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Financial Times würgt Wirecard-Rallye ab - Was im neuen Artikel steht

Gastautor: Armin Brack M.A.
24.04.2019, 17:50  |  27426   |   |   

Financial Times würgt Wirecard-Rallye ab - Was im neuen Artikel steht

Zufall ist das mit Sicherheit nicht: Mitten in die aktuelle Rallye hinein und einen Tag vor Bekanntgabe der endgültigen Zahlen für 2018 lanciert die Financial Times einen neuen "Enthüllungs"-Artikel. Klar ist: Die Financial Times führt einen persönlichen Krieg gegen Wirecard. Anders ist das Timing der Artikel nicht zu erklären. Alleine diesen Fakt finde ich schon sehr bedenklich für eine Publikation dieser Größenordnung und mit diesem Renommée (zumindest bisher).

Worum genau geht es nun in dem neuen Artikel?

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Im Prinzip ist es die Fortsetzung eines Artikels vom 29. März auf den ich bereits in diesem Video vergangenen Mittwoch eingegangen bin: https://www.youtube.com/watch?v=kzMwWkbi4Rc

Damals ging es um die angeblichen "Problem-Partner" von Wirecard:

Beginnen wir von vorne:

Wirecard trifft häufig auf Online-Geschäfte für die es die Zahlungsverarbeitung nicht übernehmen will bzw. kann. Z.B. weil es keine Lizenz für das betreffende Land hat oder andere Risiken bestehen.

Diese Kunden werden dann stattdessen an so genannte Third Party Acquirer weitergeleitet. Also an Drittfirmen, die die erforderliche Lizenz haben oder bereit sind, die Risiken einzugehen.

Um was für Risiken geht es dabei? Beispielsweise um Zahlungsflüsse bei Firmen, die auf Online-Pornographie und Online-Glücksspiele spezialisiert sind. In diesen Bereichen ist wohl die Zahl der dubiosen Anbieter besonders hoch und die rechtliche Stellung dieser Geschäfte teilweise unklar.

Ein Punkt, den nun die Financial Times aufgedeckt hat, ist, dass die Umsätze mit so genannten Drittfirmen laut der internen Planung von Wirecard für 2018 für rund die Hälfte der Gesamtumsätze verantwortlich waren.

Ganz neue Vorwürfe

Neu im aktuellen Artikel ist nun die Behauptung, dass Wirecard mit drei dieser (angeblich) dubiosen Partner "in den letzten Jahren quasi den ganzen Gewinn erzielt habe". Die Financial Times nennt die Partner "opaque" was übersetzt soviel bedeutet wie "undurchsichtig".

Es geht dabei um Al Alam aus Dubai, PayEasy Solutions aus den Philippinen und Senjo aus Singapur.

Neu ist zudem der Hinweis, dass die wichtigste Einheit CardSystems Middle East kein Audit durchlaufen habe. Das heißt, die Bücher dieser Einheit seien nicht geprüft worden. Das wiederum - so die indirekte Schlussfolgerung - mache die Genehmigung der Bilanzen durch Ernst & Young weniger aussagekräftig.

Was ist dran den Vorwürfen?

Das ist die große Frage.

Wir rätseln ja schon seit geraumer Zeit darüber, wo die hohen Margen von Wirecard herkommen? Unter anderem stand diese Frage auch im Fokus einer ausführlichen Analyse des exzellenten Blogs Finanz-Szene.de. Der Autor ist hier zu keiner schlüssigen Antwort gekommen, warum Wirecard z.B. um den Faktor 4 höhere Margen einfährt als Adyen.

Ich denke, Teil der Lösung des Rätsels sind diese Geschäften mit Drittanbietern, u.a. der Teil der Geschäfte, die mit Porno- und Glücksspielfirmen abgewickelt werden.

Ich hatte schon erwähnt, dass sich diese Anbieter häufig an der Grenze der Legalität bewegen. Vor allem Online-Glücksspiele werden ja auch zur Geldwäsche genutzt.

