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Rainer Zitelmann versus taz-Redakteurin Ulrike Herrmann:
Kritik der Kapitalismuskritik

Gastautor: Rainer Zitelmann
04.12.2018, 12:55  |  3208   |   |   

3. Dezember, Tübingen: Das Weltethos-Institut veranstaltete ein Streitgespräch zwischen der bekannten taz-Redakteurin und Kapitalismuskritikerin Ulrike Herrmann und Dr. Dr. Rainer Zitelmann. Hier die Kritik von Zitelmann an den Thesen von Herrmann:

Der Saal im renommierten Weltethos-Instituts (Uni Tübingen) war überfüllt. Die Bestuhlung reichte nur für 200 Personen, 40 weitere wurden hereingelassen, die sich auf den Boden setzten oder standen. Leider mussten weitere Interessenten vor der Tür bleiben, weil aus Brandschutzgründen keine weiteren Gäste mehr eingelassen wurden. Wie mir zuvor schon angekündigt worden war, war ein Großteil des Publikums linksgrün. Der Rosa Luxemburg-Buchladen hatte einen Büchertisch aufgestellt.

Der Ablauf: Ulrike Herrmann (früher Pressesprecherin der Gleichstellungsbeauftragten Krista Sager in Hamburg, Mitglied der Grünen, seit 18 Jahren Redakteurin der taz) stellte die Bücher "Wenn du nicht mehr brennst, starte neu" und "Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung" von Rainer Zitelmann vor. Rainer Zitelmann stellte drei Bücher der aus zahlreichen Talkshows bekannten Kapitalismuskritikerin Ulrike Herrmann vor. Die Vorstellung und die gesamte Diskussion wurden vom Institut aufgezeichnet und werden in etwa einer Woche online gestellt. Vorab die Kritik von Zitelmann an den Büchern von Ulrike Herrmann:

Der Sieg des Kapitals

Ulrike Herrmann: Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen, 9. Auflage, 2017.

Die Autorin beginnt im ersten Teil mit einer Darstellung, wie sich der Kapitalismus historisch entwickelt hat. Eine zentrale These: Er entwickelte sich zuerst dort, wo die Löhne hoch waren, da es sich dort am ehesten lohnte, in Maschinen zu investieren (S. 11, 24, 42ff.). Interessant ist besonders der zweite Teil, in dem die Autorin mit "drei Irrtümern" über den Kapitalismus aufräumen will: 1. Kapitalismus ist nicht Marktwirtschaft; 2. Kapitalismus ist nicht das Gegenteil von Staat, 3. Globalisierung ist nicht neu.

Oft werden die Begriff "Kapitalismus" und "Marktwirtschaft" synonym gebraucht, wobei, wie Umfragen belegen, "Marktwirtschaft" bei vielen Menschen einen guten Klang hat, "Kapitalismus" dagegen nicht (S. 65). Herrmann kritisiert, dass beide Begriffe verwechselt würden und begründet, warum im Kapitalismus aus ihrer Sicht kaum Marktwirtschaft herrsche:

Erstes Argument: Einige Großkonzerne hätten eine marktbeherrschende Stellung errungen, wodurch die Konkurrenz weitgehend ausgeschaltet werde. Die meisten Märkte, so wie Stahl, Autos, Chemie oder Pharma, seien "weitgehend geschlossen und für Neulinge nicht mehr zu knacken" (S. 68). Konkurrenz herrsche nur noch in Nischen, also dort, wo kleine Friseure, Gastwirte, kleine Ladenbesitzer oder Betreiber einer Reinigung im Wettbewerb stünden (S. 70).

Zweites Argument: Zudem weist Herrmann auf Teile der Wirtschaft hin, die durch hohe staatliche Subventionen charakterisiert sind, so wie die Landwirtschaft in der EU (S. 69).

Ein drittes Argument Herrmanns lautet, dass große Unternehmen wie die Deutsche Bank ihre Gewinne angeblich "planen". Beleg: Der frühere Deutsche Bank-Vorstand Ackermann hatte eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent als Ziel angegeben. Dies zeige, "dass er die Renditen für vorab kalkulierbar hielt. Dies verträgt sich nicht mit der Theorie des freien Wettbewerbs und ihrem Mythos vom unternehmerischen Risiko. In einer reinen Marktwirtschaft würde zwar jede Firma möglichst hohe Profite anstreben, indem sie versucht, die beste zu sein - ob sie aber tatsächlich die beste ist, könnte sie nicht selbst entscheiden, sondern dies ergäbe sich erst durch die Konkurrenz und das Marktgeschehen. Aber offenbar lebte Ackermann nicht in einer solchen Welt der freien Marktwirtschaft, wenn er Gewinnansprüche formulierte, als hätten sie Gesetzeskraft. Planbare Profite gibt es nur in einer Planwirtschaft. Mit seinen Worten hat Ackermann eine Realität formuliert, die überzeugten Marktwirtschaftlern hartnäckig entgeht: Der moderne Kapitalismus ist eine Art Planwirtschaft - auch wenn sie der sozialistischen Planwirtschaft überhaupt nicht ähnelt." (S. 71).

Das vierte Argument: Die Konkurrenz werde auch dadurch ausgeschaltet, dass die Spitzenmanager fast alle derselben sozialen Gruppe angehören und miteinander vernetzt seien. "Denn wie sollen Firmen ernsthaft gegeneinander konkurrieren, wenn die Chefs Netzwerke der gegenseitigen Abhängigkeit bilden oder gar miteinander befreundet sind?" (S. 75).

Die These der Autorin über das Verhältnis von Markt und Staat geht in eine ähnliche Richtung. Die Staatsquote liege in vielen westlichen Ländern sehr hoch. Die Finanzmärkte beispielsweise seien gar keine Märkte, weil der Staat den Preis (also den Zins) zentral bestimme. "Ein Marsmensch würde wahrscheinlich denken, dass Finanzmärkte knapp vor einem Sozialismus einzuordnen wären." (S. 94) Hier muss man ihr sicherlich Recht geben. Die Zentralbanken haben inzwischen eine stark steuernde Rolle, mit der Marktkräfte weitgehend außer Kraft gesetzt werden.

Zudem, so Herrmann, gebe es eine implizite Staatsgarantie für die Investmentbanken. In der Kritik von Bankenrettungen bin ich mir mit Herrmann einig. Aber sie hat gar nicht prinzipiell etwas gegen eine Rettung von Banken durch den Staat hat - sie hält das nur für eine halbherzige Maßname und plädiert für Staatsbanken: "Aber der richtige Weg wäre, die Banken zu retten, sie zu verstaatlichen - und dann die Profiteure zur Kasse zu bitten, indem man die Steuern für die Vermögenden erhöht." (S. 210)

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