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Mal was Anderes

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Gastautor: Raimund Brichta
03.04.2019, 23:03  |  516   |   


Zur Diskussion: Ein Satz über Greta Thunberg und die Fliegerei und seine Folgen. 

Heute erreicht mich folgende Zuschauer-Zuschrift:

Sehr geehrter Herr Brichta,

im Zusammenhang mit der Flugleidenschaft der Deutschen, die ja mehrheitlich weiterhin gerne fliegen möchten, erwähnten Sie heute früh auch Greta Thunberg, die ja konsequent auf das Fliegen verzichtet, stattdessen nur Bahn fährt, Mahnwachen für den Planeten Erde abhält und so mit gutem Beispiel vorangeht!
Nicht nur nach meinem Eindruck klang es so, als ob Sie sich über die bewundernswerte Klimaaktivistin lustig machen wollten. Ich sehe jedenfalls in Ihrer Wortwahl einen neuen Tiefpunkt der journalistischen Kultur. Damit haben Sie sich auch als seriöser, ernst zu nehmender Journalist ins Abseits manövriert.
Greta Thunberg und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter sprechen viel vernünftiger als jeder Politiker. Sie prangern Europa- und weltweit zu Recht die eklatanten Defizite der Regierungen in der Umwelt- und Klimapolitik an, gerade auch Deutschland, weil hierzulande bis heute nichts passiert – gemäß dem Motto: Es wird schon irgendwie weitergehen.
Die Schüler, Umweltorganisationen und Bürgerinitiativen fordern vehement einen radikalen Kurswechsel in den ökologisch besonders konfliktträchtigen Ressorts Verkehr, Landwirtschaft, Energie, Raumordnung…usw., um ein Leben erhaltendes Klima, eine intakte Umwelt, sprich die Lebensgrundlagen für künftige Generationen zu bewahren. Das wäre doch auch Ihre Aufgabe, Herr Brichta, nämlich jene der Journalisten! Aber wer Ihren Sender regelmäßig anschaut, wird bald feststellen, daß für Sie oberste Priorität hat, ob die Börsendaten, ob der DAX nach oben zeigt und das so genannte Wachstum die Erwartungen der Wirtschaftsstrategen erfüllt! Materielles Wachstum ist doch aber die Ursache des global stattfindenden Niedergangs der Biodiversität und des rasant vor sich gehenden Klimawandels!
Deshalb müssen allein die Interessen der Menschen – und nicht die der Wirtschaft – in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns gestellt werden. Das sollte sich n-tv einmal hinter die Ohren schreiben!

Freundliche Grüße,
Karl K.

MEINE ANTWORT:

Sehr geehrter Herr K.,

ich freue mich sehr über Ihre Kritik, weil sie zeigt, dass Sie mir auch zuhören. (Das mag Sie vielleicht verwundern. Aber dass Zuschauer auch zuhören, ist gar nicht so selbstverständlich.)

Inhaltlich zeigt mir Ihre Kritik jedoch eine – meiner Meinung nach – gefährliche Tendenz auf: Schon das bloße Erwähnen Gretas und ihrer Einstellung, ohne gleichzeitig zu sagen, dass man sie in ihrem Anliegen unterstützt, wird von Ihnen als „lustig machen“ und als „Tiefpunkt der journalistischen Kultur“ gebrandmarkt. 

Ich halte dies deshalb für eine gefährliche Tendenz, weil sie – gelinde gesagt – eine Unverhältnismäßigkeit aufzeigt. Schärfer formuliert, könnte ich sagen, dass ich Angst vor einer Gleichschaltung der öffentlichen und veröffentlichten Meinung habe. Man hat gefälligst Gretas Aktionen zu unterstützen und dies auch zu betonen, oder man manövriert sich „als seriöser, ernst zu nehmender Journalist ins Abseits“. 

Dabei habe ich Greta nicht einmal kritisiert, sondern nur ihre Totalablehnung der Fliegerei, die sie selbst einer breiten Öffentlichkeit bekannt macht, dem gegenläufigen Trend zu immer mehr (und immer komfortablerer) Fliegerei gegenübergestellt. 

Wörtlich habe ich gesagt: „Nun etwas für alle, die weiterhin gerne fliegen und nicht wie Greta Thunberg nur mit dem Zug fahren wollen.“

Bei der Anmoderation dieses Beitrags, der sich ausschließlich mit den zu erwartenden Neuerungen für Flugpassagiere beschäftigt hat (und zwar völlig unkritisch), hätte ich Greta überhaupt nicht erwähnen brauchen. Ich hätte einfach sagen können: Nun etwas für alle, die gerne fliegen. Punkt. Und niemandem wäre irgendwas aufgefallen, geschweige denn aufgestoßen. Das war mir aber zu unreflektiert. 

Mir war es vielmehr ein Bedürfnis, diesen offensichtlichen Gegensatz zumindest in der Anmoderation zu erwähnen. Und sei es nur, um den Zuschauern bewusst zu machen, dass es zum folgenden Beitrag auch eine ganz andere Sichtweise gibt. Mit der kleinen Bemerkung über Greta habe ich zudem deutlich gemacht, dass wir alle voller Widersprüche sind. Da wird heute Greta zugejubelt und morgen wird trotzdem in den Flieger gestiegen – und ab geht’s sonstwohin.

Durch Ihre Zeilen fühle ich mich sogar bestärkt darin, als kritischer Journalist auch in Zukunft weiter offen solche Gegensätze anzusprechen, ohne sich durch Meinungsmacher – egal aus welcher Richtung – einschüchtern zu lassen. Das ist mein Verständnis journalistischer Kultur.

Hochachtungsvoll
Raimund Brichta


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