DAX+0,57 % EUR/USD+0,32 % Gold0,00 % Öl (Brent)+0,71 %

Vermieter als Heuschrecken Mechanismen der Entmenschlichung

Gastautor: Rainer Zitelmann
14.04.2019, 16:08  |  1424   |   |   

Quelle:  Spiegel 16/2019, S.16

 

Der SPIEGEL bringt auf einer ganzen Seite ein Foto mit einer riesigen kapitalistischen Vermieter-Heuschrecke mit Anzug, Smartphone, goldenen Manschettenknöpfen, goldenen Wohnungsschlüsseln und vor allem riesigen, gierigen Augen.

 

Auf dem Titelcover des SPIEGEL wird die rhetorische Frage gestellt: „Häuserkampf: Wie viel Kapitalismus verträgt der Wohnungsmarkt?“ Im Heft finden sich auf zwei Seiten Geschichten über Schicksale von Mietern, denen übel mitgespielt wurde. Geschichten, die Mitgefühl hervorrufen. Als Kontrast dazu das große Foto von der kapitalistischen Immobilien-Heuschrecke, die auf einem Haus sitzt, auf dem ein Banner angebracht wurde: „Spekulanten stoppen“. Welche Gefühle ruft die entmenschlichende Heuschrecken-Darstellung von Immobilieneigentümern hervor?

Wie wäre die Reaktion, wenn andere Minderheiten der Gesellschaft – z.B. Zuwanderer – in einer ähnlichen Form als abstoßende Tiere dargestellt würden? Zu Recht wäre die Empörung groß. Vor ziemlich genau einem Jahr demonstrierten linke Gruppen in Berlin gegen steigende Mieten. Auf einem Plakat konnte man lesen: „Kill your landlord“, also: „Töte deinen Vermieter!“ Aufreget hat sich darüber kaum jemand. Es sind schließlich nur Heuschrecken. Der Vorsitzende der Immobiliengesellschaft „Deutschen Wohnen“, die im Mittelpunkt der Enteignungskampagne steht, ist fast nur noch unterwegs in Begleitung mehrerer Bodyguards.

 

Ergebnisse der wissenschaftlichen Vorurteilsforschung

In der Vorurteilsforschung weiß man seit Langem, dass Minderheiten wahlweise als Tiere oder Maschinen dargestellt werden. Ergebnisse dieser Forschungen habe ich in meinem Buch „Die Gesellschaft und ihre Reichen“ http://die-gesellschaft-und-ihre-reichen.de/ dargestellt. Hier ein Auszug:

Wissenschaftler untersuchten, wie Menschen andere soziale Gruppen wahrnehmen. Generell neigten wir dazu, Fremdgruppen – im Vergleich zu uns selbst bzw. zur eigenen Gruppe – als weniger menschlich wahrzunehmen. Dabei wird jedoch zwischen zwei unterschiedlichen Wahrnehmungen unterschieden: Es gebe Eigenschaften, die als „menschliche Natur“ („human nature“) bezeichnet werden (diese sind entwicklungsgeschichtlich früher) und solche, die als „einzigartig menschlich“ („uniquely human“) - diese sind entwicklungsgeschichtlich später -  angesehen würden.

Zur menschlichen Natur („human nature“) gehörten danach Merkmale wie:

Neugierig,

freundlich,

lebenslustig,

gesellig,

vertrauensvoll,

aggressiv,

verlegen,

ungeduldig,

eifersüchtig,

nervös.

 

Als „einzigartig menschlich“ („uniquely human”) wahrgenommen würden:

Großzügig,

bescheiden,

organisiert,

höflich,

gründlich,

kalt,

konservativ,

hartherzig,

schroff,

oberflächlich.

 

Fremdgruppen, die stärker mit „human nature“-Eigenschaften verbunden werden, würden im Prozess der Stereotypisierung in die Nähe von Tieren gerückt, während Fremdgruppen, die stärker mit „uniquely human“-Eigenschaften assoziiert würden, in die Nähe von Automaten und Robotern gerückt würden. „Darüber hinaus werden die menschlichen Merkmale in unterschiedlichem Grad mit verschiedenen nichtmenschlichen Gruppen assoziiert: Einzigartig menschliche Züge werden eher mit Robotern als mit Tieren assoziiert und Merkmale der menschlichen Natur eher mit Tieren als mit Robotern.“

Schreibe Deinen Kommentar

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren. Anmelden | Registrieren

 

Disclaimer

Meistgelesene Nachrichten des Autors

Titel
Titel
Titel
Titel