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Deutsches Aktieninstitut Vorstandschefin Bortenlänger: "Ich selbst habe, wie Herr Weidmann, ETFs"

26.06.2019, 12:01  |  12658   |   |   

Christine Bortenlänger, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts, geht im Interview mit der wallstreet:online-Redaktion mit Finanzminister Olaf Scholz hart ins Gericht. Der Staat solle endlich Aktien in die Altersvorsorge einbinden und die Pläne für eine Finanztransaktionssteuer auf Eis legen.

wallstreet:online: Frau Bortenlänger, woran liegt es, dass vielen Deutschen noch nicht klar geworden ist, warum Aktien ein sinnvoller Bestandteil des Vermögensaufbaus und der Vorsorge sind? Mit Verlaub, provokativer: Wieso schaffen es Ihr Institut und andere Pro-Aktien-Lobbyisten nicht, die Vorteile der Aktien-Geldanlage so zu verkaufen, dass es mehr Aktienbesitzer in Deutschland gibt?

Christine Bortenlänger: 2018 ist die Zahl der Aktionäre und Aktienbesitzer in Deutschland um eine Viertelmillion gestiegen, wie unsere jüngsten Aktionärszahlen belegen. Damit sind in Deutschland rund 10,3 Millionen Deutsche in Aktien oder Aktienfonds investiert. Das entspricht 16,2 Prozent der Deutschen, die älter sind als 14 Jahre, also rund jedem Sechsten in Deutschland. Die im internationalen Vergleich eher niedrigen Zahlen spiegeln letztlich die Skepsis der Deutschen gegenüber der Aktienanlage wider.

Doch warum sind die Deutschen so zurückhaltend beim Thema Aktien? Den Deutschen fehlt es vor allem an Erfahrung und Vertrauen. In den Ländern, in den die Aktienquoten hoch sind, sind Aktien in der Regel ein fester Bestandteil der Altersvorsorge. Dort signalisiert der Staat klar, dass Aktienanlagen attraktiv und sicher sind. Unsere Forderung an die Politik ist daher, Aktien in der Altersvorsorge stärker einzubinden, zumal unser Rentensystem ohnehin endlich zukunftsfest gemacht werden muss.

wallstreet:online: Ihr Institut veröffentlicht eine Studie mit dem Titel "Altersvorsorge mit Aktien zukunftsfest machen – Was Deutschland von anderen Ländern lernen kann". Was machen die anderen Länder besser und inwiefern zahlt sich das für die Altersvorsorge in den anderen Ländern konkret aus?

Christine Bortenlänger: Bei einem internationalen Ländervergleich, darunter Australien, Großbritannien und Schweden, haben wir festgestellt, dass alle untersuchten Länder einen wesentlich höheren Aktienanteil in der Altersvorsorge aufweisen als Deutschland. Die in Aktien investierten Rentenbeiträge erwirtschaften in diesen Ländern Erträge von bis zu zehn Prozent jährlich. Da große Teile der arbeitenden Bevölkerung mehr oder weniger verpflichtend in die Altersvorsorge mit Aktien eingebunden sind, kommen den Menschen diese Erträge im Alter zugute und sichern so deren Lebensstandard nach dem Renteneintritt.

Nehmen wir einmal konkret das Beispiel Australien: Im Rahmen der verpflichtenden, betrieblichen Altersvorsorge können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einem simplen und kostengünstigen Standardprodukt für ihr Alter vorsorgen. Das Standardprodukt hat einen hohen Aktienanteil. Personen, die 2006 ins Berufsleben gestartet sind und 40 Jahre lang arbeiten, können im Schnitt mit 330.000 Euro Fondsvermögen zum Renteneintritt rechnen. Nicht überraschend sind die Australier hoch zufrieden mit dieser Lösung.

In Deutschland fehlt mir bei der Politik dagegen der Mut, entschlossen gegen die drohende Rentenmisere vorzugehen. Dabei bietet das Thema enormen gesellschaftspolitischen Sprengstoff. Wir fordern daher, dass die Politik die Altersvorsorge unter Einbeziehung von Aktien neu denkt und neben dem heute dominanten Umlageverfahren ein Ansparverfahren mit Aktien in Deutschland einführt.

wallstreet:online: Sie wehren sich gegen die aktuellen Pläne von Finanzminister Olaf Scholz, den Kauf und Verkauf von Aktien zu besteuern. Wenn es nach Ihnen ginge, welche konkreten Pläne müsste Scholz jetzt verfolgen?

Christine Bortenlänger: Die geplante Aktiensteuer richtet sich gegen zehn Millionen Privatanleger, die die Aktie zum Vermögensaufbau und für die Altersvorsorge nutzen. Statt ein Signal pro Aktie zu senden und die Menschen zu ermutigen, ihr Geld in renditestarke Aktien anzulegen, will die Politik die Aktienanlage jetzt zusätzlich steuerlich belasten. Das lehnen wir entschieden ab.

