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Wieder ein sozialistisches Experiment gescheitert Venezuela - wie es dazu kommen konnte*

Gastautor: Rainer Zitelmann
25.01.2019, 10:49  |  5925   |   |   

In vielen Medienberichten wird der Eindruck erweckt, der Zusammenbruch in Venezuela sei ein Ergebnis des Ölpreisverfalls sowie des US-Boykotts. Tatsache ist, dass Venezuela nur ein weiteres Beispiel ist für das Scheitern eines sozialistischen Experimentes, das noch vor wenigen Jahren weltweit von linken Politikern und Intellektuellen als vorbildlich gepriesen wurde. Die Vorgeschichte:

War Venezuela zu Beginn des 20. Jahrhunderts eines der ärmsten Länder in Lateinamerika, so hatte es bis Ende der 60er-Jahre eine erstaunliche Entwicklung genommen. 1970 war es das reichste Land Lateinamerikas und eines der 20 reichsten Länder der Welt. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf war sogar höher als das von Spanien, Griechenland oder Israel und nur 13 Prozent niedriger als das von Großbritannien.

Der Abschwung des südamerikanischen Landes begann in den 70er-Jahren. Über die Ursachen findet eine intensive Diskussion unter Wissenschaftlern statt. Einer der Gründe für die Probleme ist die starke Abhängigkeit vom Erdöl. Es kamen weitere Ursachen hinzu, insbesondere ein ungewöhnlich hoher Grad an staatlicher Regulierung des Arbeitsmarktes, die seit 1974 durch immer neue Vorschriften erhöht wurde. In kaum einem anderen Land Lateinamerikas (und weltweit) war der Arbeitsmarkt mit einem so engmaschigen Netz von Regulierungen überzogen. Während die Unternehmen 1972 noch das Äquivalent von 5,35 Monatslöhnen für die Lohnnebenkosten zahlen mussten, hatte sich diese Rate bis 1992 auf 8,98 Monatslöhne massiv erhöht.

Diese Faktoren kamen zu den Problemen hinzu, mit denen viele Länder kämpfen müssen, die stark von Rohstoffexporten abhängen - wir haben dies bereits im zweiten Kapitel am Beispiel einiger afrikanischer Länder gezeigt. Viele Menschen in Venezuela hofften, der charismatische Sozialist Hugo Chávez würde die Probleme des Landes - Korruption, Armut, wirtschaftlicher Niedergang - lösen. Chávez hatte bereits 1992 versucht, mit einem Putsch die Macht an sich zu reißen, war jedoch gescheitert. 1998 wurde er zum Präsidenten gewählt, und 1999 rief er die "Bolivarische Republik Venezuela" aus. Chávez war nicht nur Hoffnungsträger für viele arme Menschen in Venezuela, sondern er entfesselte die Utopiesehnsüchte der Linken in Europa und Nordamerika mit der Parole vom "Sozialismus des 21. Jahrhunderts".

Chavéz: Held der Linksintellektuellen
Nachdem Ende der 80er-Jahre der Sozialismus in der Sowjetunion und den Ostblockstaaten zusammengebrochen war und sich die Chinesen auf den Weg vom Sozialismus zum Kapitalismus begeben hatten, fehlte der Linken das Utopia, von dem sie träumen konnten. Nordkorea und Kuba als einzig verbliebene kommunistische Staaten eigneten sich dafür nicht so gut. Hugo Chávez füllte diese Lücke. Der europapolitische Sprecher der Linkspartei im Deutschen Bundestag schwärmte: "Was Chávez macht, ist auch der Weg, in Deutschland die ökonomischen Probleme zu lösen" und die Vorsitzende der Linken, Sarah Wagenknecht, pries ihn als "großen Präsidenten", der mit seinem ganzen Leben für den "Kampf um Gerechtigkeit und Würde" stand. Chávez habe bewiesen, dass "ein anderes Wirtschaftsmodell möglich sei".

