Forex-Report Londoner Unterhaus stimmt für Brexit-Aufschub

Gastautor: Folker Hellmeyer
04.04.2019, 11:18  |  1681   |   |   

Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1,1239 (08:00 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1,1215 im US-Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 111,4. In der Folge notiert EUR-JPY bei 125,2. EUR-CHF oszilliert bei 1,12173.     

Die Vernunft siegt im britischen Unterhaus mit einer Stimme Mehrheit bzw. 313 zu 312 Stimmen. So hat heute Nacht das britische Unterhaus eine Gesetzesvorlage gebilligt, die die Regierung zu einem weiteren Brexit-Aufschub verpflichten soll. Abgesegnet werden muss die Vorlage am Donnerstag vom House of Lords, dem britischen Oberhaus. Ob dieses zustimmt, bleibt offen: weder die Regierung noch Labour zusammen mit den Liberal-Demokraten haben eine Mehrheit im Haus inne.  Die Entscheidung wird mit den Stimmen der unabhängigen Mitglieder fallen, die  ca. ein Drittel des Hauses ausmachen. Fest steht, dass eine - wenn auch hauch-dünne - Mehrheit im britischen Parlament sich der Folgen eines Brexits für Großbritannien bewusst ist und sie verhindern will. Mehr aber auch nicht. 

Die Antwort auf die viel gestellte Frage: „was will das UK?“, versuchen May und Corbyn zusammen zu finden. 

Die skeptische Haltung der EU zu einer weiteren Verschiebung ist nicht nur nachvollziehbar, sie sollte sogar konsequent als „Nein“ durchgehalten werden. Die EU hat versucht, Großbritannien in Fairness gehen zu lassen. Im Gegensatz dazu verhält sich das britische Parlament wie ein Student, der immer wieder nach einem neuen Abgabetermin für seine Seminararbeit fragt, weil er der Thematik nicht gewachsen ist. Es ist der Punkt erreicht, an dem Großbritannien aus der EU geworfen gehört. Reisende soll man ziehen lassen, in Ausnahmefällen muss man sie direkt in den Flieger setzen. 

Auf den ersten Blick erscheint diese Haltung hart, aber der aus einer weiteren Mitgliedschaft entstehende Schaden für die EU ist zu hoch.  
Kurzfristig liegt der Schaden darin, dass die politischen Kräfte in der EU durch den Brexit zu lange gebunden worden sind und weiter gebunden werden. Andere wichtige Aufgaben und Reformschritte werden so nach hinten gestellt bzw. vernachlässigt. 
Käme es gar zu einer Teilnahme an den EU-Wahlen, würde ca. die Hälfte der britischen Vertreter in einem Parlament sitzen, das sie per se ablehnen. Ein konstruktives Begleiten hin zu einer politischen Union wäre undenkbar. Auch vor dem Hintergrund der anstehenden Verhandlungen zum Außenhandel mit den USA benötigt Europa einen klaren Fokus und nicht den internen Einfluss von einem Land, das sich Europa nicht zugehörig fühlt. 

Die britische Sichtweise auf den Freihandel und ein Grundvertrauen in die Kräfte des Marktes, geprägt aus der Historie von Adam Smith und David Ricardo, werden uns in der EU fehlen. Ein würdiger Ersatz für das Vertreten marktwirtschaftlicher Positionen ist nicht in Sicht. Innerhalb einer Mannschaft sollten aber alle Spieler für das gleiche Team spielen und spielen wollen. Dieses Team heißt EU. 

Die Handelsgespräche zwischen China und den USA scheinen sich derweil auf die Zielgrade zu bewegen. Fokussiert haben sich die Verhandlungen auf den Abbau des Handelsdefizits zwischen den USA und China, eigentlich eine Strukturaufgabe für die USA. Die Volksrepublik soll dabei u.a. den Kauf von landwirtschaftlichen Gütern, Rohstoffen und Flugzeugen zugesagt haben. Der - verkürzt dargestellt - vereinbarte Tausch von landwirtschaftlichen Erzeugnissen gegen High-Tech Produkte spricht Bände über die Machtverschiebung. Wichtiger für einen Ausgleich ist die Öffnung des chinesischen Marktes im Dienstleistungsbereich, wo die USA ihre Stärken haben. 
Offen geblieben in den Verhandlungen sind die Punkte Eigentumsrechte und Umsetzung der vereinbarten Regelungen. Sobald auch hier eine Einigung erzielt wird, ist nochmals mit einer positiven Reaktion an den Kapitalmärkten zu rechnen. 

Die Rücknahme der Prognose für das Wirtschaftswachstum in Deutschland von 1,8 %  auf 0,8 % seitens der Wirtschaftsinstitute nehmen wir zur Kenntnis. Uns erscheint jedoch eine Auflösung der Unsicherheit im Markt durch eine Lösung im Handelskonflikt mit entsprechenden Aufholprozessen bei den New Orders wahrscheinlich. Positive Auswirkungen auf die deutsche Exportwirtschaft wird das chinesische Konjunkturpaket ab diesem Quartal entfalten. In Teilen werden die konjunkturellen Verluste so wieder aufgeholt. Damit lesen wir die  Nacherzählung der Konjunkturentwicklung in der Zeitung, die zukünftige wird hingegen an den  Kapitalmärkten antizipiert: der DAX liegt in diesem Jahr 13 % im Plus, der EURO STOXX 50 14 % und der S&500 14 %. 

Wem vertrauen Sie mehr, denen, die ihre Prognose mit eigenem Geld hinterlegen oder denen, die Geld für ihre Prognose erhalten?
Datenpotpourri der letzten 24 Handelsstunden:
Europa:
Deutschland: Auftragseingänge Industrie (MoM) im Februar bei -4,2 % (erwartet: 
0,3 %) nach zuvor -2,1 %. 
Deutschland: Markit Einkaufsmanagerindex Dienstleistungssektor im März bei 55,4 % nach zuvor 55,3 %.
Deutschland: Markit Einkaufsmanagerindex Composite im März bei 51,4 % nach zuvor 52,8 %.
Eurozone: Markit Einkaufsmanagerindex Dienstleistungssektor im März bei 53,3 % nach zuvor 52,8 %.
Eurozone: Markit Einkaufsmanagerindex Composite im März bei 51,6 % nach zuvor 51,9 %.
USA:
Markit Einkaufsmanagerindex Dienstleistungssektor im März bei 55,3 % nach zuvor 
56 %. 

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das eine neutrale Haltung in der Währungsrelation EUR/USD favorisiert. Erst ein Ausbruch aus der Bandbreite 1,1100 – 1,1520 eröffnet neue Opportunitäten.                                                                                    
Viel Erfolg!  



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