Seriengründer und Tech-Investor Frank Thelen über das Ende klassischer Börsen und seine Kryptos

12.04.2019, 18:08  |  29102   |   |   

"Deutschland fühlt sich heute so an, als würde es die letzten Tage einer Ära erleben", zitiert "Die Welt" aus der brandaktuellen Titelstory der "Businessweek", die den Titel trägt: "Germany’s Fragile Future". Wir haben bei einem nachgefragt, der sich mit Branchen-Umbrüchen und Zukunftstechnologien auskennt. Der Gründer, Investor und TV-Star Frank Thelen zeigt Türen, hinter denen Anleger und Unternehmer neue Chancen finden könnten.

wallstreet:online: Herr Thelen, als Börsenjournalisten haben wir mal gelernt, dass an der Börse die Zukunft gehandelt wird. Ihre Autobiografie "Startup-DNA" ist ein hoffnungsvolles Hoch auf Zukunftstechnologien. Wie finden Anleger Unternehmen, die in der Zukunft besser abschneiden als aktuell?

Frank Thelen: Als Anleger muss ich mich tiefgreifend mit den Unternehmen und den zugrunde liegenden Technologien auseinandersetzen und hinterfragen, wieso ich an den Erfolg des jeweiligen Unternehmens glaube. Was ist der "unfaire" Vorteil des Unternehmens und wird dieser in Zukunft noch mehr Wert generieren? Gerade in der heutigen Zeit sollte man sich vor kurzweiligen Trends in Acht nehmen, ich verfolge eine langfristige Anlagestrategie. In meinem Buch schreibe ich über den Baukasten der Zukunft, in dem sich Technologien wie Künstliche Intelligenz, Quantum-Computing und die Blockchain (DLT) wiederfinden. Das ich an die Zukunft dieser Technologien und eine sehr hohe Marktkapitalisierung in diesen Bereichen glaube, heißt aber noch lange nicht, dass jedes der aktuell an der Börse notierten Unternehmen im Bereich KI Zukunft hat. Früher oder später wird sich in all diesen Technologien ein, manchmal auch wenige mehrere Marktführer etablieren, die dann langfristig sehr hohe Marktkapitalisierungen erzielen werden.

wallstreet:online: Gesetzt den Fall, deutsche Unternehmer würden in Zukunft nicht die nächste große Welle an technischen Innovationen verschlafen. In welchen Bereichen sehen Sie die besten Chancen, dass in Deutschland wieder ein globaler Tech-Riese erwachen könnte.

Frank Thelen: Deutschland hat hervorragende Ingenieure, deshalb sehe ich z.B. sehr gute Chancen im Bereich der Urban Air Mobility. Mit Lilium und Volocopter hat Deutschland hier bereits zwei sehr starke Player hervor gebracht, Lilium ist nach meinem Kenntnisstand technologisch sogar weltweit führend. Nachdem wir die E-Mobilität auf dem Boden verschlafen haben, würde es mich umso mehr freuen, wenn wir bei der E-Mobilität in der Luft wieder vorne mit dabei wären.

wallstreet:online: Auf jeder Seite Ihres Buch scheint Ihr Drang durch, "aus neuen Technologien neue Produkte zu bauen", wie Sie selbst schreiben. Da Sie zudem ein etablierter, erfolgreicher Investor sind, liegt die Frage auf der Hand: In welchen Technologien stecken für Anleger die meisten Rendite-Chancen?

Frank Thelen: Auch hier verweise ich wieder auf den Baukasten der Zukunft aus meinem Buch. Ich gehe davon aus, dass jede dieser Technologien, allen voran KI, E-Mobilität, 3D-Druck und Robotics, unsere Welt zukünftig maßgeblich verändern werden. Dementsprechend birgt jede dieser Technologien große Chancen - aber mit großen Chancen geht immer auch ein hohes Risiko einher. Wir reden hier über so hochkomplexe Technologien, dass sie nur ein kleiner Teil der Bevölkerung weitestgehend versteht und ein noch kleinerer Teil wirklich inhaltlich begreifen und bewerten kann. Daher ist diese Strategie nur etwas für Anleger, die eine hohe Risikobereitschaft haben und im Zweifel schlimmsten Fall einen Totalverlust verkraften können. Wenn man im Bereich Tech investiert, sollte man immer über mehrere Unternehmen und Märkte wie z.B. USa und China diversifizieren.

wallstreet:online: Spannend ist, dass Sie voraussagen, dass die technologischen Grundlagen für die nächste Welle der Disruptionen bereits da sind. Wo denn?

