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Für das Aktienjahr 2018 war man zu positiv gestimmt, für 2019 ist man zu pessimistisch

Gastautor: Robert Halver
19.12.2018, 09:57  |  6221   |   |   

Für das Aktienjahr 2018 war man zu positiv gestimmt, für 2019 ist man zu pessimistisch

Mindestens seit der Immobilienkrise 2008 hat die Politik regelmäßig Rettungsengel gespielt, um Kernschmelzen des Finanzsystems zu verhindern. Aktuell jedoch ist die Politik weniger der Problemlöser, mehr der -verursacher. Doch beim Handelskonflikt, in der Brexit-Krise und bei der europäischen Schuldenfrage sind Lösungen ohne „Politik“ nicht möglich. Begleichen die Politiker diese Bringschuld, wird es ein gutes Aktienjahr. 2018 haben Aktien trotz hoher Erwartungen enttäuscht. Für das kommende Jahr wird vielfach wenig erwartet. Aber bieten nicht ausgerechnet die verhaltenen Erwartungen Raum für positive Überraschungen, sozusagen als Kontraindikator?

Die US-Wirtschaft hat ihren Wachstumsgipfel hinter sich

Eine Rezession ist jedoch unwahrscheinlich, denn die USA behalten 2019 ihre im weltweiten Vergleich günstigen Steuersätze und profitieren vom Megathema Digitalisierung. Ebenso sorgen versöhnlichere Töne im US-chinesischen Handelsstreit für Aufhellung. Peking schürt die Erwartung einer zukünftig verbesserten Marktstellung ausländischer Unternehmen in China u.a. mit niedrigeren Importzöllen und dem Öffnen seiner Finanz- und Beteiligungsmärkte. Umgekehrt weiß Trump, dass sich ein nachhaltiger Handelsstreit mit China schädigend für die amerikanische Exportindustrie und ihre Aktien auswirkt. Nicht zuletzt geht es ihm um gute Absatzchancen von Mais, Weizen und Sojabohnen in China. Rational scheint eine Beilegung des Handelskonflikts im nächsten Jahr möglich zu sein. Allerdings unternimmt Peking alles, um nicht den Eindruck zu vermitteln Trump gegenüber klein beizugeben. Gesichtswahrung ist in Asien ein hohes Gut. Der amerikanische Deal Maker darf emotional nicht überreizen.   

Regel Nr.1 in der Eurozone: Was nicht passt, wird passend gemacht

In der Eurozone ist zunächst eine Wachstumsabschwächung zu erwarten, die in der zweiten Jahreshälfte jedoch bei nachlassendem handelsseitigen Gegenwind abebbt. Zudem stabilisiert China seine und damit die Weltwirtschaft mit umfänglichen Konjunkturprogrammen.

Das größte Wirtschaftsrisiko wäre eine fortschreitende Eurosklerose, die mit einer Mehrheit der EU- und Euro-Kritiker im Europa-Parlament noch verstärkt würde. Brüssel wird daher der Stimmung seiner Euro-skeptischen Bürger auf die Sprünge helfen. In diesem Zusammenhang sind die Aktionen der „Gelbwesten“ in Frankreich als ein Menetekel zu betrachten: Die Pariser Reformpolitik wird zugunsten von mehr Sozialausgaben und Steuererleichterungen gestutzt, um den Volkszorn im Zaum zu halten. Mit der Konsequenz eines französischen Haushaltsdefizits 2019 über drei Prozent gibt es keine Handhabe mehr, Italien wegen eines „nur“ etwas über zwei Prozent liegenden Defizits einseitig zu bestrafen. Und tatsächlich: Wie erwartet hat sich Rom mit Brüssel auf ein gemeinsames Defizitziel geeinigt.

Wenn sich neben der Nr. 3 (Italien) auch die Nr. 2 (Frankreich) der Eurozone als Schuldensünder outet, ist der allgemeine Stabilitäts- und Reformzwang nicht mehr durchzuhalten. Brüssel wird schon aus sozialpolitischen Gründen für die gesamte EU immer mehr Instabilitätsgnade vor Stabilitätsrecht ergehen lassen. In chronischer Ermangelung einer ernsthaft betriebenen Reformpolitik bleibt dann als Alternative zur Wirtschaftsstimulierung und zur Beruhigung der Bevölkerung nur die erhöhte Schuldenaufnahme übrig.

Hier kommt die weiter lockere Geldpolitik der EZB ins Spiel, die de facto die Schuldenpolitik finanziert.

Kommt ein über Deutschland liegendes Handels-Tief wieder hoch?

Ängste vor einem Handelskonflikt und einem No-Deal-Brexit finden Ausdruck in einer ifo Geschäftslage und Geschäftserwartungen, die zueinander in Beziehung gesetzt eine Wirtschaftsabschwächung dokumentieren. Deutschland und Europa wissen aber um ihre offene Exportflanke und werden mit Entgegenkommen in Richtung Amerika den transatlantischen Handelskonflikt entspannen. In einer global immer konkurrenzfähigeren Industriewelt muss die deutsche Regierung jedoch die Runderneuerung des deutschen Wirtschaftsstandorts endlich und mutig in Angriff nehmen. Schon heute bremst die deutsche Reformmüdigkeit das Wachstum.

Wo die Not am größten, bleibt die EZB am nächsten

Vor allem Italien, aber auch Frankreich setzen die EZB unter Handlungsdruck, dem Aufwärtstrend von Anleiherenditen entgegenzuwirken. Die Einstellung des Anleiheaufkaufprogramms ist ohnehin kaum restriktiv, da das Rekordniveau an Liquidität durch Wiederanlage fällig werdender Staatspapiere über den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung hinaus erhalten bleibt. Und da von der Preisfront nach Meinung der EZB langfristig wenig zu befürchten ist, gilt: Wo kein Inflations-Richter, da kein Zinserhöhungs-Henker. Ohnehin kann sie ihre Liquiditätsoffensive mit neuen Anleihekäufen wiederaufnehmen, da ihr dieses Instrument vom Europäischen Gerichtshof gestattet wurde. Daneben kann die EZB „über Bande“ spielen und den Banken neue Finanzmittel zukommen lassen. Da Italien EU-politisch nicht von einer Schuldenkrise und damit Ausfallrisiken heimgesucht wird, gibt es für Banken auch keinen Grund, sich die vergleichsweise hohen italienischen Renditen entgehen zu lassen. Der Rückgang italienischer Renditen unterstreicht diese Einschätzung bereits. Aber auch dem Renditeerhöhungsdruck für Staatsanleihen der Eurozone insgesamt ist so wirksam vorgebeugt.

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Kommentare

Ich finde diesen Beitrag hervorragend, mit viel Sachverstand geschrieben, ausführlich, gut strukturiert, vollständig, unaufgeregt und sehr neutral. Das findet man auf Wallstreet-Online (leider) eher selten. Ich denke, da gibt es nicht mehr viel hinzuzufügen, außer vielleicht, das kurzzeitige Effekte an den Börsen, ausgelöst durch Irrationalität und Sentiment, noch für einige Überraschungen sorgen könnten - so wie in den letzten Tagen.
Waren Sie früher eigentlich Erzkommunist,Herr Halver?So nach dem Motto:Die Partei,die Partei die hat immer recht!P.s.Partei heisst hier natürlich Notenbank.

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