Unsere Altersvorsorge-Studie belegt, dass Aktien aufgrund der hohen Erträge, die sie erwirtschaften, einen wichtigen Beitrag zum Renteneinkommen der Menschen in den untersuchten Ländern leisten. Auch in Deutschland sollten wir deshalb diesen Weg gehen. Wir fordern daher von Herrn Scholz, dass er die Pläne für eine Finanztransaktionssteuer - in welcher Form auch immer – zu den Akten legt. Stattdessen soll er sich dafür einsetzen, dass Aktien ein fester Baustein der Altersvorsorge in Deutschland werden. Nur so wird es gelingen, dass die immensen Bundesmittel, mit denen die gesetzliche Rentenversicherung heute schon subventioniert wird, bis 2020 nicht auf 110 Milliarden Euro ansteigen.

wallstreet:online: Schauen wir uns die Aktie als Teil des Vermögensaufbaus und der Vorsorge genauer an. Könnten Sie unseren Lesern bitte anhand von konkreten Beispielen darstellen, was Aktien leisten können?

Christine Bortenlänger: Aktien sind Anteile an Unternehmen und in Deutschland sowohl für Unternehmen als auch für Anleger von großer Bedeutung. Durch den Gang an die Börse und die Ausgabe von Aktien können Unternehmen, ihre Investitionen und unternehmerischen Innovationen finanzieren. Aktienanleger profitieren von erfolgreichen, innovativen Unternehmen, weil sie über die Dividendenzahlungen am Gewinn der Unternehmen beteiligt sind. Darüber hinaus haben die Aktionäre über den steigenden Aktienkurs an den wirtschaftlichen Erfolgen der Unternehmen teil.

Wer beispielsweise in der Vergangenheit zwanzig Jahre lang, monatlich 50 Euro in den Deutschen Aktienindex investiert hat, konnte sich im besten Fall am Ende über 76.140 Euro (16,1 Prozent jährliche Erträge) freuen. Aber auch wenn es schlecht lief, wurden aus den investierten 12.000 Euro immerhin noch 19.612 Euro (4,7 Prozent jährliche Erträge). Welches Sparbuch oder Tagesgeld kann da mithalten? Welche Ertragschancen Aktien bieten, lässt sich besonders leicht an unseren DAX-Rendite-Dreiecken nachvollziehen, die mit ihren einigen wenigen roten (negative) und ansonsten fast ausschließlich grünen (positiven) Feldern die Ergebnisse der Aktienanlage der vergangen 50 Jahre widerspiegeln.

wallstreet:online: Werden wir zum Schluss noch konkreter, ohne Sie nach expliziten Aktientipps zu fragen. Aber vielleicht könnten Sie uns verraten, welche Wertpapierbausteine Sie für jeden Sparer bzw. auch für sich selbst als sinnvolle Anlageobjekte erachten? Bundesbankpräsident Jens Weidmann z.B. hat zwei ETFs in seinem Depot.

Christine Bortenlänger: Wer mit dem Aktiensparen anfängt, ist mit Aktienfonds beziehungsweise Aktien-ETFs (Exchange Traded Funds) auf jeden Fall gut beraten. ETFs auf Aktien bilden in ihrer Zusammensetzung den Index ab, auf den sie sich beziehen, wie beispielsweise den DAX, MDAX oder auch auf europäische Indizes wie den EuroStoxx. Fondsmanager von aktiv verwalteten Aktienfonds, arbeiten dagegen mit eigenen Investmentstrategien. Beide Formen zeichnen sich in der Regel durch eine breite Streuung des Anlagevermögens in Aktien aus. Darüber hinaus bieten sie Anlegern in Form von Sparplänen die Möglichkeit, mit kleinen Geldbeträgen regelmäßig in Aktien zu investieren. Auch hier gilt unser Credo: Vermögensaufbau gelingt durch langfristiges Sparen und möglichst breit gestreute Anlagen am besten. Ich selbst habe, wie Herr Weidmann, ETFs. Meine beziehen sich auf deutsche Aktien oder sogar auf Aktien aus der ganzen Welt. Aber ich bin auch in einige Aktien direkt investiert, von denen ich glaube, dass ihr Geschäftsmodell in der Zukunft gut performt.

wallstreet:online: Frau Bortenlänger, vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Christoph Morisse.

Kurzvita von Frau Dr. Christine Bortenlänger Geschäftsführender Vorstand, Deutsches Aktieninstitut e.V.:

Seit September 2012 ist Dr. Christine Bortenlänger Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium und Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München war sie zunächst bei einer Bank und einer Unternehmensberatung tätig. 1998 begann sie als stellvertretende Geschäftsführerin bei der Börse München. Im Jahr 2000 wurde sie zum Vorstand der Bayerischen Börse AG und Geschäftsführerin der öffentlich-rechtlichen Börse München berufen.

Bortenlänger ist Aufsichtsratsmitglied bei Covestro, MTU Aero Engines AG, OSRAM und TÜV Süd sowie Mitglied des Börsenrates der Frankfurter Wertpapierbörse. Ehrenamtlich ist sie u.a. aktiv im Beirat der Schmalenbach-Gesellschaft, im Kuratorium des ifo Instituts und als Mitglied des geschäftsführenden Präsidiums des Wirtschaftsbeirats Bayern.

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Kommentare

@ClausSch na, sie hätte auch "Aktien-Fonds" oder andere konstrukte rund um aktien nennen können. oder sie hätte auch "kein kommentar" geben können. les ich doch gerne was die so im depot hat.

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