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Mehr Meinungen zu Christine Lagarde: „Das längerfristige Bild ist eher beunruhigend“

Nachrichtenquelle: DAS INVESTMENT
04.07.2019, 10:12  |  1177   |   |   
Bei einigen Gesellschaften hat es etwas länger gedauert, die Gedanken zu sammeln und zu Email zu bringen. Das tut der Qualität jedoch keinen Abbruch, weshalb wir hier weitere Kommentare aus der Finanzbranche zu Christine Lagarde als EZB-Chef-Kandidatin bringen, die bei uns seitdem hereinflatterten.Maya Bhandari, Portfoliomanagerin für Multi-Asset bei Columbia Threadneedle
Die Nominierung von Christine Lagarde als EZB-Präsidentin signalisiert Kontinuität. Damit ist das Risiko vom Tisch, dass mit Jens Weidmann jemand ernannt wird, der für eine straffere geldpolitische Richtung steht. Unsere Erwartungen an die europäische Geldpolitik bleiben somit unverändert: ein Lockerungspaket inklusive eines geringeren Einlagensatzes und der Wiederbelebung vom Quantitative Easing bis zum Jahresende sind wahrscheinlich.
Der Hintergrund von Christine Lagarde sowie der politische Ablauf ihrer Nominierung lassen vermuten, dass unter ihrer Präsidentschaft ein stärkerer Fokus auf Themen wie einer koordinierten Fiskalpolitik und Bankenunion liegen wird. Gleichzeitig dürften andere Protagonisten, wie Chefvolkswirt Philip Lane, Kontinuität im geldpolitischen Rahmen sicherstellen.
Andrew Bosomworth, Leiter Portfoliomanagement bei Pimco in Deutschland
Christine Lagarde könnte als EZB-Präsidentin eine stärkere fiskalische Perspektive in die Geldpolitik einbringen, und das zu einem kritischen Zeitpunkt. Sollte die nächste Rezession anbrechen, so wird die EZB nicht nur vor der Herausforderung stehen, welche Instrumente ihr überhaupt noch zur Verfügung stehen, sondern auch vor der Frage nach der Wirksamkeit dieser Instrumente. Eine stärkere fiskalische Perspektive könnte sich etwa in der Form manifestieren, dass die EZB weiterhin staatliche Anleihe-Emissionen durch Käufe am Sekundärmarkt unterstützt. Lagarde hat sich zudem in der Vergangenheit dafür ausgesprochen, dass die EZB an ihrer akkommodierenden Marschrichtung festhält. Auch die Vorschläge des IWF für ein symmetrisches und vereinfachtes Inflationsziel könnten ein Hinweis sein auf ihren möglichen Fokus an der Spitze der EZB.
Paul Diggle, Senior-Volkswirt bei Aberdeen Standard Investments
Der EZB-Präsident musste stets die nationalen Regierungen beschwichtigen, um etwas zu erreichen, und Mario Draghi war darin immer gut. Christine Lagarde ist wahrscheinlich die einzige Kandidatin, die noch geschickter ist als Draghi.
Dass die Wahl auf Lagarde gefallen ist, sagt viel über die Situation aus, in der sich Europa befindet: Man will jemanden mit perfekten staatsmännischen Fähigkeiten für eine geldpolitische Aufgabe ernennen. Das ist nicht unbedingt eine schlechte Sache. Lagarde ist keine formal ausgebildete Ökonomin, verfügt aber über eine enorme Erfahrung. In den eher technischen Aspekten des Jobs wird sie von Chefökonom Philip Lane unterstützt.
Investoren jubeln über ihre Nominierung, weil sie denken, dass so neue Impulse wahrscheinlicher werden. Und es könnte so kommen. Sie ist pro monetären Stimulus und insbesondere pro QE. Der IWF hat auch die von ihr überwachten negativen Zinsen weitgehend unterstützt, obwohl man sich des Risikos einer finanziellen Destabilisierung bewusst war, das übermäßig negative Zinsen auch mit sich bringen.
Die Bewegungen an den Finanzmärkten sind eine allgemeine Reaktion darauf, dass sie als gemäßigt wahrgenommenen wird. Aber ihre Nominierung wird kurzfristig keinen großen Einfluss auf die Politik der EZB haben. Die Rally der europäischen Anleihenmärkte wurde bereits durch die Überzeugung ausgelöst, dass Mario Draghi eine Zinssenkung und QE vorbereitet. Als gemäßigte Kandidatin hat Lagardes Nominierung nur das Feuer angeheizt.
