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Börse Stuttgart-News bonds weekly

Gastautor: Börse Stuttgart
08.02.2019, 15:54  |  618   |   |   

STUTTGART (BOERSE STUTTGART GMBH) - Anleihenmarktbericht der Börse Stuttgart

AKTUELLES MARKTGESCHEHEN

EZB-Präsidentschaft: Das Rennen scheint eröffnet

Am Rentenmarkt blicken Anleger auf eine eher ruhige Handelswoche zurück. Die Aufregung im Zuge der jüngsten Fed-Sitzung hat sich gelegt und aus fundamentaler Sicht gab es ebenfalls kaum marktbewegende Nachrichten. Es war ein wenig „Business as usual“ in der zurückliegenden Handelswoche…

Wenn die Nachrichtenlage eher dünn ist, rücken gerne Themen in den Fokus, die man vielleicht (noch) nicht ganz oben auf der Agenda stehen hatte. Auslöser in dieser Woche war diesmal ein Auftritt des Finnen Olli Rehn. Der ehemalige EU-Kommissar und heutige Chef der finnischen Notenbank sprach auf einer Veranstaltung des CDU-Wirtschaftsrats in Berlin. Das allein wäre kaum eine Meldung wert. Sie wird jedoch dann relevant, wenn man bedenkt, dass die Amtszeit von Mario Draghi im kommenden Herbst ausläuft. Zwar mag es heute noch niemand offiziell zugeben, doch das Rennen um seine Nachfolge ist längst eröffnet.

Lange Zeit galt der deutsche Bundesbankchef Jens Weidmann als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge. Weidmann gilt als ausgewiesener Fachmann dem niemand ernsthaft die Eignung abspricht. Sein Verhältnis zu einigen seiner Amtskollegen gilt jedoch als belastet, insbesondere da Weidmann in den vergangenen Jahren immer wieder als geldpolitischer „Hardliner“ aufgetreten ist, der auch die Kritik am aktuellen Kurs der EZB nicht scheut. Das brachte ihm im Kollegenkreis nicht nur Pluspunkte ein. Dennoch schien fast sicher, dass ein Deutscher EZB- Präsident auf Mario Draghi folgen würde. Immerhin stellten mit den Niederlanden (Willem Duisenberg), Frankreich (Jean-Claude Trichet) und nun eben Italien, bereits drei Gründungsmitglieder einen EZB-Präsidenten. Ein Problem für Weidmann könnte jedoch sein, dass seine Kandidatur aus Berlin nicht mehr vorbehaltlos unterstützt wird. Denn auch die Amtszeit von Jean-Claude Juncker als Kommissionpräsident läuft im Herbst aus. In Berlin schielt man mittlerweile offenbar eher auf den Posten des Kommissionspräsidenten, denn auf die EZB- Präsidentschaft. Den letzten Kommissionspräsidenten (damals noch Präsident der Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft) stellte Deutschland mit Walter Hallstein von 1958 bis 1967.

Wenn Deutschland nicht will, könnte das die Chance von gleich zwei Kandidaten aus Frankreich sein. Zu nennen wäre da einmal der amtierende Präsident der Banque de France: Francois Villeroy de Galhau. In Notenbankkreisen gilt de Galhau eher als geldpolitische „Taube“, der durchaus Verständnis für die Probleme einiger Euro-Staaten aus dem Süden aufbringt. Im Gegensatz zu Weidmann steht de Galhau der aktuellen Zinspolitik deutlich näher. Das ist jedoch vielleicht gleichzeitig ein Nachteil: Kritiker bemerken, dass der Franzose sehr gerne und ausführlich die Ausführungen Mario Draghis einfach adaptiert. Fast schon im Gegensatz dazu, steht der zweite potenzielle Kandidat aus Frankreich: Benoit Coeuré. Coeuré ist aktuell Direktoriums-Mitglied der EZB und gilt gemeinhin als der Architekt der Anleihekäufe durch die EZB. Zinspolitisch steht er (mittlerweile) Jens Weidmann deutlich näher als sein Landsmann de Galhau. Zumindest Berlin würde wahrscheinlich eher Coeuré als de Galhau unterstützen. Im Herbst endet allerdings auch seine achtjährige Amtszeit. Eine Verlängerung ist eigentlich nicht möglich. Zudem haben beide Kandidaten mehr oder weniger dasselbe „Problem“: Mit Jean-Claude Trichet haben die Franzosen erst einen EZB-Präsidenten gestellt.

Somit wären wir wieder bei Olli Rehn, aber auch seinem Landsmann Erkki Liikanen. Wie im Fall von Frankreich werden auch gleich zwei Finnen gute Chancen auf den EZB-Chefposten eingeräumt. Erkki Liikanen gilt manchem Beobachter derzeit sogar als aussichtsreichster Kandidat. Und das, obwohl sich Liikanen eigentlich im Oktober in den Ruhestand verabschiedet hatte, nachdem er knapp 14 Jahre die finnische Notenbank anführte. Rein „äußerlich“ unterscheidet die beiden Finnen wenig. Die Lebensläufe sind mittlerweile nahezu identisch, nur dass Rehn eben knapp 12 Jahre jünger als Liikanen ist. Beide machten in Brüssel Karriere und stiegen bis zum EU- Kommissar auf, bevor sie irgendwann in ihre Heimat zurückkehrten, um dann zur finnischen Notenbank zu wechseln. Beide gelten jedoch in Brüssel und Frankfurt als extrem gut vernetzt. Für Liikanen spricht, dass er möglicherweise besser einzuschätzen wäre. Der Finne im Ruhestand gilt als geldpolitische „Taube“ und würde somit für eine gewisse Kontinuität in Sachen Geldpolitik stehen. Olli Rehn ist schon deutlich schwieriger einzuordnen. Rehn ist erst seit vergangenem Jahr bei der finnischen Notenbank. Wofür er konkret steht, lässt sich - Stand heute - kaum valide beurteilen.

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