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Das neue Normal

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Gastautor: Raimund Brichta
25.02.2019, 20:30  |  446   |   

Nun hat die US-Notenbank bestätigt, dass sie noch in diesem Jahr ihr Experiment des Bilanzabbaus stoppen wird. Im Protokoll der Notenbankratssitzung von Ende Januar, das vergangene Woche veröffentlicht wurde, heißt es etwas verquer:

„Fast alle Teilnehmer hielten es für wünschenswert, in nicht allzu ferner Zukunft einen Plan bekannt zu geben, der darauf abzielt, den Abbau der Vermögenswerte der Federal Reserve im Laufe dieses Jahres einzustellen.“

Notenbanker müssen sich offenbar so umständlich ausdrücken. Aber man kann trotzdem herauslesen, was sie damit meinen. Sie bekommen ganz offensichtlich kalte Füße, nachdem sie die Notenbank-Bilanzsumme von 4,5 Billionen Dollar auf gerade mal knapp 4 Billionen leicht abgeschmolzen haben.

Dabei hatte man das ganze Programm ursprünglich etwas großspurig als „balance sheet normalization program“ angekündigt, also als Programm zur Normalisierung der Notenbankbilanz. Und noch im vergangenen Dezember hatte Notenbankboss Powell angekündigt, er werde den Abbau 2019 unverdrossen weiter betreiben.

Zur Erinnerung: Das Normalniveau vor der Finanzkrise lag im August 2007 bei 0,87 Billionen Dollar. Demnach wäre nun ein neues Normal bei knapp 4 Billionen erreicht.

Zum Vergrößern anklicken:

Quelle: https://www.federalreserve.gov/monetarypolicy/bst_recenttrends.htm

Für Leser dieses Blogs dürfte dies keine Überraschung sein. Denn ich hatte mehrmals darauf hingewiesen, welche Konsequenzen es hätte, wenn die Notenbankbilanzen wieder merklich schrumpfen würden. Zuletzt in diesem Beitrag.

Die darin genannten Hintergründe scheinen aber nur wenigen Menschen klar zu sein. Der Mainstream-Presse zum Beispiel fällt als Begründung für Powells Kehrtwende lediglich eine drohende Konjunkturabkühlung ein.

So heißt es in der FAZ: „Die neue ‚geduldige’ Geldpolitik reflektiert die Unsicherheit der Notenbanker über die wirtschaftliche Entwicklung der Vereinigten Staaten und wichtiger Handelspartner.“

(Quelle: https://edition.faz.net/faz-edition/finanzen/2019-02-22/e5c849c4b3fec7 ...)

Sollte also eine normale konjunkturelle Schwankung ausreichen, um die – vermeintlich viel wichtigere – Grundsatzaufgabe der „Normalisierung“ der Notenbankbilanz stoppen können? Dies erscheint mir unglaubwürdig und am Kern des Problems vorbeizugehen. Schließlich sind Konjunkturschwankungen etwas ganz Normales.

Wären die aufgeblähten Notenbankbilanzen tatsächlich nur eine vorübergehende und abnormale Erscheinung, die wieder rückgängig gemacht werden müsste, dürfte sich dieser Prozess nicht durch eine solche Schwankung aufhalten lassen.

Die Aufblähung war vielmehr eine unabdingbare Maßnahme, um den Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern. Oder besser gesagt: Um diesen Zusammenbruch weiter in die Zukunft zu verschieben.

Das heißt: Um das System am Laufen zu halten, muss die Aufblähung dauerhaft sein. Mehr noch: Spätestens in der nächsten Krise müssen die Notenbankbilanzen weiter aufgebläht werden.

Aber selbst Leute wie Bundesbankpräsident Weidmann müssen das offenbar noch lernen. Weidmann setzt sich dafür ein, dass die Europäische Zentralbank ihre Bilanz wieder schrumpft und auf Normalmaß zurückführt. Er behauptet, ansonsten drohten Folgen wie bei einer zu langen künstlichen Beatmung eines Patienten –  die Atemmuskeln erschlafften. Deshalb dürfe man die künstliche Beatmung nicht unnötig in die Länge ziehen.

Für den menschlichen Organismus mag das gelten. Für den monetären Organismus gilt es nicht. In dem Stadium, in dem sich unser Finanzsystem befindet, würde Weidmanns Rezept vielmehr zum Kollaps führen. Wieso versteht er das nicht?

Unter diesen Umständen ist es gar nicht so schlimm, dass Kanzlerin Merkel ihm die Unterstützung bei der Kandidatur zum Amt des EZB-Präsidenten entzogen hat,

meint Ihr

Raimund Brichta


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