Frank Thelen: Technische Revolutionen wurden schon immer zuerst im "Labor" fertig entwickelt und es dauerte dann teilweise Jahrzehnte bis Sie von der Masse adoptiert wurden. Das Internet ist hier auch keine Ausnahme. Jetzt haben wir KI, Blockchain, 3D-Druck, E-Transportation und 5G, die alle fertig entwickelt sind. Die große Frage ist: Wer nutzt diese Technologien, um daraus ähnlich erfolgreiche Produkte wie das iPhone zu vermarkten? Nehmen wir z.B. den 3D-Drucker - es wurden bereits die ersten Häuser und Autos gedruckt. Es kann also nicht mehr lange dauern, bis diese Disruption einige Industrien radikal ändert.

wallstreet:online: Sie schreiben an einer Stelle in Ihrer Autobiografie, "vielleicht kommt der zukünftige Weltmarktführer für Prozessoren aus Nano-Materialen aus München?" Inwieweit meinen Sie ein oder mehrere Unternehmen? Können Sie uns bitte ein paar konkrete Hinweise geben?

Frank Thelen: Das war nur ein Beispiel. Es hätte genauso gut Berlin oder Bielefeld heißen können. Tatsächlich haben wir uns zu der Zeit, in der ich das Buch geschrieben habe, ein Startup im Bereich Quantum-Computing angeschaut. Dieses kam allerdings nicht aus München und wir haben letztendlich auch nicht zusammengefunden. Trotzdem wünsche ich mir natürlich, dass der zukünftige Weltmarktführer für Quantum-Computer aus Deutschland oder zumindest Europa kommt. Das wäre ein wichtiger Schritt für unsere wirtschaftliche Position gegenüber den USA und China.

wallstreet:online: Sie sagen in Ihrer Autobiografie das Ende der klassischen Börsen voraus. Das müssen Sie uns bitte erklären.

Frank Thelen: Mit der Blockchain oder besser Distributed Ledger Technologie (DLT) haben wir zukünftig eine Art der Protokollierung und Daten- und Asset-Speicherung, die die klassische Börse schlichtweg überflüssig macht, da sie um ein Vielfaches günstiger und dabei auch noch sicherer ist. Auch hier ist die Technologie schon weitestgehend fertig. Zwar muss an einigen Stellschrauben noch optimiert werden, z.B. ist der Energieverbrauch für eine Transaktion aktuell noch zu hoch, aber ich bin fest davon überzeugt, dass DLTs zukünftig der beste Weg sein werden, um Assets wie Unternehmensanteile, Bonds und andere Daten zu verwalten. Die größte Hürde hier ist aktuell aber nicht die Technologie, sondern die Regulierung. Wir haben 2017 in eine Plattform investiert, auf der Unternehmen auf der Blockchain mithilfe von Smart Contracts günstig und sicher Firmenanteile an Privatanleger veräußern können. Neufund ist vom technischen Stand her betriebsbereit. Was aktuell noch fehlt, ist die regulatorische Einordnung.

wallstreet:online: Sie schrieben in der Mitte des letzten Jahres, dass Sie der Meinung sind, dass Kryptowährungen eine große Zukunft haben. Hand aufs Herz und unter uns: wann haben Sie das letzte Mal ihre Positionen um wie viel in welcher Kryptowährung aufgestockt? Wir verraten es bestimmt nicht weiter.

Frank Thelen: Es stimmt, ich sehe eine große Zukunft in Kryptowährungen aber aktuell ist der Markt aufgrund kurzweiliger Trends und wilder Spekulationen viel zu volatil. Ich halte daher nur etwas Spielgeld in Ether.

wallstreet:online: Stellen wir uns vor, dass ein sehr risikofreudiger Privatanleger einen Batzen Geld übrig hat, den er in vielversprechende Startups, die noch keinen Bankkredit bekommen, aber zurzeit dringend Geld brauchen, investieren möchte. Es ist ihm klar, dass es im Prinzip um alles oder nichts geht. Was sollte er jetzt Ihrer Meinung nach machen?

