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Was Peter Altmaier nicht versteht Der große Irrtum über Chinas Erfolg

Gastautor: Rainer Zitelmann
15.04.2019, 17:17  |  2048   |   |   

Rainer Zitelmann im Gespräch mit dem Ökonom Zhang Weiying in Peking

Oft wird das chinesische Wirtschaftsmodell als ein ganz besonderer Weg missverstanden, bei dem der große Einfluss des Staates charakteristisch sei. Demnach habe sich in China ein „dritter Weg“ zwischen sozialistischer Planwirtschaft und kapitalistischer Marktwirtschaft als erfolgreich erwiesen. Warum das ein Irrtum ist, erklärte mir der Ökonom Zhang Weiying in einem Gespräch in Peking.

In China ist die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, von 1981 bis heute von 88 Prozent auf ein Prozent gesunken. Niemals in der Menschheitsgeschichte sind in so kurzer Zeit so viele Hunderte Millionen Menschen der Armut entkommen wie in China. Übrigens nimmt gleichzeitig die Zahl der Superreichen stärker zu als in allen anderen Ländern auf der Welt. Jede Woche kamen in den vergangenen Jahren etwa zwei Milliardäre in China neu hinzu. Das ist ein Beleg dafür, wie abwegig der „Nullsummenglaube“ ist, dem Kapitalismuskritiker anhängen: Danach werden Reiche stets auf Kosten der Armen reich. Die Entwicklung in China widerlegt dies eindrücklich.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier wollte uns jüngst die Notwendigkeit einer planwirtschaftlichen „Industriepolitik“ mit dem Hinweis schmackhaft machen, anders könnten Deutschland und Europa im Wettbewerb mit dem chinesischen Modell nicht mithalten. Denn die „Nationale Industriestrategie 2030“, die Altmaier vorgelegt hat, begründete er damit, dass ein "Tätigwerden des Staates" gerechtfertigt oder gar notwendig sein kann, um "schwere Nachteile für die eigene Volkswirtschaft" zu vermeiden. Dies, so Altmaier, sei die notwendige Antwort auf die erfolgreiche Staatswirtschaft Chinas. Ein typisches Beispiel für eine Fehldeutung des ungewöhnlichen Erfolges von China.

Im Westen wird Chinas Entwicklung missverstanden, meinte der chinesische Ökonom Zhang Weiying zu mir bei einem Gespräch in Peking. Der marktwirtschaftlich gesinnte Ökonom ist ein großer Bewunderer von Friedrich August von Hayek ist. Der Professor leitete die Guanghua School of Management an der Peking University und war maßgeblich an den Reformen in China beteiligt: „Viele Menschen im Westen“, sagte er zu mir, „glauben, dass China einen besonderen dritten Weg zwischen Staatswirtschaft und Marktwirtschaft, gefunden habe. Das ist ein großer Irrtum.“

Tatsächlich habe der Staat heute noch einen großen Einfluss in China, aber  das liege nur daran, dass es sich um eine Transformation von einer sozialistischen Staatswirtschaft zum Kapitalismus handelte. In vielerlei Hinsicht ist der chinesische Weg nicht so außergewöhnlich, betont Zhang auch in seinem Buch “The Logic Of The Market”: “Chinas ökonomische Entwicklung ist grundsätzlich identisch mit der in einigen westlichen Ländern, so wie in Großbritannien während der industriellen Revolution, in den Vereinigten Staaten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und in einigen asiatischen Ländern wie Japan und Südkorea nach dem Zweiten Weltkrieg. Sobald Marktmechanismen eingeführt und die richtigen Anreize gesetzt sind, damit Menschen nach Reichtum streben, folgt das Wunder des Wachstums früher oder später.“

Entscheidend war, dass in China das Recht auf Privateigentum legalisiert wurde, die Preise freigegeben und dem Markt eine immer größere Rolle eingeräumt wurde. Der Prozess vollzog sich Schritt für Schritt vom Beginn der 80er-Jahre und fand einen ersten Höhepunkt in der neuen Verfassung von 2004, in der das Privateigentum offiziell anerkannt wurde. Dazwischen gab es viele Zwischenstufen, so etwa Betriebe, die formal staatlich waren, aber faktisch mehr und mehr in den Besitz des Managements übergingen, bis das Management dann irgendwann auch formal Eigentümer der Betriebe wurde. Es wurden zahlreiche Sonderwirtschaftszonen gebildet, die kapitalistischer waren als die meisten westlichen Länder.

Zhang betont, dass dieser Transformationsprozess bis heute nicht abgeschlossen ist und noch viele Reformaufgaben auf eine Lösung warten: “Die staatliche Kontrolle über große Ressourcen und die exzessive Intervention in die Wirtschaft sind der direkte Grund für Günstlingswirtschaft zwischen Beamten und Geschäftsleuten, der Nährboden für Korruption und eine ausgesprochen korrupte Geschäftskultur und beschädigen die Spielregeln des Marktes.“

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Kommentare

Der grosse Irrtum des Artikels besteht darin, eine Welt vorzugaukeln, die es seit 25 Jahren nicht mehr gibt.

Im Westen regieren jetzt naemlich - O-Ton Jimmy Carter und eigentlich fuer jeden Mehrzeller erkennbar - Oligopole mit unbegrenzter Korruption.

D.h. die 'leuchtende' Alternative eines reinen Kapitalismus gegenueber staatlicher mitgelenkter Transformation existiert nicht mehr, das wahrscheinlichste Szenario fuer einen ungelenkten Uebergang Chinas waere dann das russische Beispiel mit historisch singulaerer korrupter Selbstbereicherung durch oligarchische Netzwerke, Verschiebung ungeheuerer Vermoegen ins westliche Ausland und katastrophalsten Konsequenzen fuer die Bevoelkerung.

Wer Marktwirtschaft und Demokratie fordet, muss daher zuerst und vordringlich im Westen ansetzen,. In der Entmachtung der Oligarchen, der Trennung von Oligarchen und Medien, Oligarchen und politischem Einfluss, Oligarchen und internationalen Konzernen, Oligopolen und Monopolen liegt der Schluessel zum Erfolg.

So wie die Dinge nun aus dem Ruder gelaufen sind, ist dies wohl auch nur noch mit Enteignungen zu schaffen.

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