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Marktkommentar: Dr. Georg von Wallwitz (Eyb & Wallwitz): Regeln und regeln lassen
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Marktkommentar Dr. Georg von Wallwitz (Eyb & Wallwitz): Regeln und regeln lassen

Nachrichtenquelle: Asset Standard
13.11.2018, 09:35  |  455   |   |   

Wie im Fußball, muss das Regelwerk des „Investmentspiels“ durch die Intuition eines „Geistes des Spiels“ ergänzt werden.

Nachdem die Wahlen in den USA nun nicht mehr auf der Agenda stehen und die Anleger, wie so oft, so schlau sind wie zuvor, können wir uns wieder den grundsätzlichen Themen zuwenden.

Zwei Millionen Menschen spielen in Deutschland Fußball. Aber wie viele von Ihnen kennen die Regeln? Ich meine nicht die vereinfachten Versionen, die mehr Lebensweisheit als Regelkunde sind, wie etwa „Das Runde muss ins Eckige“. Ich meine die Regeln, wie sie der Deutsche Fußballbund regelmäßig aktualisiert veröffentlicht. Dort wird auf über 150 Seiten genau erläutert, was unter Ecke, Freistoß, Strafstoß, Einwurf, Schiedsrichterball etc. zu verstehen ist, was ein Foul ist und was nicht, wo der Schiedsrichter wann stehen sollte und welche Handzeichen er gibt.

Regeln leiden immer daran, dass sie ein Sollen beschreiben, mit dem die Realität auf dem Platz nicht immer kooperiert. Deutlich wird dies etwa bei der Beschreibung von Fouls (Regel 12). Nach den Regeln des Fußballspiels begeht bereits ein Foul, wer seinen Gegner „fahrlässig“ rempelt, anspringt oder stößt. „Fahrlässigkeit“ liegt vor, wenn ein Spieler „unachtsam, unbesonnen oder unvorsichtig in einen Zweikampf geht“. Was aber ist ein Eckball wert, wenn vor dessen Ausführung nicht ein wenig unachtsam gerempelt, angesprungen und gestossen werden darf? Und was bedeutet es, von den Spielern Besonnenheit im Zweikampf zu verlangen? Besonnenheit ist ein altehrwürdiges Wort, vom Griechischen σωφροσύνη (Sophrosyne) hergeleitet, welches bei Platon mit Enthaltsamkeit, Mäßigung, Nüchternheit, Ordnung, Gehorsam und Sittlichkeit assoziiert wird. Ich bin mir nicht sicher, ob wir solche Zweikämpfe sehen wollen.

In Regel 11, Abseits, werden die Beine, das wertvollste Gut des Fußballers, völlig ignoriert.

Die Regel sagt: Wenn Kopf, Rumpf oder Füße eines Angreifers sich hinter dem vorletzten Spieler der gegnerischen Mannschaft befinden, befindet er sich insgesamt im Abseits. Hände und Arme werden als Körperteile gennant, die sich hinter dem vorletzten Mann befinden dürfen, ohne ein Abseits auszulösen. Was aber ist mit dem Knie, welches in angewinkeltem Zustand durchaus den vordersten Teil des Körpers bilden kann? Ich würde jedenfalls davon ausgehen, dass die Beine während des Fußballspiels in der Regel angewinkelt sind (wenn nicht eben Nussknacker gegeneinander spielen), und doch finden sie als einzige Gliedmaßen keine Erwähnung. Wenn die Arme genannt werden, sollten dann nicht auch die Beine genannt werden?

Oder Regel 7: „Vergeudete Zeit (z. B. Spielverzögerung) wird unter Beachtung der Vorteilsbestimmung nachgespielt.“

Hier stellt sich die Frage, was überhaupt vergeudete Zeit ist. Mindestens die Hälfte der Bevölkerung, die Fußball insgesamt für vergeudete Zeit hält, steht an dieser Stelle vor dem Rätsel, wie sich Zeit, die bereits vergeudet ist, nochmals vergeuden lässt. Wer während eines Fußballspiels etwa spazieren geht – macht er nicht etwas Sinnvolleres, als dem Ball nachzueilen? Gibt es eine richtige und eine falsche Art der Zeitvergeudung, etwa einen nicht-verschwenderischen Umgang mit Zeitverschwendung? Die Spielregel versucht tapfer, die Arten der Spielverzögerung aufzuzählen (S. 68), aber wir alle wissen, dass die Phantasie der in Führung liegenden Mannschaft an dieser Stelle größer ist, als es vom Regelwerk jemals erfasst werden könnte.

Als wäre die Unschärfe der Regeln nicht genug, kommt für den kämpferischen Spieler, der ohnehin nicht zum Theoretisieren neigt, noch hinzu, dass das Regelwerk so umfangreich ist, dass kaum ein Spieler es vollständig im Kopf haben dürfte, wenn er über das Feld sprintet, um sich im gegnerischen Strafraum eine vorteilhafte Stellung zu erarbeiten. Nehmen wir ein einfaches Beispiel wie den Einwurf: Darf der Spieler beim Einwurf mit dem Rücken zum Feld stehen? (Ja, solange dabei das Gesicht dem Feld zugewandt ist. (Eine schöne Vorstellung!)) Kann man mit einem Einwurf ein Tor erzielen? (Nein.) Hebt ein Einwurf das Abseits auf? (Ja.) Darf der Torhüter einen Einwurf direkt aufnehmen? (Ja, aber nicht mit den Händen.) Und so weiter. Die Sache mit dem Schiedsrichterball ist noch viel komplizierter.

Der Geist der Regeln

Die Regelschreiber sind sich des Problems, dass die Regeln immer irgendwie quer zur Wahrheit auf dem Platz stehen, offensichtlich bewußt. Sie geben dem Schiedsrichter etwa die Möglichkeit, Vorteil zu gewähren, abhängig von der „Spielatmosphäre“ (S. 120). Er soll nach „bestem Wissen und Gewissen“ im „Geist des Fußballs“ (Regel 5, S. 29) entscheiden – von dem er hoffentlich stärker beseelt ist als die Spieler. Der Schiedsrichter darf die Regeln lesen und mit Inhalt füllen, wie es der Situation auf und neben dem Spielfeld angemessen erscheint. Wichtig ist die Einsicht, dass kein Regelwerk alle Situationen erfassen kann, dass es immer Grauzonen und Unschärfen gibt, die nur durch die Intuition des vom guten „Geist des Fußballs“ beseelten Schiedsrichters gefüllt werden kann – wenn die Spieler davon verlassen sind.

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