Frank Thelen: Da kann hoffentlich bald Neufund helfen. Aktuell ist es Privatanlegern ja kaum möglich, in Startups zu investieren. VC ist momentan noch ein closed shop und das wollen wir ändern. Über Neufund können bald auch junge Firmen, die nicht das nötige Kapital für einen IPO haben, Kapital erhalten und auch Privatanleger, die nicht zur VC-Szene gehören, können ihr Geld in Startups investieren - allerdings sollten Sie sich hier über die Risiken bewusst sein. Startup Investments über Portfolien wie z.B. Rocket Internet, Fonds (ab ca. 1 Millionen) oder auch über Neufund sollten immer nur eine Beimischung sein.

wallstreet:online: Sie schreiben, dass Sie und Ihre Kollegen bei "Freigeist" sich eher als leidenschaftliche Co-Founder statt als klassische Investoren sehen. Können Sie unseren Lesern bitte kurz erklären, was einen Co-Founder vom Investor unterscheidet?

Frank Thelen: Ein klassischer Investor unterstützt das Unternehmen in erster Linie mit Kapital und im Idealfall noch mit seiner Erfahrung bei wichtigen, strategischen Entscheidungen. Wir sind gerade in der Anfangsphase sehr tief im operativen Tagesgeschäft der Unternehmen involviert, bauen die Teams mit auf, steigen in die Technik ein, entwickeln eine Vermarktungs- und Kommunikationsstrategie und stellen unser Netzwerk bereit. Unser Team steht im ständigen Austausch mit den Gründern und wir sind zu fast jeder Zeit für sie erreichbar. Deshalb sehen wir uns mehr als Co-Founder denn als klassische Investoren, auch wenn die Entscheidungshoheit natürlich immer bei den Gründern liegt. Das reine "Controlling" liegt uns nicht, wir wollen mit den Gründern zusammen Unternehmen aufbauen.

wallstreet:online: Und zum Schluss wird es – mit Verlaub – privat: Mal ehrlich, es gibt im Geschäftsleben diese Momente, an denen klar wird, dass man in die falsche Richtung läuft. Wie erholen Sie sich von einer weniger erfolgreichen Zeit, wie laden Sie Ihre Batterien danach wieder auf?

Frank Thelen: Bei Startups gehören Verluste natürlich dazu, im Schnitt werden nur drei von zehn Investments letztendlich zu einem monetären Erfolg. Hier liegen wir mit Freigeist aktuell deutlich über dem Durschnitt, wofür ich sehr dankbar bin. Außerdem habe ich das große Glück, mir privat über das Finanzielle keine Gedanken machen zu müssen, was mich zusätzlich entspannt. Es ist also schon eine Weile her, dass ich mich von einem Misserfolg ernsthaft erholen musste. Aber natürlich brauche auch ich mal eine Auszeit von dem Stress und der Geschwindigkeit, mit der ich meine Passions-Themen voranbringen will. Hier fahre ich am liebsten mit meiner Frau ans Meer und treibe Wassersport oder in die Berge zum Snowboarden.

wallstreet:online: Herr Thelen, vielen Dank für das Gespräch!

Frank Thelen ist ein europäischer Seriengründer, Technologie-Investor und eine TV-Persönlichkeit. Seit 1994 gründet und leitet er technologie- und design-getriebene Unternehmen. In seiner Rolle als Gründer und CEO von Freigeist Capital konzentriert er sich auf Investitionen in der Frühphase. Seine Produkte haben über 200 Millionen Kunden in über 60 Ländern erreicht. Frank war der erste Investor in Startups wie Lilium Aviation, Wunderlist, myTaxi, kaufDA und Ankerkraut. 2018 veröffentlichte er mit 42 Jahren seine Autobiografie "Startup-DNA".

Quelle:

Welt

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1 Kommentare

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Kommentare

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13.04.19 13:37:08
Das beste hat Herr Thelen vergessen, wenn man keine Dispokredite benötigt kann man mittlerweile sogar auf eine reguläre Bank verzichten, deren Kunden eh nur von der Bürokratie überwacht werden !

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