was?

Dass Daimler und BMW sich gemeinsam gegen Strafzölle und Dieselverbote wehren, ist klar. An einem Strang ziehen wollen sie jetzt auch bei den Mobilitätsdiensten. Der scheidende Daimler-Boss Dieter Zetsche bemühte sich bei der Deal-Verkündung gleich darum, festzustellen, dass die beiden durch das Joint-Venture „gleichzeitig zu Erzrivalen und Kooperationspartnern“ würden. Egal ob Parkplatzsuche, Carsharing, Taxiservice oder multimodale Mobilität: Alles soll gemeinsam betrieben werden, mit dem Ziel, zu den weltweit führenden Anbietern aufzuschließen.

Ein ganz wichtiges Thema dabei ist zudem der Aufbau von Ladenetzen. Zum einen werden dafür BMW ChargeNow und Daimlers Digital Charging Solutions zusammengelegt. Zum anderen sind auch beide wichtige Teilhaber an dem paneuropäischen Schnellladenetz-Joint-Venture IONITY. Gleichzeitig zieht das forsche amerikanische Start-up ChargePoint als erster Anbieter ein dichtes transatlantisches Ladenetz auf. Auch dort sind beide Autobauer beteiligt. Praktischerweise sind IONITY und ChargePoint Deutschland wenige Kilometer voneinander entfernt beide in München angesiedelt.

Damit die Ladepunkte, Parkplätze usw. auch leicht angesteuert werden können, braucht es natürlich Satelliten-Navigation und detaillierte digitale Straßenkarten. Auch dafür haben Daimler und BMW mit der niederländischen HERE Global ein Joint-Venture in petto, das für zukünftige selbstfahrende Mobile noch an Bedeutung gewinnen soll. Auch die Fühler nach China werden gemeinsam ausgefahren. Beide sind im Juli dieses Jahres eine strategische Kooperation mit Baidu (WKN:A0F5DE) eingegangen, um an deren Plattform für autonome Mobilität namens Apollo mitzuwirken. Darüber hinaus arbeiten beide unter anderem mit Alibaba (WKN:A117ME) zusammen und in Richtung USA bedient man sich der Dienste von Microsoft (WKN:870747).

Nicht vergessen wollen wir auch die Einkaufskooperation, die im Zuge der Finanzkrise 2008 ins Leben gerufen wurde. Bauteile, die für das Gesicht der jeweiligen Marken keine Bedeutung haben, werden seither gemeinsam beschafft, was die Kosten drückt. 2017 wurde sogar über eine weitere Vertiefung ins Auge gefasst (zwischenzeitlich auf Eis gelegt).

Andere Kontaktpunkte finden sich auf Autosalons und -kongressen sowie in den Verbänden und Standardisierungsgremien. Hervorzuheben ist vielleicht AUTOSAR, die Softwarearchitektur für elektronische Steuergeräte, welche heute die Basis für moderne Fahrzeuge weltweit legt. BMW und die damalige DaimlerChrysler gehörten natürlich zu den Gründungsmitgliedern 2003.

Die Vorteile liegen auf der Hand, aber …

Fast jedem BMW-Modell lässt sich ein etwa gleichwertiges Mercedes-Modell gegenüberstellen. Damit sind sie einerseits scharfe Konkurrenten, stehen aber andererseits auch vor den fast identischen Herausforderungen. Die Kosten müssen runter, die neuen Geschäftsfelder schnell kritische Größe erreichen und das regulatorische Umfeld gilt es zu meistern.

Wenn man sich da regelmäßig zusammensetzt, gemeinsam Lobbyarbeit betreibt, Standards definiert und Kosten teilt, dann ergibt sich zunächst eine Win-win-Situation. Den Platzhirschen im Premium-Segment gelingt es so, den Wettbewerb auf Abstand zu halten und sich ein größeres Stück vom Kuchen für sich zu sichern (manchmal dürfen auch Audi und Porsche mitspielen).

Trotzdem frage ich mich, ob nicht irgendwann ein Punkt erreicht ist, an dem Bayern und Schwaben zu viel ihre Köpfe zusammenstecken. Wenn man sieht, auf wie vielen Ebenen die Zusammenarbeit abläuft, dann kann man davon ausgehen, dass fast täglich höhere Manager oder Ingenieure der beiden Unternehmen aufeinandertreffen. Ich finde es schwierig, in Worte zu fassen, was mir daran nicht gefällt — rein rechtlich scheint das alles völlig in Ordnung zu sein —, aber irgendwie befürchte ich, dass auf diese Weise auch eine gewisse Selbstgefälligkeit gefördert wird.

Das ist vielleicht so ähnlich wie in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, wenn die altgediente Garde um Müller und Kroos sich auf die Schulter klopft, auf vergangene Erfolge verweist und sich gegenseitig versichert: „Wir haben die Qualität. Wenn wir zusammenspielen, dann können wir jeden schlagen.“ — Nur, dass die Fans leider seit vielen Spielen fast keine Tore mehr sehen.

Die Zukunft wird es zeigen

Es sind aufregende Zeiten, denen die Autobauer entgegensehen. Die Mobilität wird sich über die nächsten 20 Jahre stärker wandeln als in den 100 Jahren zuvor. Nach langen Jahren der stabilen Wettbewerbsbedingungen finden sich die Pioniere nun plötzlich wieder auf einem völlig unübersichtlichen Spielfeld wieder. Dass BMW und Daimler sich unter diesen Umständen gegenseitig Halt geben, um die wachsenden Herausforderungen zu bewältigen, ist daher nicht überraschend.

Als Anleger sollten wir aber sehr genau hinsehen, mit wie viel Elan das Digitalgeschäft vorangetrieben wird und ob es den beiden gelingt, die Technologieführerschaft auf entscheidenden Feldern zu behaupten. BMW und Daimler müssen jetzt nämlich nicht nur sicher in der Abwehr stehen, sondern auch viele Tore schießen.

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