Auch in den USA hatte Chávez unter den Linksintellektuellen viele Bewunderer. Einer ihrer prominentesten Köpfe, der 2016 verstorbene Tom Hayden, erklärte: "Ich sage voraus, dass der Name von Hugo Chávez von Millionen verehrt werden wird, je mehr Zeit vergeht." Ein anderer tonangebender Linksintellektueller, der Princeton-Professor Cornell West, bekannte: "Ich liebe es, dass Hugo Chávez die Armut zur obersten Priorität gemacht hat. Ich wünschte mir, Amerika würde die Armut zur Priorität machen." Und die bekannte amerikanische Journalistin Barbara Walters schwärmte: "Er kümmert sich so sehr um die Armut, er ist ein Sozialist. Was er getan hat für ganz Lateinamerika, was sie über Jahre versucht haben, ist die Armut zu beseitigen. Er ist nicht der Verrückte, wie man uns erzählt hat […] Er ist ein sehr intelligenter Mann."

Das sozialistische Experiment von Chávez begann vielversprechend. Möglich war dies, weil Venezuela die größten Erdölvorkommen der Welt hat und in der Regierungszeit von Chávez die Ölpreise geradezu explodierten. Damit sprudelte so viel Geld in die Staatskasse, dass sie bestens gefüllt war für das große sozialistische Experiment. Enden sollte der Großversuch mit dem "Sozialismus im 21. Jahrhundert" jedoch in einem wirtschaftlichen Desaster, in Hyperinflation, Hunger und Diktatur.

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Kommentare

Der kalte Krieg ist wieder zurück, nachdem er seit der Wende tod geschwiegen wurde.

Was ist den der wirkliche Grund für das aufbrechen der "alten Konflikte"??

Antwort:

Die Globalisierung ist die Ursache, die jede Menge Verlierer produziert obwohl doch alle gewinnen sollen.

Das ist das gleiche Märchen wie mit dem Kapitalismus als einziges System für Wohlstand!

Einfach mal den eigenen Verstand gebrauchen, dann klappts auch :-)
Fuer die Vollendung des Putsches, respektive die "Wiederherstellung der Demokratie" hat Trump nun Elliott Abrams ausgewaehlt. Die Aelteren werden sich noch an Massenmorde von Todesschwadronen erinnern.

Dr. Jill Stein 🌻 Verified account @DrJillStein
Trump's Venezuela point man Elliott Abrams:
-Backed death squads in Latin America that murdered 1000s for right-wing dictators
-Lied to Congress to cover up treasonous Iran-Contra affair
-Led 2002 US coup attempt in Venezuela
Still think this is about democracy & human rights?

Jon Schwarz @schwarz
During the 1980s, the Salvadoran government slaughtered perhaps 70,000 people in.ways so ghastly there's no contemporary equivalent, except maybe for ISIS. Elliott Abrams was a key figure making it happen. He later said he considered this to be a "fabulous achievement.”
Pauschalisieren hilft nicht weiter. Auch Zitelmann hat zwar fleissig Fakten gesammelt und praesentiert, aber immer nur monokausal argumentiert.

Der Vergleich der Oelproduktion von Venezuela und Kolumbien (Quelle Rodriguez oben) belegt unzweideutig den entscheidenden Einfluss der Sanktionen fuer den Kollaps:

Bild: https://venezuelanalysis.com/files/styles/full_content/public/images/%5Bsite-date-yyyy%5D/%5Bsite-date-mm%5D/graph.png?itok=O2kKu-4d
Deine Argumente kenne ich nur zu gut. Die sind Standardrepertoir jedes "sozialistischen" Führers gewesen und heutige Führer nutzen sie auch. Die Sanktionen verschärfen nur Probleme, sind aber nie die Ursache.

Das Hauptproblem ist immer die nicht funktionierende Gesellschaft. Auf Korruption lässt sich kein Wohlstand aufbauen. Glaub nur nicht, dass da irgendwer Maduro liebt. Honecker wurde auch von niemandem geliebt, war alles Show.

Guaido ist auch egal. Die Leute wollen endlich diese Maduro-Monarchie loswerden, die teilweise auch eine Marionetten-Militärdiktatur ist - erinnert an Ägypten.
Die zentrale Bedeutung der Sanktionen (noch vor dem Oelpreis!) auf den Niedergang Venezuelas hat Rodriguez (ein Maduro Kritiker) beschrieben:

"I argue that Venezuela’s economy has imploded because it can’t import."

https://venezuelanalysis.com/analysis/14073

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