Was die Rallye an den Märkten ignoriert, ist die Herkulesaufgabe, vor der Lagarde steht. Zinssenkungen und mehr QE werden die Aktien- und Anleihemärkte vorerst stützen. Es wird den europäischen Banken eine Gnadenfrist einräumen und den Unternehmen helfen, die Kreditkosten niedrig zu halten.
Das längerfristige Bild ist jedoch eher beunruhigend. Die EZB hat nur sehr wenig Spielraum, die Zinsen sinnvoll zu senken, und es wird nur begrenzte Gewinne aus dem Neustart von QE geben. Was Europa wirklich braucht, ist, dass die Regierungen die fiskalischen Impulse, tiefgreifende Strukturreformen und die weitere europäische Integration fortsetzen. Jeder weiß das, und Mario Draghi selbst hat Jahre damit verbracht, die Botschaft endlos zu wiederholen, größtenteils ohne Erfolg.
Europäische Politiker werden die Botschaft von Mario Draghi gehört haben, sind aber von ihr weitgehend ungerührt geblieben. Die Ironie ist also, dass sie nun eine Kandidatin nominieren, die mit ihren spezifischen Kompetenzen versuchen wird, sie dazu zu bringen, Maßnahmen zu ergreifen, die sie offensichtlich nicht umsetzen wollen. Bonne Chance, Madame Lagarde.
Michael Browne, Co-Manager des Legg Mason Martin Currie European Absolute Alpha
Die Nominierung von Christine Lagarde – und die von Ursula von der Leyen als neue Kommissionspräsidentin der EU – haben das Risiko eines harten Brexit deutlich verschärft. Bei beiden Nominierungen schwingt ein Beigeschmack mit, nämlich dass Europa nicht integriert genug sei und man deshalb mehr tun müsse. Und meiner Meinung nach wird Großbritannien das erste Land sein, dass diese These zu spüren bekommt, wenn es die Brexit-Bedingungen erneut verhandeln will. Es sieht nach einem Schulterschluss aus.
Ein ähnliches Konfliktpotenzial gibt es mit Blick auf die populistischen Politiker in Europa. Sie haben sich bei der letzten Europawahl gut geschlagen und werden nun eindeutig gemieden. Sowohl Italien als auch die osteuropäischen Länder haben im Poker um die Top-Jobs und damit an Einfluss verloren. Hier schwelen Konflikte und aus unserer Sicht ist das Risiko einer erneuten italienischen Schuldenkrise in den kommenden fünf Jahren groß.
Natürlich müssen beide Nominierungen noch durch das EU-Parlament. Und auch hier könnte es zu deutlichem Unmut der führenden politischen Parteien kommen, die mit dem Ende des Spitzenkandidaten-System unzufrieden sind, bei dem die größten Parteien im Parlament ihre Kandidaten für die Positionen ernennen können. Auch von den Populisten ist ein gewisses Ressentiment zu erwarten. Sie werden dafür über die Position des Parlamentschefs entscheiden – die eine Position, die noch in ihrem Einflussbereich ist.
Andreas Billmeier, Analyst für Staatsanleihen bei der Legg Mason-Tochter Western Asset Management
Mit Christine Lagarde würde ein weiterer fähiger Kommunikator und Krisenmanager an der Spitze der EZB sitzen. Ihr bisheriger Werdegang als französische Finanzministerin könnte ihr dabei helfen, wo es sinnvoll ist, ihre ehemaligen Amtskollegen geschickt zu einem expansiveren finanzpolitischen Kurs zu bewegen. Das würde die finanzpolitische Bürde der EZB reduzieren – ein Punkt, den auch Draghi in jüngster Vergangenheit immer wieder gemacht hat.
Aus finanzpolitischer Sicht gehen wir davon aus, dass Lagarde den gemäßigten Kurs beibehält. Und mit Sicherheit würde sie sich einer Wiederaufnahme des Wertpapieraufkaufprogramms nicht verweigert, sollte die Not hierfür (noch) deutlicher werden. Wir hoffen, dass ihr Defizit mit Blick auf institutionelle Kenntnisse – Duisenberg, Trichet und Draghi haben zuvor alle nationale Zentralbanken geleitet, bevor sie EZB-Präsident wurden, und kannten die europäischen Prozesse und das Prozedere daher – nicht zu einer stärker ausgeprägten Volatilität in der Kommunikation führen wird.
Dieses Risiko könnten wir gerade in der frühen Amtsperiode von Jerome Powell bei der amerikanischen Notenbank beobachten.