Damit diese Firmen überhaupt Zahlungsverarbeitungs-Partner bekommen, müssen sie entsprechend höhere Gebühren abdrücken. Normalerweise liegen die ja im Bereich 0,3% der Überweisungssumme. Für die betreffenden Firmen dürften sie aber ein Vielfaches dieser Summe betragen.

Die Frage ist dann, wie viel dieser Gebühren der Drittanbieter einstreicht und wie viel Wirecard? Hier müssen wir spekulieren. Dabei kommt noch ein anderer Punkt ins Spiel: Die Frage, wie unabhängig diese Drittanbieter eigentlich sind? Hier legen die Recherchen der Financial Times nahe, dass es sich bei diesen Drittanbietern um Firmen aus "wirecard-nahen" Kreisen handelt. Im heutigen Artikel heißt es z.B.:

"Al Alam Solutions, ein in Dubai ansässiger Zahlungsabwickler ... 
ist das größte der drei Partnerunternehmen. Wirecard verleiht Kunden an Al Alam 
und erhält als Gegenleistung einen Teil der Bearbeitungsgebühren. Ein ehemaliger Mitarbeiter 
von Al Alam sagte, das Unternehmen habe insgesamt sechs oder sieben Mitarbeiter, 
und "der Chef" sei Oliver Bellenhaus, ein Geschäftsführer von Wirecard.

 

Wirecard stellt zwar klar, dass 1. sämtliche Anbieter in der Branche mit solchen Drittanbietern zusammenarbeiten und 2. der Umsatz mit Firmen aus den heiklen Bereichen Porno und Glücksspiel bei weniger als 10% der Referrals liege und 3. die Bedeutung des Geschäfts mit Drittanbietern sukzessive zurückgehe.

Fakt ist aber wohl, dass der Anteil der Umsätze mit Drittfirmen bei Wirecard mit - geplant - 50% zumindest in 2018 noch ungewöhnlich hoch gewesen ist.

Laut Financial Times verbucht Wirecard zudem die Umsätze, die diese Drittfirmen erzielen, komplett als eigene Umsätze. Intuitiv würde man sagen, dass das nicht richtig sein kann. Denn was sollen dann diese Drittfirmen als Umsätze verbuchen? Intuitiv erschiene es schlüssiger, wenn Wirecard nur die Gebühren, die es von den Drittfirmen verlangt, als eigene Umsätze verbuchen würde.

Warum könnte das ein Problem für Wirecard sein?

Aus zwei Gründen:

1. könnten die Gesamtmargen von Wirecard zurückgehen, wenn das Geschäft mit Drittanbietern zukünftig an Bedeutung verlieren sollte. Und das hat Wirecard ja angekündigt.

2. und das ist eine Spekulation der Financial Times, gibt es wohl Anhaltspunkte dafür, dass es hohe offenen Forderungen von Wirecard gegen diese Drittfirmen gibt. Die Financial Times schreibt konkret, dass lt. einem Snapshot aus dem März 2017 ein Dutzend Firmen Wirecard insgesamt 210 Millionen Euro geschuldet hätten. Wirecard hat dem aber schon stark widersprochen und bezeichnete das als "Teil eines ganzen Pakets von überwiegend falschen und irreführenden Informationen, die die Financial Times wiederholt falsch zitiert" habe.

Meine Meinung:

Ich denke schon, dass die Vorwürfe der Financial Times zumindest bis zu einem gewissen Grad Substanz haben. Ich habe allerdings auch den Verdacht, dass die Financial Times immer wieder aus dem gleichen vorliegenden Datenmaterial "Enthüllungs-Storys" kreiert, die dann als neu vermarktet werden.

Diese Praxis halte ich für bedenklich.

Wie geht es nun weiter?

Ich halte es für gut möglich, dass Wirecard morgen eine Erhöhung der Umsatz- und Gewinnprognose für 2019 meldet und die Aktie dann erneut nach oben durchstartet.

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Hier findet ihr meinen Aktien-Kanal auf YouTube: https://www.youtube.com/results?search_query=aktien+kanal

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