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Buchtipp: Gelungene Entlarvung von Politphrasen

Gastautor: Rainer Zitelmann
02.03.2019, 11:53  |  1551   |   |   

Alexander Kissler, Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss, Gütersloher Verlaghaus, Gütersloh 2019, 204 Seiten.

Wem inhaltlose und gedankenlos ständig wiederholte Politiker- und Medienphrasen auf die Nerven gehen, dem wird dieses Buch viel Freude bereiten. Der Autor, Leiter des Kulturressorts bei der Zeitschrift „Cicero“, hat auf 200 Seiten 15 dieser Phrasen auseinandergenommen. Bei denkfaulen Menschen erzeugen die ständig wiederholten Phrasen ein „tausendfach erprobtes Kopfnicken“: „Ja, so ist es. So ist es wirklich. Es kann nicht anders sein.“ (S. 71) „Die Phrase beginnt“, so Kissler, „wo das Denken endet. Sie erweckt den Eindruck, sie sei bereits das Ergebnis eines langen Nachsinnens und also müsse an der Stelle, an der sie aufgerufen wird, nicht mehr gedacht, sondern nur noch verkündet werden. Sie will Einverständnis, nicht Eigensinn. Akklamation, nicht Reflexion.“ (S.171)

 

 

 

„Unser Reichtum ist die Armut der Anderen“

Meine Lieblingsphrase in diesem Buch. Klassisch hat Bertolt Brecht sie in diesem Gedicht formuliert:

„Reicher Mann und armer Mann

standen da und sah’n sich an,

und der Arme sagt bleich:

Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

Von allen Gedichten, die ich kenne, ist dies das mit Abstand dümmste, aber was darin ausgedrückt wird, entspricht der Überzeugung vieler Menschen – nämlich der Nullsummenglaube. Kissler kritisiert, Brecht lasse den Ursprung des Reichtums, der sich angeblich einer fremden Armut verdanken solle, außer Acht: „Ein Mann hat Geld geerbt, das seine Eltern durch sparsames Haushalten beiseite gelegt haben, ihr Leben lang: Dieser Vermögenszuwachs beim Sohn soll Resultat sein der Ausbeutung eines Armen? So kann es Brecht nicht gemeint haben. Ein Mann hat eine pfiffige Idee, meldet ein Patent an, gründet eine Firma, schafft Arbeitsplätze für Hunderte: Auf wessen Kosten soll dieser Reichtum entstanden sein? So kann es Brecht nicht gemeint haben. Eine junge Frau überspringt mehrere Klassen, macht den Universitätsabschluss in Rekordzeit und wird zur weltweit gefragten Expertin für Künstliche Intelligenz: Welchem Armen hat sie bei ihrem Aufstieg Geld weggenommen? Und welche Armen wurden von den millionenschweren Rockstars Mick Jagger, Bono, Lady Gaga bestohlen?“ (S. 115 f.) Der Spruch „Unser Reichtum ist die Armut der Anderen“ geht davon aus, Reichtum sei prinzipiell Diebstahl. Übrigens, so möchte ich hinzufügen: Gerade durch die Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte ist dieser Spruch widerlegt: In China betrug die Quote von Menschen, die in extremer Armut leben, 1981 noch 88 Prozent, heute sind es ein Prozent. Gleichzeitig entstehen so viele Milliardäre und Multimillionäre wie nirgendwo sonst auf der Welt. Wäre der Satz richtig, dass Reichtum nur dadurch entsteht, dass andere arm werden, wäre das nicht erklärbar. In Wahrheit verhält es sich umgekehrt.

 

„Jeder verdient Respekt“

Kissler hat dieses vierte Kapitel geschrieben, bevor die „Respektrente“ erfunden wurde. Man sieht, dass er ein feines Gespür hat für Phrasen, die im Trend liegen. Denn schon vor der „Respektrente“ wurde – wie er an allerlei absurden Beispielen nachweist – für alles und jeden Respekt gefordert. Ich habe dabei nachgedacht: Wann habe ich jemals „Respekt“ für meine Person gefordert? Noch nie im Leben. Ich habe diese Forderung aber sehr oft von Leuten vernommen, die guten Grund hatten zu zweifeln, dass man sie respektiert – vielleicht in manchen Fällen gerade deshalb, weil sie in der Tat keinen Respekt verdienen (z.B. ein arroganter Türsteher, der einem den Einlass in den Club verwehrt und der vielleicht einen Respekt-Komplex hat). Respekt, so Kissler, meint heute „Applaus ohne Ansehung der Leistung. Respekt ohne achtenswerte Gründe“ (S. 63). Wie bei einem Taschenspielertrick werden die Begriffe Respekt und Würde vertauscht. „Nicht jeder verdient Respekt. Applauswürdig ist nicht alles.“ (S. 67). Durch die Inflationierung wird der Begriff sinnlos. Würde steht jedem Menschen zu, egal was er tut, einfach weil er ist. Respekt hingegen kann man verspielen, etwa durch schlimme Taten und böse Absichten (S. 69 f.).

 

„Vielfalt ist unsere Stärke“

Wer wollte gegen Vielfalt votieren und sich damit selbst als einfältig outen? Dass es neben einem Zuwenig auch ein Zuviel an Vielfalt geben kann (S.27), wird schlicht geleugnet. Kissler dringt ein bis in die letzten Windungen des linken Diversity-Diskurses, wenn er etwa diesen Satz zitiert und seziert: „Tatsächlich wird der Begriff weiß in der internationalen Rassismusdebatte als Gegensatz zu People of Color (PoC) verwendet und nicht für die Beschreibung der Hautfarbe genutzt. Der Begriff soll eine gesellschaftspolitische (Macht-)Position und Norm hervorheben. Dabei müssen sich weiße Menschen nicht selbst als weiß oder privilegiert fühlen.“ (S.29). Kissler fragt, ob es somit nichtweiße Weiße gibt, die mächtig sind, als wären sie weiß und deshalb weiß genannt werden dürfen? „Und was geschieht mit weißen Weißen, die, obwohl nicht weiß, ohnmächtig und prekär leben, also eher nicht-weiße Erfahrungen machen, aber dennoch als privilegiert angesehen werden sollen? Handelt es sich bei ihnen nicht schon um weiße People of Color?“ (S. 30 f.)

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