Francis Scotland, Portfoliomanager und Co-Direktor für globale Makro-Analyse bei der Legg Mason-Tochter Brandywine Global
Sehr bald schon könnten Juristen die drei großen Zentralbanken der Welt leiten: die Bank of Japan, die Federal Reserve und nun mit der Nominierung von Christine Lagarde auch die EZB. Ist das etwas Gute oder Schlechtes? Ist einen Juristen zu fragen, die Geldpolitik zu verantworten, vergleichbar damit, einen Volkswirt zu fragen, Richter am Obersten Gericht zu werden? Es bleibt abzuwarten, welche Neigung die europäische Geldpolitik künftig bekommen wird.
Kuroda läuft im Windschatten von Premier Abe und hat die Hälfte der japanischen Schulden aufgekauft. Draghi hat Trichets straffe Geldpolitik umgekehrt und mit dem Aufkauf von Staatsanleihen die Verfechter des harten Geldes durch den Kakao gezogen. Powell hatte den Weg einer Normalisierung bereits abgeschrieben, bevor er von den Märkten Ende 2018 gedemütigt unterworfen wurde. Lagarde saß bisher an der Spitze einer Organisation, die im Gegenzug für finanzielle Rettung eine finanzpolitische Nüchternheit von den Ländern verlangen konnte. Sie könnte also zum Florett für die modernen geldpolitischen Theoretiker werden, die unermüdliche Staatsausgabe fordern, die dann mittels Gelddruckmaschine finanziert werden müssen.
Mark Holman, Geschäftsführer von Twenty-Four Asset Management
Die europäischen Anleihenmärkte können aufatmen, nachdem bekannt wurde, dass Christine Lagarde als neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) die Nachfolge von Mario Draghi im Oktober antreten wird.
Grund zur Erleichterung gibt es jedoch weniger deshalb, weil nun feststeht, wer künftig an der Spitze der EZB steht, sondern vielmehr, weil klar ist, wer das Ruder nicht übernimmt. Bundesbankchef Jens Weidmann galt als einer der Spitzenkandidaten für den Posten. Während Draghi in Erinnerung bleiben wird, weil er versprochen hat, "alles zu tun, was nötig ist", um den Euro zu stützen, wird Weidmann als erbitterter Verhinderer einiger von Draghis Strategien in die Geschichte eingehen. Zur Erinnerung: Das erste Mal wurde in der Eurozone mit quantitativer Lockerung (QE) geliebäugelt als die sogenannten Outright Monetary Transactions, kurz OMTs, ins Auge gefasst wurden. Zwar wurden sie nie genutzt, gaben den Märkten aber viel Stabilität in schwierigen Zeiten. Es war Weidmann, der dieses Programm so vehement ablehnte, dass er bis vor das deutsche Verfassungsgericht zog, um seine Rechtmäßigkeit anzufechten. Zum Glück ist er mit seinem Vorhaben gescheitert. Eine EZB unter Jens Weidmann hätte in schwierigen Marktphasen immer Schwäche signalisiert, was weitere Angriffe auf den Euro wahrscheinlicher gemacht hätte.
Und was ist mit Christine Lagarde? Sie wird die erste Frau an der Spitze der EZB sein und ist zugleich auch die erste Person, die von Beruf kein Ökonom bzw. keine Ökonomin ist. Natürlich begrüßen wir den Geist der Geschlechtervielfältigkeit in den Reihen einer der europäischen Führungsinstitutionen. Als noch bemerkenswerter erachten wir jedoch, dass eine Politikerin mit einem beeindruckenden Lebenslauf eine noch bessere Arbeit leisten könnte als ein Ökonom. Die EZB hat ohnehin schon genügend kompetente Ökonomen. Braucht sie wirklich noch einen mehr?
Mario Draghi wird dagegen nicht als großer Ökonom in die Geschichte eingehen, sondern vielmehr wegen seines politischen Verstandes, der mit großer Entschlossenheit dazu beigetragen hat, den Euro zu bewahren. Das sind Fähigkeiten, die Christine Lagarde ebenfalls in ihren Rollen im französischen Finanzministerium und als Vorsitzende des Internationalen Währungsfonds (IWF) erworben hat. In ihrer letzten Amtszeit im IWF appellierte sie wiederholt an die Nationen, mehr dafür zu tun, um ihre Volkswirtschaften anzukurbeln, entweder durch Geldpolitik, Fiskalexpansion oder Strukturreformen. Es ist zwar schwierig, sie an dieser Stelle als dovish oder hawkish zu bezeichnen, da sie noch keine klare geldpolitische Stellung bezogen hat. Allerdings haben wir den Eindruck, dass sie weiterhin, wie ihr Vorgänger auch, Vorsicht walten lassen wird – was die Märkte begrüßen würden.
Wir wünschen ihr alles Gute in ihrer neuen Rolle und freuen uns auf die Eröffnungspressekonferenz im vierten Quartal.
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