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„WER SEHEN WILL, DER SIEHT“

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Gastautor: Raimund Brichta
15.07.2019, 20:47  |  560   |   

Der Ärger über die Negativzinsen wächst. Auch immer mehr Journalistenkollegen empören sich über die Notenbanken, denen sie die Schuld daran geben.

Heute zum Beispiel der Kollege Gabor Steingart. „Wer sehen will, der sieht“, schreibt er in seinem Morning Briefing, in dem er Politikern und Notenbankchefs vorwirft, die zurückliegende Finanzkrise zu bekämpfen, indem sie die nächste vorbereiten. Ein imaginäres „schwarzes Loch“ drohe die Guthaben der Sparer zu verschlucken, wenn nicht gegengesteuert werde.

Die eine Seite der Analyse ist durchaus richtig. Die andere aber nicht. Denn wie andere Kritiker übersieht auch Steingart, dass genau jene Guthaben der Sparer ein wesentlicher Teil des Problems sind – nicht nur ein Opfer. Sparguthaben und Schulden sind zwei Seiten derselben Medaille. Jedem Guthaben steht eine Schuld gegenüber. Beide tragen gleichermaßen dazu bei, dass unser Finanzsystem dem schwarzen Loch entgegendriftet. Und die Aufgabe der Politiker und Notenbankchefs besteht darin, den Aufprall so lange wie möglich hinauszuzögern.

Steingart schreibt:

► Mittlerweile sind 25 Prozent der weltweiten Staatsschulden mit Negativzins versehen, womit die Staaten einen echten Anreiz erhalten, die Verschuldung weiter in die Höhe zu treiben, was sie auch tun.

Das ist eine einseitige Betrachtung. Auf der anderen Seite sind nämlich Negativzinsen ganz und gar kein Anreiz für Sparer, ihre Ersparnisse in die Höhe zu treiben. Sie tun sie es aber trotzdem. Denn in gleichem Maße wie die Schulden steigen, steigen auch die Geldvermögen.

Tatsächlich werden sowohl Schulden als Geldvermögen seit jeher stets in die Höhe getrieben – unabhängig davon, ob es Negativzinsen gibt.

Im Übrigen sind diejenigen Staaten, die von Negativzinsen profitieren wie Deutschland und die Schweiz, noch das geringere Problem. Sie treiben ihre Schulden viel weniger in die Höhe als andere. Gerade deshalb sind sie unter Sparen so heiß begehrt.

Steingart schreibt weiter:

► Der deutsche Staat beispielsweise zahlt kein Geld mehr für seine Schulden, sondern bekommt welches dazu: zwei Euro pro 1000 Euro, die ihm über zehn Jahre geliehen werden. Die Investoren sind angesichts der zu erwartenden Turbulenzen an den Finanzmärkten schon froh, wenn sie mit dieser Art Depotgebühr davonkommen.

Die zu erwartenden Turbulenzen an den Finanzmärkten sind aber keine Folge der Negativzinsen. Die Turbulenzen kommen sowieso. Die Negativzinsen sind allenfalls ein Vorbote.

Steingart schreibt weiter:

► Die Sparer andererseits werden für die Bereitstellung des Sparkapitals nicht mehr länger belohnt, sondern bestraft. Weil die Renditen für Spareinlagen unter der Inflationsrate liegen, kommt es zur finanziellen Regression, also der Verdampfung von Geldvermögen. Schon ein Nominalzins auf Spareinlagen von 0,3 Prozent führt bei einer Inflationsrate von 1,6 Prozent zu einem Realzins von minus 1,3 Prozent.

Dass Sparer nicht mehr belohnt werden, liegt ganz einfach daran, dass sie inzwischen so viel Geld angehäuft haben. Damit ist das Angebot an Geldvermögen so groß, dass der Preis dafür sinkt. Und der Preis fürs Geld ist der Zins. So einfach ist das. Wer als Schuldner bei den Sparern besonders begehrt ist, kann es sich sogar leisten, Parkgebühren dafür zu verlangen.

Fazit: Nur wer sehen kann, der sieht.


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