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Nullsummenglaube Sind die Reichen reich, weil die Armen arm sind?

Gastautor: Rainer Zitelmann
05.09.2019, 07:00  |  1446   |   |   

Viele Menschen glauben, dass die Welt so funktioniert, wie das Bertolt Brecht in seinem Gedicht zum Ausdruck brachte:

„Reicher Mann und armer Mann

standen da und sah’n sich an,

und der Arme sagt bleich:

Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

Der Reiche ist reich, weil er dem Armen etwas genommen hat – für Menschen, die so denken, ist das Wirtschaftsleben ein Nullsummenspiel, so wie beim Tennis, wo einer verlieren muss, damit der andere gewinnt.

 „Lasst einige zuerst reich werden”

Obwohl dieses Denken sehr verbreitet ist, ist es grundfalsch. Ein Beispiel dafür ist die erstaunliche Entwicklung in China in den vergangenen vier Jahrzehnten. Niemals in der Geschichte sind in so kurzer Zeit so viele Menschen bitterer Armut entronnen wie in China. Nach Angaben der Weltbank betrug der Prozentsatz extrem armer Menschen in China 1981 noch 88,3 Prozent. 1990 war die Zahl bereits auf 66,2 Prozent gesunken, und 2015 waren nach den Daten der Weltbank nur noch 0,7 Prozent der Chinesen extrem arm. Die Zahl der Armen sank in China in diesem Zeitraum von 878 Millionen auf unter zehn Millionen.

Diese ganze Entwicklung begann mit den ökonomischen Reformen von Deng Xiaoping. Er gab die Leitlinie aus: „Lass einige zuerst reich werden.“ In den folgenden Jahrzehnten wurde das Privateigentum an Produktionsmitteln erlaubt, der Einfluss des Staates in der Wirtschaft wurde im Vergleich zur Zeit von Mao Zedong zurückgedrängt. Überall in China entstanden kapitalistische „Sonderwirtschaftszonen“.

Während es zu Maos Zeiten keine Milliardäre in China gab, war die Zahl dank dieser kapitalistischen Reformen bis zum Jahr 2010 auf 64 gestiegen. Heute gibt es 324 Milliardäre in China, ohne die 71 Milliardäre mitzurechnen, die in Hongkong leben. In keinem Land der Welt – außer in den USA – gibt es heute mehr Milliardäre als in China. Nach der Nullsummentheorie wäre diese Entwicklung gar nicht zu erklären. Der starke Rückgang der Zahl der Armen und der starke Anstieg der Zahl der Milliardäre sind nur zwei Seiten derselben Medaille.

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4 Kommentare

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Kommentare

Interessant ist ja vor allem, dass Zitelmann fuer seine These das Beispiel Chiona heranzieht bzw. heranziehen muss.

Grund ist natuerlich der, dass die Analyse im "Mutterlaend des Kapitalismus", den USA, nicht mehr zutreffen wuerde. Dort fand eine massive Umverteilung statt, der fuer einen erheblichen Teil der Bevoelkerung mit einem z.T. katastrophalen Abstieg verbunden war.

Ursache ist natuerlich, dass die USA keine demokratische Marktwirtschaft mehr ist, sondern ein Oligarchie mit laut Jimmy Carter "grenzenloser Korruption".

Offensichtlich gibt es "im real existierenden Kapitalismus" derzeit nur 2 Modelle, die wirklich breiten Wohlstand foerdern:

1. der staatlich betreute Kapitalismus wie in China oder Russland

2. ein demokratischer Kapitalismus ohne Oligarchen, d.h. wo zentrale Insitutionen wie Medien oder Parteien so aufgestellt sind, dass sie nicht von Einzelpersonnen oder Special Interest Gruppen kontrolliert werden koennen.
Der Reichtum einzelner Personen ist nicht nur die Armut anderer Personen, sondern auch die Verschuldung der Staaten.
Dies erklärt auch warum die Durchschnittliche Armut in China sank.
Am Schluss ist es aber doch immer noch ein Nullsummenspiel.
Korrelation ist nicht Kausalität.

Die viel spannendere Frage ist doch, ob ein kapitalistisches System ueberhaupt Milliardaere braucht.

Umgekehrt ist schon mal klar, dass kein Mensch mehr als ein paar, sagen wir mal 10 Millionen Euro braucht, um fuer sich und seine Familie fuer alle Zeiten ausgesorgt zu haben.

Was bringen uns aber Milliardaere, Menschen die teilweise mehr Vermogen besitzen als ganze Staaten?

Vor allem Negatives.

Milliardaere koennen mit ihrem Vermoegen Medien und Politik kaufen. Oligarchien entstehen. Die USA ist mittlerweile ein Oligarchie und nicht nur die.

Kleine und mittlere Unternehmen sind in Deutschland Innovations und Beschaeftigungstreiber. Die Dickschiffe von Milliardaeren aehneln eher Staatsbetrieben oder Monopolen.

Milliardaere koennen und muessen Milliarden anlegen. Aktuell horten Milliardaere Cash. Oder kaufen ganze Immobilienmaerkte leer, was Wohneigentum fuer gewoehnliche Arbeitnehmer unerschwinglich macht.

Die grosse Umverteilung von Sparern und Vollzeitarbeitenden hin zu den 1% war Folge der viel zu niedrigen Zinsen und der nachfolgenden Assetpreisinflation seit Clinton/ Greenspan.

Eine Rueckkehr zu marktwirtschaftlichen Zinsen ist wegen der Verschuldung von Staaten, Unternehmen und vielerorts auch Verbrauchern nicht mehr moeglich.

Der Koenigsweg bestuende darin, das Kapital dort abzuschoepfen, wo es hingeflossen ist - bei den Assetgrossbesitzern, damit die Schulden zu begleichen und zur Marktwirtschaft und Demokratie zurueckzukehren.
In diesem Zusammenhang muß auch Henry Ford genannt werden. Dieser optimierte und verbilligte nicht nur die Produktion seines T-Modells, sondern er erhöhte auch die Löhne seiner Arbeiter. Dadurch konnten sich diese auch bald ein T-Modell leisten, und es kam zu einer Win-Win-Situation, bei der das Unternehmen, seine Arbeiter und die Kunden profitierten.

Der im Artikel genannte Jeff Bezos hat zwar unbestritten großen Mehrwert für seine Kunden geschaffem; dies aber auf Kosten seiner Belegschaft und seiner Lieferketten. Hätte sich Bezos hier im Fordschen Sinne generöser verhalten, wäre er jetzt nicht ganz so reich, aber die Gesellschaft hätte noch mehr profitiert.

Mithin liegt die Lösung der Ungleichheit also tatsächlich nicht in der Planwirtschaft, sondern im verantwortungsvollen Unternehmertum.

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