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Wirecard fundamental betrachtet: Wie tief die Aktie jetzt noch fallen kann

Nachrichtenquelle: The Motley Fool
17.03.2019, 09:27  |  2197   |   |   

Kaum eine Aktie erhitzt derzeit die Gemüter so wie diejenige von Wirecard (WKN:747206). Früher bullische Analysten kapitulieren reihenweise, die Risiken seien unkalkulierbar. Nun hat sich der Kurs vom Allzeithoch etwa halbiert. Andererseits ist gegenüber dem Frühjahr 2016 immer noch eine Verdreifachung zu erkennen. Von daher scheint es durchaus noch einiges an Fallhöhe zu geben. Mit was müssen Anleger also rechnen? Ein Blick in die Bilanz könnte Aufschluss geben.

Die wichtigsten Fakten aus der letzten Quartalsmitteilung

Als Erstes schaue ich in solchen Fällen immer gerne, was an hartem Vermögen zur Verfügung steht. Beim Kurs von 105 Euro (Schluss 15.03.) ist der Konzern immer noch 13,6 Mrd. Euro wert. Dem gegenüber standen zum 30.09. lediglich 1,8 Mrd. Euro Eigenkapital in der Bilanz, wobei zu bedenken ist, dass die stets kritisch zu betrachtenden immateriellen Vermögenswerte 1,4 Mrd. Euro ausmachen. Folglich kann die Substanz nur einen kleinen Bruchteil der Bewertung erklären. Das muss uns aber nicht unbedingt Sorgen bereiten.

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Lass uns also den Gewinn näher betrachten. Dort stand im dritten Quartal ein Ergebnis von 97 Mio. Euro zu Buche, eine Steigerung von 50 % gegenüber dem Vorjahr. Unter normalen Bedingungen ist mit einem weiteren steilen Aufwärtstrend zu rechnen, weil Wirecard in allen Dimensionen wächst. Es kostet daher nicht allzu viel Fantasie, um für das laufende Jahr mindestens 500 Mio. Euro Nettogewinn und bis etwa 2022 das Brechen der Milliardenschwelle zu erwarten.

Folgt man diesem Pfad weiter, dann würde das Kurs-Gewinn-Verhältnis irgendwann zwischen 2022 und 2024 einstellig werden, bei dann weiterhin guten Aussichten auf Jahre hinaus. Im Vergleich zur Substanzanalyse erhalten wir also ein viel erfreulicheres Bild. Ähnlich sieht es aus, wenn wir die Kapitalflussrechnung analysieren. Für das hohe Wachstumstempo muss Wirecard relativ wenig Kapital einsetzen. In den ersten neun Monaten 2018 waren es 94 Mio. Euro an Investitionen.

Die noch deutlich geringeren Abschreibungen von 26 Mio. Euro zeigen, wie wenig kapitalintensiv das Geschäft ist. Zum Vergleich: thyssenkrupp (WKN:750000) investierte im abgelaufenen Fiskaljahr 1,4 Mrd. Euro und schrieb 1,1 Mrd. Euro ab. Dabei ist die Marktkapitalisierung des Industrieunternehmens mit knapp 8 Mrd. Euro deutlich geringer als bei Wirecard.

Positiv ist auch, dass die Kasse dank des guten Geschäftsverlaufs und der Minidividenden mit über 2 Mrd. Euro prall gefüllt ist. Auch wenn gut die Hälfte davon den Kunden der Wirecard-Bank zusteht, ist kaum zu befürchten, dass Wirecard sich an den Kapitalmarkt wenden muss, um etwaige Strafen oder Ähnliches zu begleichen.

Die entscheidende Frage

Aus meiner Sicht muss man sich wenig Sorgen machen, dass Wirecard durch die aktuellen Turbulenzen in eine lebensbedrohliche Situation schlittern könnte. Selbst ein absolutes Worst-Case-Szenario gibt das kaum her, einfach weil es nicht genug abzuschreiben gibt. Gleichzeitig ist der Geschäftsumfang mit Umsätzen im Bereich von 2 Mrd. Euro nicht groß genug, um an Milliardenstrafen zu denken, wie sie etwa der Deutschen Bank (WKN:514000) aufgebrummt wurden.

Was man sich also fragen muss, ist eher, ob Wirecard durch die ganzen Turbulenzen vom Erfolgspfad abkommen könnte. Für das abgelaufene Geschäftsjahr werden etwa 3 Euro Gewinn je Aktie geschätzt. Wenn Wirecard durch die Verarbeitung des derzeitigen Ärgers längere Zeit auf der Stelle treten sollte, anstatt neue Höhen zu erklimmen, dann stünde eine Neubewertung an. Vielleicht würde man nur noch ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 ansetzen, wodurch sich ein Aktienpreis von 60 Euro ergäbe.

Noch schlimmer wäre, wenn wichtige Mitarbeiter und Kunden wegen des beschädigten Vertrauens zur Konkurrenz flüchteten. Laut CEO Braun läuft es zwar operativ unverändert hervorragend, aber trotzdem könnten die ähnlich erfolgreichen Wettbewerber nun die Chance nutzen, um Wirecard Marktanteile abzujagen.

Mein Fazit: Im Mittel erwarte ich, dass Wirecard diesen Einschlag ganz gut abfedern kann und sich dann wieder wie zuvor auf seine Expansion konzentriere wird. In diesem Fall würde die Aktie zu den aktuellen Kursen sicherlich eine ziemlich attraktive Gelegenheit darstellen. Denkbar wäre allerdings auch eine Dynamik, die den Aufstieg von Wirecard auf Jahre hinaus ausbremst. Kommt es so, dann wäre ein Rückfall auf die Kurse vom Frühjahr 2017, also etwa eine Halbierung, durchaus möglich. Was auch immer passiert, ich werde das Schauspiel weiterhin entspannt von der Seitenlinie aus beobachten.

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