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"SPIEGEL-SKANDAL" Diskutieren wir über die wirklichen Probleme im Journalismus?

Gastautor: Rainer Zitelmann
22.12.2018, 15:46  |  3194   |   |   

Der Fall des vielfach preisgekrönten "Starjournalisten" Claas Relotius hat eine breite öffentliche Diskussion über Qualitätsstandards im Journalismus ausgelöst. Aber es gibt größere Medienskandale, über die kaum gesprochen wird.

Ein Starjournalist wurde als Starfaker enttarnt. Er hat seine Geschichten (teilweise) erfunden. Schlimm genug. Und gut, dass darüber breit diskutiert wird. Gestern habe ich sogar in FOX News einen ausführlichen Bericht gesehen. Ich finde es auch gut, wie der "Spiegel" jetzt selbst damit umgeht. Und auch wenn sich mit Sicherheit viele meiner Leser richtig darüber aufregen, füge ich hinzu: Mir tun jene sauber arbeitenden Journalisten beim "Spiegel" und anderen Medien leid, die jetzt mit Häme überzogen werden und denen pauschal unterstellt wird, dass sie auch so "arbeiten". Das ist die eine Seite der Medaille.

Maaßen, Diesel, me-too: Die eigentlichen Skandale
Die andere Seite: Meiner Meinung nach ist das, worüber jetzt so breit diskutiert wird, nicht das entscheidende Problem im Journalismus. Dass Geschichten frei erfunden werden, ist die Ausnahme. Dass aber Geschichten einen bestimmten "Dreh" bekommen, geframet werden, Proportionen verrückt werden und Skandale gemacht werden, die eigentlich keine sind - das ist das größte Problem. Es passiert täglich. Und genau darüber sollte diskutiert werden.

Sollte ich die größten Skandale im Journalismus 2018 benennen, dann wäre das nicht der Skandal um die Artikel von Claas Relotius, sondern die mediale Hinrichtung von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, die absurde Berichterstattung über Messwerte/Fahrverbote von Diesel und die teilweise an Schauprozesse erinnernde me-too-Skandalberichterstattung.

Fall Wulff - "Sündenfall unserer Branche"
Zeit-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo nennt im Interview mit dem aktuellen SPIEGEL zu Recht auch den Fall Wulff, der einige Jahre zurückliegt: "Ich würde sogar sagen, es ist ein Sündenfall unserer Branche gewesen. Da waren Sie nicht alleine, aber Sie waren zusammen mit der ‚Bild' führend in der Demontage von Christian Wulff. Wenn die Maschine des ‚Spiegel' erst mal angeworfen ist, und da sehe ich etwas Systemisches, dann macht sie alles platt. Und wenn sich hinterher herausstellt, es war die falsche Straße, die wir platt gemacht haben, dann ist es für den Betroffenen schon zu spät, weil er einbetoniert ist durch diese Walze. Wulff war so ein Fall, nicht nur von Ihnen, aber auch von Ihnen." So weit Giovanni di Lorenzo.

Das ist jedoch beileibe kein Problem allein des "Spiegel". Erinnern wir uns: Fast alle großen Medien schlossen sich damals wie in einer Front zusammen, die Vorwürfe wechselten, aber das Ziel blieb gleich: Wulff sollte zum Rücktritt gezwungen werden. Später stellte sich heraus, dass alle Vorwürfe falsch waren: Wulff wurde nach seinem Ermittlungsverfahren von 24 Fahndern unter Leitung von vier Staatsanwälten, der Vernehmung von 93 Zeugen und Kosten in Höhe von mehreren Millionen Euro wegen einer Rechnung über 753,90 Euro angeklagt und freigesprochen.

Aber kaum ein Journalist zeigte Einsicht oder Selbstkritik. Ersatzweise musste jetzt der Vorwurf herhalten, Wulff habe sich in seiner Verteidigung falsch verhalten - und sei deshalb selbst Schuld an seinem Fall, nicht jedoch die Journalisten von BILD, "Spiegel" und anderen Medien, die über Monate mit größtmöglichem Aufwand eine der unfairsten Kampagnen gegen einen Menschen inszenierten, die es je in der bundesrepublikanischen Geschichte gegeben hatte.

