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Fata Morgana Der trügerische Schein der Start-ups

Gastautor: Max Otte
25.02.2019, 14:21  |  1291   |   |   

 

 

Die Finanzindustrie ist oft gar nicht so anders als die Modebranche. Jede Saison wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Wie um die Jahrtausendwende auch sind es zurzeit erneut Technologiewerte und Start-ups, die großen Reiz auf private und institutionelle Anleger ausüben.

 

Experimentierende Unternehmer

Die kreativen Unternehmensgründungen können wir definieren als unternehmerische Lernversuche mit dem Ziel, skalierbare Geschäftsmodelle zu entdecken. Sie entziehen sich jedoch den meisten herkömmlichen Methoden der Unternehmensbewertung.

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Leider dominieren zahlreiche Missverständnisse und Verzerrungen dieses Feld junger Skalierungsversuche. So ist das grundlegende Versprechen, jungen Menschen, denen in Europa der Eintritt ins Berufsleben zunehmend schwerfällt, durch die Förderung der Gründung von Unternehmen Beschäftigung zu verschaffen, eine Täuschung – auch aufseiten des Gesetzgebers.

Erfolgloser als vermutet

Scott A. Shane, Professor an der Weatherhead School of Management beschäftigt sich seit rund zwei Jahrzehnten mit der US-amerikanischen Start-up-Kultur. In seinem Buch „The Illusions of Entrepreneurship. The Costly Myths That Entrepreneurs, Investors, and Policy Makers Live By“ weist er nach, dass gut bezahlte Arbeitsplätze, die voll besteuert und versichert sind, eher durch Erweiterung von Konzernen als durch Neugründungen entstehen. Seine empirischen Daten zeigen selbst für die USA ein erschreckendes Missverhältnis: Durchschnittlich 43 Unternehmensgründungen sind nötig, um letztlich neun Arbeitsplätze zu schaffen, die länger als zehn Jahre Bestand haben. Das liegt vor allem an der hohen Quote des Scheiterns von Neugründungen. 
 

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Ein Fünftel der Start-ups werden in den USA bereits nach einem Jahr aufgegeben, in Europa ein Viertel. Nur 45 Prozent überleben fünf Jahre, nur 30 Prozent zehn Jahre. Ein Fünftel der Unternehmer bleibt für immer in der Start-up-Phase stecken, das heißt, das Unternehmen kommt nie über das Versuchsstadium hinaus und stellt eher ein teures Hobby dar. 70 Prozent der Unternehmer, deren Unternehmen bis dahin überlebt haben, schätzen nach vier Jahren ihre Unternehmensgründung als nicht erfolgreich ein. Nur ein Drittel aller Kleinunternehmen wirft überhaupt jemals mehr als 10.000 Dollar jährlichen Profit ab.

Skalieren ist auch das Hebeln von Risiko

Skalierungsversuche haben oft den Charakter von Wetten, die entweder großen Gewinn oder Totalverlust bedeuten. Andererseits ist Skalierung die Voraussetzung für zusätzliche Arbeitsplätze, da nur hoch skalierte Produktivität die nötige Rentabilität erzeugen kann. 

Nicht skalierende Unternehmen von Selbständigen, etwa Handwerkern, bieten nur wenig Beschäftigungspotenzial – weisen aber auch ein wesentlich geringeres Verlustrisiko auf. Die spezifische Förderung von Start-ups als Beschäftigungspolitik darzustellen, ist also ein großer Irrtum.

 

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Start-ups bieten gute Lernerfahrungen

Sie sind konkrete Umsetzungs- und Problemlösungsversuche und haben daher viel Potenzial, die Welt zu bereichern und das Leben der Mitmenschen ein wenig zu verbessern.

 

Wirtschaftspolitischer Nebel

Wirtschaftspolitiker nahezu aller Parteien nutzen Start-ups in diesen Tagen gerne als Projektionsfläche für reine Symbolpolitik. Doch dies schadet dem realen Unternehmertum. Mittlerweile sind Subventionen für die Gründung von Unternehmen schon so sehr die Regel, dass die erste Frage von potenziellen privaten Investoren an ein junges Unternehmen oft ist, ob schon alle Förderungen abgegriffen wurden. Ohne diesen staatlichen Hebel, der wettbewerbsverzerrend wirkt, wollen immer weniger Investoren privates Kapital riskieren. 

Subventionen vernebeln jedoch den Blick auf fundamentale Geschäftsdaten. Investoren, ganz gleich wie hoch ihr Budget ist, werden von Preis- und Kurssteigerungen angezogen wie die Motten vom Licht. Das liegt in unserer menschlichen Natur.

 

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Aus der Aktiengeschichte lernen

Doch mit etwas Rationalität und einem klaren Blick auf die Börsenhistorie lassen sich Trugschlüsse vermeiden. Nachdem der Neue Markt vielen in den Jahren 1998 und 1999 fantastische Gewinne bereitet hatte, sprangen viele im Jahr 2000 auf dem Höhepunkt auf – und erlebten dann den großen Absturz. Im Jahr 2004 wurde der Neue-Markt-Index (Nemax) von der Deutschen Börse still und heimlich beerdigt. Zu peinlich war wohl die Erinnerung an nie mehr einzuholende Höchststände und zu kümmerlich die Reste der einst so hoch gehypten Unternehmen.

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