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Interview im EUROPEAN* Warum verteidigen Sie immer die Reichen, Herr Zitelmann?

Gastautor: Rainer Zitelmann
25.03.2019, 18:10  |  2370   |   |   

1. Herr Zitelmann, Sie haben wieder ein viel beachtetes Buch geschrieben, 456 Seiten, fast 800 Fußnoten: „Die Gesellschaft und ihre Reichen“. International, sogar in der „Times“ wurde das Buch besprochen. Ein Buch für Reiche oder doch für Arme, die sich nicht darüber entrüsten sollen, sondern dadurch ihr Leben zu verändern?

 

Zitelmann: Ein Buch für alle, die sich dafür interessieren, wie Sozialneid entsteht.

 

2. Eines Ihrer wissenschaftlichen Themen sind immer wieder die Reichen, sei es deren Psychologie oder nun, mit Umfragen vom Meinungsforschungsinstitut Allensbach und Ipsos MORI untermauert, eine Phänomenologie von Reichen und ihrem Reichtum?

 

Zitelmann: Die Reichtumsforschung ist noch ganz in ihren Anfängen. Da gibt es viel nachzuholen. Es gibt jede Menge wissenschaftliche Arbeiten über Armut, aber nur wenige über Reichtum. Beispielsweise wussten wir wenig über den Zusammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen und finanziellem Erfolg. Das war Thema meiner Dissertation „Psychologie der Superreichen“ http://psychologie-der-superreichen.de/. Und wir wussten wenig darüber, wie Vorurteile über die Minderheit der Reichen entstehen. Die wissenschaftliche Vorurteilsforschung hat sich mit vielen Minderheiten befasst – mit Juden, Schwarzen, Homosexuellen, auch mit Armen –, aber es gab kein großes Werk zum Thema „Vorurteile über Reiche“. Diese Lücke wollte ich mit meinem neuen Buch „Die Gesellschaft und ihre Reichen“ füllen. http://die-gesellschaft-und-ihre-reichen.de/ Ich hoffe, mit meinen Arbeiten andere Forscher anzuregen, denn es gibt noch sehr, sehr viele unerforschte Themen der Reichtumsforschung.

 

3. Der Fokus liegt immer wieder auf den Superreichen und Ihre Argumentation läuft zumeist drauf hinaus, dass sie diese verteidigen? Warum?

 

Zitelmann: Nun ja, meine Bücher sind keine polemischen Verteidigungsschriften, sondern wissenschaftliche Werke und als solche um Objektivität bemüht. Das war als Wissenschaftler schon immer mein Anspruch, von der ersten Dissertation über Hitler bis zum aktuellen Werk zur Vorurteilsforschung. Doch ich nehme Ihren Gedanken auf: Nehmen wir mal an, meine in den vergangenen Jahren erschienenen Bücher würden einen Beitrag zur Verteidigung der Reichen leisten – was wäre daran verkehrt? Sie müssen ja die Ausgangssituation berücksichtigen:

Es gibt jede Menge Ankläger der Reichen. Die Reichen selbst verteidigen sich nicht, und wenn, dann sehr defensiv und ungekonnt, oftmals mit schwachen und untauglichen Argumenten. Da können Reiche von anderen Minderheiten noch eine Menge lernen. Und unter den Sozial- und Geisteswissenschaftlern gibt es überwiegend solche, die Reichtum als Problem sehen. Vergangenes Jahr erschien beispielsweise das Buch des Dortmunder Philosophen Christian Neuhäuser „Reichtum als moralisches Problem“. Er will Reichtum verbieten. Das FAZ-Feuilleton lobte: "Neuhäuser greift mit seinem Buch ein wichtiges Thema auf und verortet es kenntnisreich in der weiteren philosophischen Debatte. Die These, dass ein ökonomisches Auseinanderdriften einer Gesellschaft auch dann ein Problem ist, wenn niemand in existentieller Weise arm ist, überzeugt." Der bekannte Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann ist Marxist und hält auf Einladung der Linkspartei Vorträge, die sich extrem kritisch mit Reichen befassen. Wenn es so viele Ankläger unter den Sozial- und Geisteswissenschaftlern, unter den Journalisten und unter den Politikern gibt, wäre es dann nicht sogar geradezu notwendig und legitim, dass auch mal einer kommt, der eine Gegenposition einnimmt? Selbst einem Mörder gesteht man doch einen Verteidiger zu, weil ein Prozess ohne Verteidiger eben ein Schauprozess ist. Es ist sogar so, dass bei schwerwiegenden Anklagepunkten ein Verteidiger nach der Strafprozessordnung ausdrücklich vorgeschrieben ist, was nicht nur dem Schutz des Angeklagten dient, sondern auch dem Erkenntnisgewinn: denn nur dann ist gewährleistet, dass alle Fakten, und zwar sowohl belastende wie auch entlastende, wirklich vorgetragen werden. Wenn das sogar für Mörder gilt, aber – das schwingt in Ihrer Frage mit – es mit Blick auf Reiche als kritikwürdig gilt, wenn jemand die Rolle des Verteidigers einnähme, dann stellt sich die Frage: Sind Reiche schlimmer als Mörder, so dass sie nicht einmal einen Verteidiger verdienen?

 

4. Bräuchten wir nicht – aufgrund der gravierenden Schere, die sich auch in Deutschland zwischen arm und reich immer mehr auftut ein Buch, das nicht den Reichtum legalisiert, sondern eine Debatte anstößt, wie die Armut zu bekämpfen sei?

 

Zitelmann: Ihre Frage wundert mich: Erstens gibt es jede Menge Bücher zu diesem Thema. Wozu sollte ich ein weiteres hinzufügen? Und eine Debatte über die sogenannte Schere zwischen Arm und Reich wird doch seit Jahren intensiv geführt, die muss ich nicht erst anstoßen. Ich habe mit meinem Buch jetzt eine ganz neue Debatte angestoßen, nämlich über die Sicht auf die Reichen.

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