Dies ist übrigens ein typisches Merkmal von Skandalen: Wenn sich einer oder sogar mehrere Vorwürfe als offensichtlich falsch herausstellen - wie das auch bei Wulff der Fall war -, lassen die Medien nicht etwa von ihrem Opfer ab, sondern suchen nach weiteren angeblichen "Beweisen" auf ganz anderen Feldern, die die moralische Minderwertigkeit des Attackierten belegen sollen. "Erweist sich im Skandal die zentrale Behauptung als falsch, wird auf andere Sachverhalte verwiesen, die das Verhalten der Angeprangerten skandalös erscheinen lassen. Auf diese Weise werden Sachverhalte, die im Vergleich zur zentralen Behauptung unerheblich sind und alleine kaum Beachtung finden würden, zum Beweis für die Richtigkeit des zentralen Vorwurfs." So Hans Mathias Kepplinger in seinem ausgezeichneten Buch über die Mechanismen der Skandalisierung

Wenn das in die Enge getriebene und an den Pranger gestellte Opfer dann in der Verteidigung Fehler macht, was fast unausweichlich ist, müssen ersatzweise diese Fehler als Begründung dafür herhalten, warum es richtig war, den Menschen an den Pranger zu stellen. "Nach dieser Logik haben bei der Treibjagd nicht die Jäger den Hasen abgeschossen, sondern der Hase hat sich selbst umgebracht, weil er dummerweise in die falsche Richtung gesprungen ist", so Kepplinger.

Beispiel Oxfam-Berichte
Worum es mir geht, will ich ausführlicher an einem anderen Beispiel verdeutlichen, nämlich an der jährlichen Berichterstattung über den sogenannten Oxfam-Bericht.

Meist parallel zum Treffen der Weltwirtschaftselite im Schweizer Davos im Januar veröffentlicht die Organisation Oxfam einen Bericht, der jedes Mal große Beachtung in allen Medien findet. Die Qualität des Berichtes steht indes in umgekehrtem Verhältnis zu der Aufmerksamkeit, den die Organisation damit erzielt. Die Berichterstattung ist geteilt. Sie reicht von unkritischer Wiedergabe der zentralen Argumente des Berichtes bis zu scharfer Kritik an den verwendeten Methoden. Doch selbst bei differenziert argumentierenden Artikeln wird in der Überschrift meist die zentrale These des Oxfam-Berichtes übernommen. Die FAZ machte im Januar 2017 den Wirtschaftsteil sogar mit der großen Überschrift auf: "Acht Männer reicher als die halbe Welt", dazu stellte sie ein großes Foto von Bill Gates und Warren Buffett sowie eine Grafik mit den geschätzten Vermögenswerten der aufgelisteten acht reichsten Männer der Welt.

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4 Kommentare

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Kommentare

Auch die Berichterstattung über Chemnitz gehört aufgearbeitet.

Der sächsische Ministerpräsident sagte, es gab keine "Hetzjagd und keinen Mob". Der Polizeipräsident ebenso. Der Bürgermeister sagte das selbe. Der BundesvefassungsSchutzpräsident sah ebenfalls keine Anzeichen.

Nur das Bundespresseamt mit Ex-tagesschau-Sprecher Seibert behauptete das. Weite Teile der Presse kolportierten plötzlich diese Behauptung, es hätte Hetzjagden gegeben. Wurde wir von der Presse auch in diesem Fall angelogen?
I.d.R. führt Dealmaking zu Superreichtum,
nicht passives Geldvermögen.
Gates, Jobs, Wozniak etc. haben mit praktisch null angefangen.
Wo dagegen sind die Fugger, Welser oder Medici heute?
Reichtum ist kein Automatismus, keine Einbahnstraße,
anders als Marx phantasierte.
Das wahre Problem ist, dass die grünen OXFAM-Leute vermutlich Millionäre sind, die sich nur wichtig machen wollen. Solche Typen haben kein Interesse, irgendwem zu helfen.

Der Fakt, dass der Kapitalismus zur Anhäufung von Kapital führt, ist nunmal Kern des Systems. Es ist also ebenso unsinnig, wenn der Dr. sowas immer leugnen will.

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