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Interview Jim Cielinski: "Wir stehen an einem geldpolitischen Wendepunkt" - Seite 2

Gastautor: w:o Gastbeitrag
23.07.2019, 12:02  |  2217   |   |   

 

Nach meinem Eindruck ist man in Fed-Kreisen tatsächlich beunruhigt darüber, dass die eigenen Modelle schlichtweg nicht funktionieren. Wenn die herkömmlichen, auf der Phillips-Kurve basierenden Modelle korrekt wären, hätten die USA im letzten Jahr eine höhere Inflationsrate haben müssen. Ein abnehmendes Vertrauen in diese Modelle hat die FOMC-Mitglieder veranlasst, sich schnell von alten Vorstellungen zu lösen. Das ist eine bedeutende Veränderung, und wir stehen an einem geldpolitischen Wendepunkt. In fast allen Industrieländern setzen die Notenbanken wieder auf einen expansiveren Kurs.

 

Normalisierung der Geldpolitik – ist dieses Ziel gestorben?

 

Von einer Normalisierung, wie wir sie uns bisher vorgestellt haben, kann sicher keine Rede mehr sein. Im vergangenen Jahr gelang es fast keiner Notenbank, die Zinsen deutlich über die Null-Prozent-Marke zu hieven. Und die wenigen, die das schafften, mussten schnell feststellen, dass ihr Spielraum nach oben viel enger war als geglaubt. Die Möglichkeit einer Normalisierung zum jetzigen Zeitpunkt, an dem der reale Gleichgewichtszins so niedrig ist, stellt die Wirksamkeit der klassischen Methoden der Geldpolitik in Frage.

 

Wir befinden uns wieder im Konvergenzmodus – die meisten großen Notenbanken stoßen ins gleiche Horn. Für kurze Zeit, nämlich als die Fed mit Zinserhöhungen begann, schien Divergenz angesagt zu sein. Anders als gewohnt gelang es jedoch keiner Notenbank, dem US-Beispiel in nennenswertem Umfang zu folgen. Jetzt, wo alle wieder im Lockerungsmodus sind und Konvergenz die Situation zutreffend beschreibt, fragen Beobachter zu Recht, was die Notenbanken im Fall eines deutlichen Konjunktureinbruchs zu tun gedenken.

 

Der erste Schritt dürfte der Griff in die gleiche Trickkiste sein wie beim letzten Mal, sprich quantitative Lockerung, Negativzinsen, Ankauf von Unternehmensanleihen und Pfandbriefen. Allerdings dürften diese Maßnahmen beim erneuten Gebrauch weniger Wirkung zeigen, und die Spielräume der Notenbanken sind begrenzt. Man sollte vor diesem Hintergrund anfangen zu fragen, welche geldpolitischen Schritte sonst noch denkbar wären. Richtungswechsel in der Geldpolitik können erheblichen Einfluss auf die Vermögenspreise haben – für die Börsen gehören sie oft zu den wichtigsten Ereignissen überhaupt. Um eine optimale Wirkung zu erzielen, wird die Haushaltspolitik die Maßnahmen der Notenbanken flankieren müssen. Die Politik wird sich dadurch vor Herausforderungen gestellt sehen. In Europa beispielsweise könnten die Probleme in Gestalt des wachsenden Einflusses populistischer Strömungen noch verstärkt werden.

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